Katrin Vitt, Sonderschullehrerin an der Schloss-Schule Ilvesheim und Mitarbeiterin am Staatlichen Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum Förderschwerpunkt Sehen. | Foto: Katrin Vitt

Wie meistern Blinde und Sehbehinderte ihren Schulalltag? – Interview mit Katrin Vitt

Blinde und sehbehinderte Schüler/-innen meistern enorme Herausforderungen, um mit dem Unterricht an allgemeinen Schulen Schritt zu halten. Auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben erhalten sie zusätzliche Beratung und Unterstützung durch den Sonderpädagogischen Dienst im Förderschwerpunkt Sehen (FS Sehen). Im Interview mit der Sonderpädagogin Katrin Vitt berichtet sie über den Schulalltag von Blinden und Sehbehinderten mit inklusiver Beschulung.

Frau Vitt, Sie unterrichten sehbehinderte und blinde Schülerinnen und Schüler an der Schloss-Schule Ilvesheim. Außerdem arbeiten Sie an der sonderpädagogischen Beratungsstelle der Schloss-Schule. Mit welchen Fragen kommt man zu Ihnen?

Die sonderpädagogischen Beratungsstellen an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) FS Sehen sind Anlaufstellen für sehbehinderte und blinde Kinder und Jugendliche. Wir beginnen mit der Frühförderung im Säuglingsalter und sind Ansprechpartner während der gesamten Schulzeit. Wir helfen bei der Wahl der Schule, beraten Lehrkräfte und unterstützen die Schülerinnen und Schüler im Schulalltag.

In welcher Lebenssituation suchen Betroffene das SBBZ auf?

Normalerweise melden sich Eltern mit einer Diagnose bei uns, wenn sie mit ihrem Kind beim Augenarzt oder in der Augenklink waren. Liegt ein augenärztlicher Befund vor, der eine Sehbehinderung oder Blindheit bestätigt, dürfen wir tätig werden. Wir arbeiten außerdem eng mit den Augenkliniken in Heidelberg und Tübingen zusammen. An der Universitäts-Augenklinik Heidelberg können wir Familien nach der häufig sehr belastenden Diagnose einer gravierenden Sehschädigung direkt ein Erstgespräch anbieten und an die zuständige Sonderpädagogische Beratungsstelle weiterleiten.

Lächelndes Mädchen mit Sehbehinderung ertastet bunte Dosen mit unterschiedlichen Strukturen.

Mädchen mit Sehbehinderung ertastet unter Anleitung einer Lehrerin bunte Dosen mit verschiedenen Strukturen. | IvanJekic via GettyImages

Blinde und sehbehinderte Menschen sollen auf ein selbständiges und möglichst unabhängiges Leben vorbereitet werden, beruflich und privat. Eine inklusive Beschulung kann dabei helfen. Wie findet man heraus, ob eine auf Sehbehinderung spezialisierte Schule oder eine allgemeine Schule die bessere Wahl ist?

Meistens zeigen sich im ersten Lebensjahr erste Anzeichen für eine Sehbehinderung, etwa, wenn Augenfehlstellungen auftreten, wenn ein Kind auf visuelle Reize nicht altersadäquat reagiert oder Mimik nicht erwidert. Stellt ein Augenarzt die Diagnose, kommt das Kind zu uns in die Frühförderung. Die Kollegen der Frühförderung fahren nach Hause und geben allen, die an der Erziehung beteiligt sind Impulse, wie im Kontext der Sehschädigung die Umwelt und Spielmaterialien gestaltet werden können. Wir beobachten die Entwicklung auf allen Lern- und Lebensbereichen: Macht das Kind in allen Entwicklungsbereichen Fortschritte? Interessiert es sich für seine Umwelt oder ist es eher introvertiert? Braucht es Anreize zum Lernen?

