Auf dem Foto ist ein lächelnder Mann mittleren Haars mit dunklem Haar und dunklem Hemd zu sehen.

Michael Schäffler, Leiter des Medienberatungszentrums für elektronische Hilfsmittel für blinde und hochgradig sehbehinderte Schüler/-innen an der Schloss-Schule Ilvesheim | Foto: Michael Schäffler

Wie nutzen Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit Medien?

Mehr als 50 Prozent aller sehbehinderten und blinden Schüler/-innen werden an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Doch Barrierefreiheit ist auch dort häufig noch ein Fremdwort. Michael Schäffler leitet das Medienberatungszentrum für elektronische Hilfsmittel für blinde und hochgradig sehbehinderte Schüler/-innen an der Schloss-Schule Ilvesheim, das für ganz Baden-Württemberg zuständig ist. Mit ihm haben wir darüber gesprochen, wie Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit Medien nutzen, auf welche Hürden sie dabei stoßen und warum wir Barrierefreiheit als Gesellschaft genauso ernst nehmen sollten wie den Datenschutz. Dieses Interview bildet den Auftakt zu einer Interviewreihe zum Thema Barrierefreiheit in den kommenden Wochen.
 

„Barrierefrei“ ist ein sperriges Wort. Was versteht man darunter und welche Bereiche sind betroffen?

Konkret versteht man darunter, dass Lebensbereiche für Menschen mit Behinderung ohne besondere Erschwernis oder fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Das betrifft sowohl bauliche Anlagen als auch Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände oder Informations- und Kommunikationssysteme. Um Barrierefreiheit herzustellen, ist daher aus meiner Sicht ein Dreischnitt notwendig: Zuerst einmal muss ein Gebäude barrierefrei sein, also zum Beispiel nicht nur über eine Treppe, sondern auch über eine Rampe und einen Aufzug verfügen. Im zweiten Schritt benötigen Menschen mit Behinderung geeignete Hilfsmittel wie beispielsweise einen Rollstuhl oder Blindenstock. Zuletzt müssen Menschen mit Behinderung aber auch in die Lage versetzt werden, kompetent mit ihren Hilfsmitteln umzugehen – sich zum Beispiel mithilfe eines Blindenstocks in einer fremden Umgebung orientieren zu können. Dieser Dreischritt lässt sich auch auf den Bereich des digitalen Arbeitens übertragen.

Im Vordergrund ist ein großes, aufgeschlagenes Wörterbuch auf einem Schreibtisch zu sehen, das unter der Kamera eines Bildschirmlesegeräts liegt. Der Inhalt der aufgeschlagenen Seite wird auf einem großen Bildschirm im Hintergrund angezeigt.

Ein Wörterbuch wird mit einem Bildschirmlesegerät vergrößert. | Foto: Michael Schäffler

Als Leiter des Medienberatungszentrums unterstützen Sie blinde und sehbehinderte Schüler/-innen dabei, Hürden bei der Mediennutzung zu überwinden. Für welche Aufgaben sind Sie zuständig? 

Im Rahmen des sogenannten Textservice übertragen wir für allgemeinbildende und berufliche Schulen die Texte aus Schulbüchern in barrierefreie Texte. Das ist ein aufwendiger Prozess, der pro Seite 20 Minuten bis eine Stunde dauern kann – je nachdem, ob es sich um ein Englisch- oder Mathematikbuch handelt. Daneben sind wir verantwortlich für die Barrierefreiheit aller zentral gestellten Abschlussprüfungen in den beruflichen und allgemeinbildenden Bildungsgängen. Außerdem unterstützen wir Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen an den SBBZ [Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, Anm. d Red.] mit Förderschwerpunkt Sehen bei der Auswahl und Beschaffung der passenden Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Schüler/-innen. Bei Fragen der Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit diesen Hilfsmitteln, z.B. der mauslosen Bedienung eines Computers, leisten wir ebenfalls Support.

Mit welchen Hilfsmitteln können Menschen mit Sehbehinderung digitale Schulbücher und Webseiten lesen?

