Das gefährliche Spiel mit KI-Bots

Stress in der Schule, Liebeskummer, Einsamkeit oder Zukunftsängste: das alles sind Themen, für die junge Menschen immer häufiger Rat bei KI-Chatbots suchen – und hier einfach zugängliche Antworten finden. Die KI ist immer verfügbar, verständnisvoll und verurteilt nicht. In emotional belastenden Situationen werden Chatbots um Hilfe gefragt, da diese im Gegensatz zu Beratungs- und Therapieangeboten rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Einen vollwertigen Ersatz für das zwischenmenschliche Gespräch oder therapeutische Angebote stellen KI-Chatbots jedoch nicht dar und die Empfehlungen und Antworten können je nach Thema riskant sein oder im schlimmsten Fall die Situation verschlechtern. Wir haben uns aktuelle Studien angeschaut und die Nutzungsmotive und Grenzen dieser künstlichen Verbindung unter die Lupe genommen, um Tipps für den Familienalltag zu geben. 

Smartphone-Bildschirm mit den Apps von Talkie, Character.AI und Replika.

KI-Bots wie die von Character.AI, Talkie oder Replika können als Apps auf jedem Smartphone installiert werden.

Ein Blick in aktuelle Studien

KI als Alltagsbegleiter & Bezugsperson?

Vor allem ChatGPT ist in der Online-Nutzung von Jugendlichen sehr verbreitet. Laut der aktuellen JIM-Studie nutzen 74 Prozent der befragten 12- bis 19-jährigen KI-Anwendungen für Hausaufgaben und Lernen. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass 57 Prozent der befragten Jugendlichen die von KI-Anwendungen gelieferten Informationen als vertrauenswürdig einordnen (vgl. JIM-Studie 2025). Aktuelle wissenschaftliche Studien (z. B. hier) sind bezüglich der Genauigkeit und Konsistenz der Antworten generativer Künstlicher Intelligenz wesentlich vorsichtiger

Ansprechpartner in allen Lebenslagen 

Die Schule ist laut JIM-Studie für Heranwachsende der wichtigste Einsatzbereich von KI. Allerdings werden Chatbots auch vermehrt zu Rate gezogen, um Themen wie Freizeitgestaltung, Gesundheit oder schwierige Gefühle zu besprechen oder um sich weniger einsam zu fühlen. Das zeigt die aktuelle Jugendstudie von Saferinternet.at: ein knappes Drittel der befragten Jugendlichen nutzt Chatbots, um Sorgen oder Probleme zu besprechen. Vier von 10 Jugendlichen empfinden es dabei als hilfreicher, eine KI zu befragen als einen Menschen.  

KI gewinnt also zunehmend auch im emotionalen und zwischenmenschlichen Bereich an Bedeutung. Fast ein Viertel der Befragten nutzt KI zumindest manchmal, um freundschaftliche Unterhalten zu führen. Hierbei zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei der JIM-Studie: das Vertrauen in die KI ist groß und die Gefahren und Risiken werden unterschätzt. 

Maschinen als Ratgeber? Die Gefahr parasozialer Beziehungen 

Daraus resultierende Beziehungen werden auch als parasozial bezeichnet. In der Medienpsychologie spricht man von einer parasozialen Beziehung, wenn eine Person eine längerfristige, emotionale Bindung beispielsweise zu einer Person auf Social Media aufbaut. In dieser einseitigen Bindung, bei der der Medien-Star für gewöhnlich nicht einmal weiß, dass der jeweilige Rezipient existiert und gar einen emotionalen Bezug aufgebaut hat, kann bereits eine starke, emotionale Nähe erfahren werden. Durch künstliche Intelligenz wird das Erleben noch einmal verändert, da generative Systeme direkt reagiert. Die Interaktion kann sich sehr real anfühlen und unter Umständen sogar stärkere Emotionen und Bindung wecken als eine Interaktion mit anderen Menschen. 

Das zeigte eine Studie der Universitäten Freiburg und Heidelberg. Hierbei führten in zwei Online-Studien 492 Teilnehmende per Chat Unterhaltungen zu Lebenserfahrungen und Freundschaften. Die Reaktionen darauf stammten entweder von einem Menschen oder einem auf KI-basierten Sprachmodell. Bemerkenswert war: KI-Antworten erzeugten insgesamt ein vergleichbares Gefühl von Nähe, wie die Antworten eines menschlichen Gegenübers, wenn nicht bekannt war, dass mit einer KI kommuniziert wurde. In emotionalen Gesprächen übertraf die KI sogar die menschlichen Antworten. Wurden die Teilnehmenden jedoch informiert, dass sie mit einer KI kommunizieren, sank diese empfundene Nähe deutlich. Den Forschenden zufolge offenbart sich hier ein großes Potenzial für psychologische oder pflegerische Bereiche, wenn auch gleichzeitig deutlich wird: es braucht ethische und regulatorische Leitlinien, um Verschleierung und Missbrauch zu verhindern. Die gesamte Studie ist hier nachzulesen.