Besonders wichtig ist die Einschätzung der kognitiven Fähigkeiten im Vorschuljahr und das Vermitteln eines speziellen Vorschulcurriculum. Für den Übergang in die Schule erhalten die Eltern umfangreiche Informationen, um beide Systeme (das SBBZ im Förderschwerpunkt Sehen und die Rahmenbedingungen an einer allgemeinen Schule) vergleichen zu können. Entscheiden sich die Eltern für die "Vor-Ort Lösung, greift sofort ein Organisationsplan bis zur Einschulung, um alle technischen und personell notwendigen Unterstützungssysteme, von der Braillezeile bis zur Assistenz sicherstellen zu können.

Taktile Abbildung für Blinde

Taktile Abbildung für Blinde | Foto: Katrin Vitt

Nehmen wir an, eine allgemeine Schule nimmt im nächsten Schuljahr eine/-n sehbehinderte/-n oder blinde/-n Schüler/-in auf. Wie können sich Lehrkräfte vorbereiten, um eine bestmögliche Inklusion zu ermöglichen?

Der Sonderpädagogische Dienst FS Sehen bietet der Schulleitung frühzeitig eine Informationskonferenz an. Später gehen wir mit in den Unterricht und geben den Lehrkräften Feedback und Tipps. Blinde Schülerinnen und Schüler bekommen eine persönliche Assistenzkraft an die Seite gestellt. Die Assistenz muss alle Materialien, (die nicht in adaptierter Form vorliegen), für den Unterricht vorbereiten und das Lernen barrierefrei organisieren. Die Anleitung der Assistenz erfolgt ebenfalls durch den Sonderpädagogischen Dienst.

Wir beraten in der Klassenlehrerkonferenz, wie der Nachteilsausgleich bei Klassenarbeiten aussehen könnte. Für die Kolleginnen und Kollegen und auch die Mitschülerinnen und Mitschüler bieten wir Möglichkeiten der Selbsterfahrung an. Mit Simulationsbrillen (Brillen, die mit speziellen Folien beklebt werden, um die eingeschränkte Sehfähigkeit und Gesichtsfeldausfälle erfahrbar zu machen  oder Schlafmasken/Augenbinden) erleben sie, wie es ist, wenn man eine Abbildung mit eingeschränktem Sehen erfassen oder erfühlen muss.

Hochgradig sehbehinderter Schüler arbeitet im Unterricht mit digitalem Heft in Mathematik.

Hochgradig sehbehinderter Schüler arbeitet im Unterricht mit digitalem Heft in Mathematik. | Foto: Katrin Vitt

Braillezeile im Detail.

Braillezeile im Detail. Technisches Gerät zur Ausgabe von elektronischem Text als tastbare Braillezeichen. | Foto: Katrin Vitt

Sehbehinderter Schüler lernt Mathematik mit der Smartphone-App.

Sehbehinderter Schüler lernt Mathematik mit der Smartphone-App. | Foto: Katrin Vitt

"Mit Blindheit oder Sehbehinderung muss man deutlich mehr Frustration aushalten können."

Müssen die Lehrkräfte an der allgemeinen Schule ihre Unterrichtsmethode verändern, wenn sie ein Kind mit Sehbehinderung in der Klasse haben?

Nein. Wir versuchen die Schülerin oder den Schüler auf das reale Leben vorzubereiten. Ziel ist es, so weit wie möglich mit dem bestehenden System und dem Unterricht an der allgemeinen Schule klarzukommen. Wir bitten die Lehrkräfte, während des Schreibens an der Tafel diese Aufschriebe laut vorzulesen, denn das Hören ist für Sehbehinderte ungemein wichtig. Zusätzlich arbeiten sie mit Monokular – Handfernrohr für Sehbehinderte – oder Tafelbildkamera. Außerdem sollten alle Schülerinnen und Schüler mit Namen aufgerufen werden, statt durch nonverbale Gesten.