Sehbehindert ist jemand, wenn sie oder er selbst mit einer Brille nur 30 Prozent Sehfähigkeit oder weniger erreicht. Das heißt, was Normalsehende aus zehn Metern Distanz lesen können, können Sehbehinderte frühestens aus drei Metern Distanz lesen. Daher verwenden Menschen mit Sehbehinderung nicht nur normale Brillen, sondern weitere optische Hilfsmittel wie z.B.  sogenannte Fernrohrlupenbrillen oder Lupen. Unter den elektronischen Hilfsmitteln sind Bildschirmlesegeräte sehr beliebt. Das sind große Monitore mit einer Kamera, unter die man Schulbücher oder Arbeitsblätter legen kann, die dann vergrößert auf dem Monitor angezeigt werden. Wenn man mit dem PC arbeitet, gibt es außerdem Vergrößerungssoftware, die herkömmliche Programme vergrößert darstellt, Farbkontraste erhöht oder eine invertierte Farbdarstellung ermöglicht. Da viele Sehbehinderte von großen weißen Flächen auf einem PC-Bildschirm geblendet werden, ist für sie weißer Text auf schwarzem Hintergrund häufig angenehmer zu lesen.

Auf dem Foto ist eine Braillezeile zu sehen: ein technisches Gerät zur Ausgabe von elektronischem Text als tastbare Braillezeichen.

Mit einer Braillezeile können blinde Menschen jeweils 40 Buchstaben als Braillezeichen tasten. | Foto: Michael Schäffler

„Beide Kanäle, das Hören über die Sprachausgabe und das Tasten auf der Braillezeile, ergänzen einander sehr gut.“

Und welche Hilfsmittel gibt es für Blinde?

In der Regel nutzen Blinde eine Braillezeile, ein Gerät, das per USB an den Computer angeschlossen wird. Diese kann jeweils 40 Buchstaben als Braillezeichen tastbar machen, wobei jedes Braillezeichen auf dem PC aus bis zu 8 Punkten besteht. Die Zeichen werden auf der Braillezeile durch kleine Stifte dargestellt, die je nach Buchstabe nach oben ragen und tastbar sind oder nicht. Befindet man sich also mit dem Mauszeiger an einem bestimmten Punkt im Text, werden 40 Zeichen um den Mauszeiger herum auf der Braillezeile wiedergegeben. Da Blinde mit diesem Hilfsmittel nur etwa ein Drittel so schnell lesen können wie Sehende, gibt es zusätzlich noch die Sprachausgabe. Damit können Blinde bis zu 300 bis 400 Wörter pro Minute hören.

Warum gibt es zusätzlich zur Sprachausgabe dann überhaupt noch die Braillezeile?

Wenn man eine Information nur hört, ist sie sehr schnell wieder weg und man kann sie nicht, wie auf der Braillezeile, einfach nochmal nachlesen. Denken Sie außerdem an den Fremdsprachenunterricht: Durch das reine Hören eines neuen Wortes wissen die Schüler/-innen noch nicht, wie es geschrieben wird. Auch im Mathematikunterricht ist es von Vorteil, wenn man eine mathematische Aufgabe mehrfach nachlesen kann, um sie zu lösen. Beide Kanäle, das Hören über die Sprachausgabe und das Tasten auf der Braillezeile, ergänzen einander also sehr gut.

Wie übermittelt die Braillezeile oder Sprachausgabe Elemente abgesehen von reinem Text, wie z.B. Bilder, das Design oder den Aufbau eines Dokuments? 

Damit Blinde etwa den textlichen Aufbau aus Hauptüberschriften, Unterüberschriften und Textabschnitten erfassen können, sind auf barrierefreien Webseiten und in barrierefreien Textdokumenten Inhaltselemente als solche gekennzeichnet: zum Beispiel Überschriften als Überschriften. Auf Webseiten sind Überschriften mit sogenannten „h-tags“ hinterlegt: h1 kennzeichnet eine Hauptüberschrift, h2 eine Unterüberschrift und so weiter. Blinde können dann mit der Taste „H“ von Überschrift zu Überschrift springen und sich so einen Überblick verschaffen. Damit Blinde auch Fotos und Abbildungen wahrnehmen können, muss ein Bild mit einem „Alternativen Text“ hinterlegt sein: Dieser beschreibt, was auf dem Bild zu sehen ist. Die Bildbeschreibung wird dann per Sprachausgabe oder Braillezeile wiedergegeben, sobald Blinde ihren Cursor über ein Bild bewegen.