Junge Frau schaut kritisch auf ein Smartphone.

Jeder Zehnte Jugendliche findet das Gespräch mit der KI hilfreicher als das mit einem Menschen.

Wo KI unterstützen kann und wo Risiken liegen

Dass Chatbots von Jugendlichen genutzt werden und dass sich die Unterhaltung mit ihnen anfühlen kann, als spreche man mit einem Menschen, steht fest. Als niederschwelliges Angebot können Chatbots eine emotionale und psychosoziale Unterstützung sein. 

Der erste Liebeskummer, Streit mit den Eltern oder Konflikte im Freundeskreis kann und möchte man vielleicht nicht als erstes mit den eigenen Eltern besprechen - viel zu peinlich. Da fällt es oft leichter, sich erst einmal einem neutralen KI-Tool anzuvertrauen. Im besten Fall kann der Chatbot helfen, den Konflikt einzuordnen, verschiedene Positionen erklären und zur Übung für ein anschließendes Gespräch mit echten Menschen dienen. 

Es existieren bereits Programme, mit denen man sich ein künstliches Gegenüber nach seinen Vorstellungen erstellen kann (siehe Exkurs). Der Chatbot erhält ein „Gesicht“ und einen „Charakter“ mit individuellen Persönlichkeitsmerkmalen. Das bietet kreative Spielräume, in denen man mit neuen Rollen experimentieren kann. Gerade für Jugendliche, die gerade erst ihre Identität entdecken und entwickeln, kann das reizvoll sein

Die KI bleibt eine Textmaschine 

Bei all dem sollte aber nie vergessen werden, dass man es mit Algorithmen und nicht mit einem Menschen zu tun hat. Chatbots liefern immer eine Antwort, wenn man eine Frage stellt, aber nicht zwingend faktenbasierte Informationen. KI kennt keine Empathie und urteilt nicht – und schon gar nicht nach ethisch moralischen Gesichtspunkten. Sie kann Vorurteile reproduzieren und sein Gegenüber in seiner Meinung bestärken, statt neue Perspektiven zu öffnen. 

Nicht zuletzt besteht auch ein Risiko in Bezug auf die Daten, die bei jeder gestellten Frage an den Chatbot übermittelt werden. Gerade, wenn man sehr persönliche Themen mit der KI bespricht, gibt man mitunter sensible Informationen Preis, ohne absehen zu können, was damit passiert. 

Durch den interaktiven Charakter und die oft eher zustimmende Reaktion von Chatbots, kann eine emotionale Bindung entstehen, die sich anfühlen kann, als würde man mit einem Menschen sprechen. 

Für ein solches, parasoziales Beziehungserleben sind Kinder und Jugendliche besonders empfänglich. Sie müssen erst lernen, wie Beziehungen aufgebaut und gestaltet werden können. Bei einer intensiven Nutzung von KI-Chatbots besteht die Gefahr, dass sich junge Menschen an die vermeintlich perfekte Kommunikation gewöhnen. Unsicherheit in echten Gesprächen kann dadurch verstärkt werden. Das kann so weit gehen, dass man echte Sozialkontakte meidet. Ein unreflektierter Umgang kann sich negativ auf die soziale Entwicklung und Realitätseinschätzung von Heranwachsenden auswirken. 

KI-Charaktere haben teilweise Beschreibungstexte bei denen sexuelle Handlungen und sogar sexualisierte Gewalt thematisiert werden.

Exkurs: Was macht Charakter-Bots so besonders

Charakter-Bots (oder auch: AI companions) simulieren mithilfe Künstlicher Intelligenz menschliche Kommunikation. Diese KI-Begleiter können reale Personen oder auch fiktive Charaktere imitieren und erzeugen auf künstliche Weise eine emotionale Nähe. Sie gehören zum Bereich der dialogorientierten KI und lassen sich am ehesten mit Rollenspielen vergleichen. Von einem einfachen Austausch bis hin zu einem vertieften Gespräch mit dem Lieblingsseriendarsteller ist alles möglich. Je mehr kommuniziert wird, das heißt, je mehr Input durch die Nutzer/-innen geliefert wird, desto stärker ist die Rollenentwicklung des Bots. 

Auch Jugendliche nutzen Angebote, wie beispielsweise Character.AI, Talkie oder FlowGPT. Jugendschutz.net hat sich diese drei Dienste exemplarisch im Rahmen einer Recherche im September 2025 genauer angeschaut. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Risiko sexualisierter Gewalt an Minderjährigen. Dabei stellte Jugendschutz.net folgende Risiken fest: 

  • Aufgrund von unzureichenden Filtereinstellungen und Vorsorgemaßnahmen sowie einfach zu umgehender Altersbeschränkungen geraten Minderjährige schnell mit ungeeigneten oder gefährdenden Inhalten in Kontakt. 

  • Bots erzeugten eigenständig Texte, in welchen Minderjährige sexualisiert wurden. 

  • KI-Charaktere dieser Seiten haben meist Beschreibungstexte, die Grundlage für die Unterhaltungen sind. In mehreren Beschreibungen wurden Bezüge zu sexualisierter Gewalt gefunden.  

  • Die teilweise vorhandenen Schutzmaßnahmen ließen sich leicht umgehen und verfehlten damit ihre Wirkung 

Zum Report von Jugendschutz.net

4 Tipps für Eltern und Erziehende

So vereinbaren Sie Regeln rund um die KI-Nutzung

Zuallererst hilft es sehr, wenn Sie sich darüber informieren, was KI-Chatbots sind und vor allem, welche Bedeutung sie für Jugendliche haben können. Lassen Sie sich dabei von technischen Einzelheiten nicht abschrecken. Sie müssen nicht zwingend technisch verstehen, wie ein generatives System zu seinen Ergebnissen kommt – aber wo Nutzungsmöglichkeiten sind, wo es zu Verzerrungen kommen kann, beziehungsweise wo KI an ihre Grenzen stößt. Dieses Spotlight zu lesen, bietet auch schon eine gute Grundlage! Lernen Sie mögliche Risiken kennen, wie fehlerhafte Antworten oder die Weitergaber privater intimer Inhalte. So haben Sie eine gute Grundlage, welche Sie im nächsten Schritt an Ihr Kind weitergeben können.  

Als nächstes gilt es zu verstehen, warum Ihr Kind Chatbots nutzt und wofür. Ein gemeinsames Gespräch, mit einem Einstieg ohne Warnung und mit aufrichtigem Interesse, schafft hier die Basis: wie nutzt du KI, in welchen Situationen kann es helfen und in welchen eher nicht? Dabei können Sie Ihrem Kind auch Ihre Haltung verdeutlichen: Ich traue dir einen verantwortungsvollen Umgang mit Chatbots zu. Wichtig ist, die Anliegen und Fragen von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen. Es geht also um die Frage: Welche Motive oder Bedürfnisse stehen (bei meinem Kind) im Vordergrund der Nutzung? 

Im dritten Schritt können (gemeinsam) Nutzungsregeln für Chatbots in der Familie festgelegt werden. Diese Regeln sollten nicht nur die reine Nutzungsdauer festlegen, sondern auch, wie mit KI-Antworten umgegangen werden sollte und wie ein möglichst datensparsamer Gebrauch aussehen kann. 

Um verbindliche Regeln aufzubauen, ist ein regelmäßiger Austausch, auch über technische Themen nötig. Zudem sind die Stärkung von Beziehungskompetenzen, Empathie und das Wissen um Grenzen elementar für die reflektierte Nutzung von KI-Anwendungen. All das vermitteln Sie am besten in regelmäßigen Gesprächen über die Mediennutzung Ihres Kindes. Zeigen Sie Interesse und seien Sie offen für Fragen und Bedenken. Der Austausch mit Bezugspersonen ist von großer Bedeutung, damit Jugendliche Gelegenheiten haben, sich über eben diese Ambivalenzen von Vor- und Nachteilen der Nutzung von KI austauschen können. Ein echtes, respektvolles Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist für die sozial-emotionale Entwicklung junger Menschen von enormer Bedeutung und kann nicht durch KI ersetzt werden. 

Fazit

Jugendliche nutzen KI-Chatbots und das längst nicht mehr nur für das schnelle Erledigen von Hausaufgaben. KI-Bots sind auf nahezu jedem Smartphone zugänglich, integriert in vielen Messenger- und Social Media Apps. Daher ist es wichtig, sich auch als Erwachsene mit dieser Form der Mediennutzung auseinander zu setzen, um mitreden und begleiten zu können. Denn so zügig, wie die technische Entwicklung voran geht, bleibt eines unverändert wichtig: vertrauensvolle und tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen, die beim reflektierten und kritischen Aufwachsen mit Medien begleiten und beim Entwickeln von KI-Kompetenz unterstützen. 

Carolin Arning & Andrea Zeisberg

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