Ganz wichtig: Bei blinden Schülerinnen und Schülern sollten die Lehrkräfte das Unterrichtsmaterial frühzeitig an die Assistenzkraft weitergeben. Nur mit Vorlauf gelingt eine gute Vorbereitung. Für das geometrische Zeichnen werden z. B. taktile Zeichentafeln verwendet, die entsprechend vorbereitet sein müssen. Manchmal erarbeiten wir auch alternative Lernangebote, die bei blinden Schülerinnen und Schülern einfach mehr Sinn ergeben. In der Regel können wir jedoch mit einem zeitlichen Vorlauf alle Bildungsinhalte auch für blinde Schülerinnen und Schüler adaptieren.

Der Besuch einer Allgemeinen Schule ist vor allem für hochgradig sehbehinderte und blinde Kinder und Jugendliche sicherlich ein mutiger Schritt: Neue Umgebung, große Klassen, hoher Geräuschpegel, andere Lernmethoden. Was sind aus Ihrer Erfahrung die größten Herausforderungen bei einer inklusiven Beschulung aus Sicht der Betroffenen?

Der Lernaufwand ist höher und das Tempo eine große Herausforderung. Wieviel Zeit habe ich, um etwas zu erarbeiten? Wie schnell muss ich lesen und schreiben? Wie komme ich in den anderen Klassenraum? Das sind alles sehr hohe Anforderungen, selbst für sehende Kinder! Mit Blindheit oder Sehbehinderung muss man deutlich mehr Frustration aushalten können.

Blinde Schülerinnen und Schüler müssen außerdem durchweg Ordnung und Struktur halten. Nur, wenn jeder Gegenstand seinen richtigen Platz hat, kann eine ordentliche Taststrategie gelingen. Sonst kann es schnell passieren, dass die Trinkflasche neben dem Laptop versehentlich umkippt, ausläuft und wir haben das Dilemma! Bei sehbehinderten Schülern muss die Heftführung übersichtlich strukturiert sein, der Arbeitsplatz zuhause braucht unter Umständen eine entsprechende Beleuchtung mit kontrastreicher Unterlage, einen Schreibtisch, der eine aufrechte Sitzhaltung ermöglicht und eine übersichtliche Anordnung der Hilfsmittel. Diese ständige Disziplin ist sicherlich auch eine Herausforderung. Und dann kommt noch der Sonderpädagoge, um bestimmte Techniken am PC zu trainieren. Dieses Lernpaket ist nicht zu unterschätzen!

Und trotzdem wählen blinde und sehbehinderte Menschen manchmal den steinigen Weg der Inklusion?

Ja, weil man das echte Leben mit all seinen Hürden frühzeitig kennenlernt und meistern muss. Das sind in der Tat sehr wichtige Erfahrungen. An der Schloss-Schule Ilvesheim genießen die Schülerinnen und Schüler deutlich mehr Verlässlichkeit und Schonraum mit speziell ausgebildeten Lehrkräften, barrierefreien Räumen, einer sehr guten Ausstattung. Wenn diese Rahmenbedingungen wegfallen, bedeutet das für diese Schüler, die bereits eine intensive sonderpädagogische Bildung erlebt haben, nochmals eine große Umstellung. Das berichten uns immer wieder Schülerinnen und Schüler der Beruflichen Schulen.

Blinde können keine Tafelaufschriebe lesen, keine Experimente beobachten, keine Farben sehen. Gibt es für alle visuellen Eindrücke geeignete „Dolmetscher“? 

Ja. Es gibt für nahezu alle Aufgaben geeignete Hilfsmittel. Damit können blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler in der Schule gut zurechtkommen. Wir arbeiten mit taktilen Abbildungen mit unterschiedlichen Linienstrukturen und Flächenfüllungen. Farben werden mit Materialien in Verbindung gebracht. Samt steht zum Beispiel für die Farbe Rot. Bei Versuchsaufbauten dürfen blinde Schülerinnen und Schüler vor Unterrichtsstart den Versuchsaufbau ertasten. Beim Mikroskopieren werden die Präparate, zum Beispiel ein Zwiebelhäutchen, als Modelle mit dem 3D-Drucker nachgebaut. Blinde können ohne Probleme Vokabeln im Bus lernen. Dazu koppeln sie die Braillezeile  – elektronisches Ausgabegerät für die Brailleschrift, Anm. d. Red. – mit ihrem Smartphone, die Unterrichtsmaterialien beziehen sie aus der Cloud. Apps bieten neue Möglichkeiten für blinde Schülerinnen und Schüler. Das Repertoire ist jedenfalls sehr groß.

Taktiles Unterrichtsmaterial für Englisch zum Ertasten für Blinde.

Taktiles Unterrichtsmaterial für Englisch zum Ertasten für Blinde. | Foto: Katrin Vitt

Blinder mit Smartphone und Blindenstock unterwegs.

Sich verabreden und Freunde treffen. Mit Mut und Übung lernen Blinde, unabhängig mobil zu sein. Apps, iPhone und Blindenstock helfen dabei. | Halfpoint via iStock/GettyImages

Welches sind die wichtigsten Lern-Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte? Gibt es einen Klassiker?

(Lacht). Unter uns: Das iPhone! Ich will keine Werbung betreiben, aber Apple stellte schon sehr früh die VoiceOver-Funktion in den iPhones standardmäßig zur Verfügung. Damit kann man sich über Gesten die Bildschirminhalte auf dem iPhone vorlesen lassen. Bereits jüngere Kinder schreiben mit dem iPhone Notizen oder telefonieren selbständig. Jugendliche nutzen das iPhone und den Langstock, um mobil zu sein. Spezielle Apps weisen Blinden und Sehbehinderten den Weg und helfen ihnen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtzukommen. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie selbständig manche Jugendliche mit Blindheit Bus und Bahn fahren, um sich zum Beispiel mit Freunden zu treffen. Manche sind da unglaublich mutig und probieren einiges aus, auch wenn sie sich manchmal verlaufen. Ich finde das sensationell!

Neben dem Lernen sind soziale Kontakte enorm wichtig. Entwickeln sich außerhalb der Schule auch Freundschaften?

Ja. In der Grundschule geht es noch sehr spielerisch zu. Die Kinder sind offen, machen viel zusammen, gehen Freundschaften ein. Je mehr die Pubertät zum Tragen kommt, desto schwieriger wird es, alte Freundschaften aufrechtzuerhalten und neue Kontakte zu knüpfen. Mädchen beginnen sich über Schminke und Nagellack zu unterhalten und beschäftigen sich mit Themen, die nicht immer deckungsgleich sind mit den Interessen ihrer sehbehinderten/blinden Mitschülerin. Jugendliche, die als einzige Person mit Sehbehinderung eine Klasse besuchen, haben dann manchmal das Gefühl: „Ich bin anders“ oder „Ich nehme eine Sonderrolle ein“. Das kann frustrieren. Umso wichtiger ist es, dass sie sich mit Gleichgesinnten ihres Alters treffen und austauschen können. Auch sie brauchen eine Peergroup.

Und wo finden sie ihre Peergroup?

Zum Beispiel bei den mehrtägigen BLUBS-Treffen in Ilvesheim. BLUBS steht für „Besondere Lernangebote zur Unterstützung blinder und sehbehinderter Schülerinnen und Schüler“. Bei diesen Veranstaltungen kombinieren wir Fachthemen (z.B. Wie präsentiere ich blind?), praktische Tipps (z.B. Erste-Hilfe-Kurse für Blinde) und Freizeitangebote (z.B. Paartanzkurs für Blinde). In den Kursen lernen Teilnehmerinnen und Teilnehmer besondere Hilfsmittel und lebenspraktische Fertigkeiten kennen. Ganz wichtig ist aber auch der gemeinsame Erfahrungsaustausch und die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Die Schülerinnen und Schüler sollen spüren: „Ihr steht nicht alleine da. Auch andere kämpfen mit den gleichen Problemen. Es gibt Lösungen. Wir helfen Euch dabei.“

 

Frau Vitt, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

 

Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung und Blindheit:

Ulrike Boscher

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