Auf dem Foto sind zwei geometrische Körper zu sehen: links eine Pyramide und rechts ein Körper, der sich aus zwei Pyramiden zusammensetzt, deren Spitzen und eine Kante sich berühren.

Die zwei geometrischen Körper aus dem 3D-Drucker, deren Längen und Breiten mit Braillezeichen vermerkt sind, sind im Mathematikunterricht nicht nur für blinde Schüler/-innen nützlich. Auch Schüler/-innen, die ein schlechtes räumliches Vorstellungevermögen haben, können davon profitieren. | Foto: Michael Schäffler

„Ich würde mir wünschen, dass man die Barrierefreiheit ähnlich ernst nimmt wie den Datenschutz.“

Können Sie an einem konkreten Beispiel verdeutlichen, auf welche Hürden Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit stoßen, wenn sie digitale Medien nutzen?

Ein gutes Beispiel ist die Lesereihenfolge. Das betrifft unter anderem PDF-Dateien von Schulbüchern, die uns Schulbuchverlage im Rahmen des Textservice bereitstellen. Wenn man solche PDFs mit dem Screenreader [Software für die Sprachausgabe am PC, Anm. d. Red.] liest, stellt man häufig fest, dass die Reihenfolge der Überschriften und Textblöcke nicht der logischen Lesereihenfolge entspricht. Stattdessen folgen zuerst alle Textblöcke und dann alle im Text vorhandenen Überschriften nacheinander. Das liegt in diesem Fall daran, dass die Setzerin oder der Setzer zunächst den kompletten Fließtext und dann alle Überschriften gesetzt hat. Wenn sie oder er sich im Anschluss nicht die Mühe macht, die Lesereihenfolge richtig festzulegen, werden die PDFs für Blinde nahezu unlesbar.

Warum geht Barrierefreiheit uns alle an – als ganze Gesellschaft?

Zuallererst geht es um die berufliche und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen, die sowieso schon einen Nachteil im Leben haben. Mit einer barrierefreien Gestaltung verschiedener Lebensbereiche setzen wir also das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Nichtdiskriminierung um. Viele Menschen erwerben außerdem erst im Laufe ihres Lebens eine Behinderung. Die größte Gruppe der hochgradig Sehbehinderten sind Menschen mit einer Makuladegeneration [Erkrankungen der Netzhaut des Auges, Anm. d. Red.], die nach dem Rentenalter schleichend einsetzt. Das heißt, es kann jede/-n treffen. Gerade die heutige Generation erhebt den Anspruch, noch bis ins hohe Alter am gesellschaftlichen Leben teilhaben, ins Theater oder Restaurant gehen zu können. Dafür ist Barrierefreiheit unerlässlich.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Welche Fortschritte würden Sie sich in den nächsten Jahren in Richtung einer barrierefreien Gesellschaft wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass man die Barrierefreiheit ähnlich ernst nimmt wie den Datenschutz. Es gibt zwar für den öffentlichen Dienst die Verordnung BITV, die eine barrierefreie Gestaltung von Webseiten vorschreibt. Doch Verstöße dagegen werden nicht geahndet – im Gegensatz zu Verstößen gegen den Datenschutz, die massive Strafen nach sich ziehen. Das ist so von der EU eigentlich nicht vorgesehen. Ein zweiter Wunsch wäre die Einführung von Regeln für den privaten Bereich, damit in Zukunft auch Verlage oder Online-Händler darauf achten müssen, ihre Produkte, Apps und Webseiten barrierefrei anzubieten. Die Pläne der EU sehen dies für das Jahr 2025 in den Mitgliedstaaten vor. Zuletzt wünsche ich mir sehr, dass die beschleunigte Digitalisierung an Schulen auch dafür genutzt wird, das Thema Barrierefreiheit im Bildungsbereich weiterzuentwickeln. Meine Vision sind Schulbücher und Lernplattformen, die alle Schüler/-innen mit Behinderung selbständig und ohne fremde Hilfe nutzen können.

Herr Schäffler, herzlichen Dank für das Gespräch.

Madeleine Hankele-Gauß

E-Mail senden

Diese Seite teilen: