Instagrams Gewalt-Debakel Anfang 2025

Ende Februar 2025 sorgte eine Panne bei Instagram dafür, dass vielen Nutzer/-innen statt harmloser Unterhaltungsvideos gewalthaltige Inhalte angezeigt wurden. Sogar Nutzer/-innen, die in den Einstellungen der App vorgesorgt und ihre Filter für sensible Inhalte auf die höchste Stufe gesetzt hatten, waren betroffen – darunter auch Minderjährige. Nach wenigen Stunden war der Fehler bei Instagram behoben, die Feeds zeigten wieder die gewohnten Inhalte.

Die Gewaltvideos – auch Gore-Videos genannt – sorgten auf den Pausenhöfen für reichlich Gesprächsstoff. Leider waren die Videos nicht nur Grund zur Belustigung: gerade jüngere Heranwachsende wurden durch echte Gewaltszenen verunsichert und verängstigt.

Dass schockierende, grausame und ekelerregende Bilder oder Videos im Internet leicht zugänglich sind, ist kein neues Problem. Bislang waren solche Inhalte aber vor allem auf einschlägigen Webseiten und Foren versteckt zu finden. Neu ist: über soziale Netzwerke werden solche Inhalte aktiv ausgespielt und können unaufgefordert an Personenkreise gelangen, welche davor eigentlich geschützt werden sollten – wie im Fall der Instagram-Panne.

Was tun? Checkliste herunterladen

Mädchen sitzt im Dunklen auf dem Bett und schaut zwischen den Fingern auf ihr Smartphone.

Schockierende, grausame und ekelerregende Bilder oder Videos sind im Internet leicht zugänglich: leider auch auf Instagram. | Foto: Andrii Lysenko – adobestock.com

“Phänomen” Gore Videos: Erklärung

Ursprünglich bezeichnete „Gore“ ein Filmgenre, bei dem ein besonderer Fokus auf der Darstellung von fiktiver Gewalt und/oder Verletzungen lag. Mittlerweile hat sich der Begriff für (vermeintlich) reale Video- und Bildaufnahmen aus unterschiedlichen Kontexten etabliert. Anders als in fiktiven Filmen und Games fehlt bei diesen Darstellungen die Gewissheit, dass tatsächlich niemand zu Schaden oder zu Tode gekommen ist. Die Opfer in den Videos sind oftmals klar zu erkennen und werden durch die Verbreitung der Taten re-viktimisiert. Diese

drastischen Darstellungen sind im Internet leicht zugänglich und können Kinder und Jugendliche stark ängstigen und verstören.

Weitere Informationen zu Gore-Inhalten und Jugendmedienschutz finden Sie im Report Gore im Wandel (PDF) von jugendschutz.net.

Wie werden junge Menschen auf gewalthaltige Videos aufmerksam?

Wenn Kinder und Jugendliche auf Videos oder Fotos mit drastischen Gewaltdarstellungen stoßen, dann meist über soziale Netzwerke oder durch Weiterleitung in Messenger-Apps. Die Richtlinien der Plattformen verbieten i.d.R. Gewaltdarstellungen, aber die Content-Moderation funktioniert nicht lückenlos.  

Normalerweise spielt einem der Algorithmus harmlose Unterhaltungsvideos aus. Aus Neugier suchen junge Menschen auch aktiv nach entsprechenden Inhalten und teilen diese mit ihren Freund/-innen. Aber warum konsumieren Kinder und Jugendliche solche Inhalte? 

  • Lust am Verbotenen: Die schockierenden Bilder und Videos faszinieren, denn Sterben und Tod sind immer noch gesellschaftliche Tabuthemen. Kinder und Jugendlichen loten beim Betrachten solcher Inhalte ihre eigenen Grenzen aus. 
  • Sozialer Aspekt: Das gemeinsame Anschauen dieser Inhalte kann die Gruppenzusammengehörigkeit stärken und als geteiltes Abenteuer erlebt werden. Manchmal ist das Ansehen von Gewaltvideos auch Teil von Mutproben oder Challenges.  
  • Test der eigenen emotionalen Selbstkontrolle: Es geht mitunter auch darum, sich den eigenen Mut zu beweisen. Durch gewalthaltige, schockierende Inhalte will man in diesem Fall testen, wie stark man eigene Emotionen kontrollieren kann. Nach der Mutprobe kann man sich einreden: Ich habe meine Emotionen unter Kontrolle! 
Erklärvideo "Gewaltvideos im Netz! Kinder und Jugendliche schützen! Tipps für Eltern und Lehrkräfte"
Um diese Inhalte anzuzeigen, wird eine Verbindung mit www.youtube.com hergestellt. Hierbei werden Daten in die USA übermittelt.

Instagram – für Kinder geeignet?

Soziale Netzwerke sind Plattformen, die sich vor allem an Erwachsene richten. Dass auch Kinder gern in Social Media-Feeds stöbern, ist bei den bunten Bildern und Videos nachvollziehbar. Vor allem, wenn es die Erwachsenen vorleben.

Leider hat der Algorithmus, nach dem Inhalte ausgewählt und angezeigt werden, seine Tücken. In der Regel richtet sich der Algorithmus nach den Interessen der User: Wer zum Beispiel häufig nach Buch-Tipps sucht, wird vor allem diese gezeigt bekommen. Die Panne bei Instagram Ende Februar zeigt jedoch, dass man sich darauf nicht komplett verlassen sollte. Und selbst wenn der Algorithmus fehlerfrei funktioniert, kuratiert er die gezeigten Inhalte nicht anhand des Alters der Nutzenden und pädagogischer Kriterien. Im Falle unseres Beispiels, den Buch-Tipps, können unter den Lese-Empfehlungen für Kinder ungeeignete Themen vorgeschlagen werden.

Metas Richtlinien

Anfang Januar kündigte Meta im Rahmen einer grundsätzlichen Neuausrichtung an, künftig weniger strenge Maßnahmen bei problematischen Inhalten zu ergriffen. Ziel sei es, „Fehlentscheidungen“ bei der Moderation zu reduzieren und stärker Meinungsfreiheit zu gewähren.

Kritiker warnen, dass diese Änderungen bewirken, dass sich extreme oder gefährliche Inhalte stärker verbreiten. Besonders bedenklich: Meta hat kürzlich sein Faktencheck-Programm in den USA eingestellt und setzt stattdessen auf ein Modell, das der umstrittenen „Community Notes“-Funktion von Elon Musks Plattform X ähnelt. Hierbei sollen Nutzende selbst die Inhalte auf Glaubwürdigkeit prüfen. Gemäß den Richtlinien von Instagram (Stand März 2025) sind zudem viele Darstellungen von Wunden, Gewalt und Toten durchaus in Ordnung, es muss nur ein Warnhinweis vorgeschaltet werden.

Kinder frühzeitig über die Risiken aufklären

Soziale Netzwerke gehören für viele Jugendliche fest zu ihrem Alltag dazu. Vor allem Instagram ist ein wichtiges Kommunikationstool, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, sich selbst auszuprobieren und Feedback der Peer Group einzuholen – das unterstützt Heranwachsende bei der Identitätsfindung. Dass sich Kinder und Jugendliche mit den Risiken sozialer Netzwerke auskennen, sollte daher so früh wie möglich gefördert werden. Schlussfolgerung für Eltern: Wenn Kinder in einem geschützten und begleiteten Rahmen gemeinsam mit einer Bezugsperson Plattformen wie Instagram ausprobieren können, bewegen sie sich auch künftig sicherer auf Social Media.

Ab wann dürfen Kinder auf Instagram? Nicht nur eine Frage des Alters

Ab welchem Alter der Zugang zu Sozialen Netzwerken in Ordnung ist, kann nicht pauschal gesagt werden. Instagram weist als Mindestalter für die Registrierung und Erstellung eines Accounts 13 Jahre aus (Stand März 2025), wobei es Eltern überlassen bleibt, Ihren Kindern zu erlauben, auch mit einem jüngeren Alter einen Account zu erstellten. Eine pädagogische Altersempfehlung bieten die AGB aber nicht und die Einschränkung kann leicht umgangen werden, indem man ein falsches Alter angibt. Ab welchem Alter Ihr Kind Instagram nutzen darf, liegt also bei Ihnen als Eltern.

Generell gilt, dass sich jedes Kind individuell entwickelt. Kompetenzen und Verantwortungsbewusstsein können bei Kindern desselben Alters sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Ebenso die Reife für soziale Netzwerke wie Instagram. Spätestens, wenn im Freundeskreis Ihres Kindes die ersten eigenen Accounts erstellt werden, wird Social Media auch zu Hause ein Thema. Wichtig ist, offen darüber zu sprechen und gemeinsam mit Ihrem Kind das Für und Wider abzuwägen, um eine Lösung zu finden.

Tipps für den Schutz vor gewalthaltigen Inhalten

Wenn der Wunsch nach einem eigenen Instagram-Account aufkommt, sollten mit dem Kind vorab Regeln für die Nutzung, beispielsweise Nutzungszeiten, vereinbart werden. Gerade zu Beginn sind eine begleitete Nutzung und ein Austausch über die Inhalte wichtig, um die Plattformen mit ihren Möglichkeiten kennen zu lernen. Es können gemeinsam Accounts ausgewählt werden, denen man aktiv folgt. Eltern können vorab recherchieren, welche Accounts und welche Inhalte für das eigene Kind passend sind, um vorbereitet zu sein.

Im Austausch mit Ihrem Kind können Sie auf problematische Inhalte hinweisen und erklären, dass es im Internet „Bilder und Videos gibt, die einem Angst machen können und deshalb nicht für Kinder geeignet sind“. Ihr Kind soll lernen,

  • dass man aus Versehen auf solche Seiten und Videos gelangen kann,
  • dass man solche Seiten und Videos jederzeit abschalten und schließen kann - und wie das funktioniert,
  • dass man Personen, die einem ungeeignetes Material weiterleiten, „Nein“ sagen und blockieren kann - und wie das funktioniert,
  • dass es keine Bilder oder Videos, die Angst machen, weiterleiten darf,
  • dass es bei negativen Erfahrungen mit dem Smartphone jederzeit mit Ihnen reden sollte.

Instagram als Plattform gemeinsam entdecken, miteinander über die Lieblingsinhalte sprechen und oben genannte Selbstschutzstrategien vermitteln, stärkt das Vertrauensverhältnis in der Familie sowie das Selbstvertrauen und die Medienkompetenz Ihres Kindes.

Ein Vater sitzt neben seiner Tochter auf einem Sofa. Die Tochter hält ein Tablet in der Hand und gestikuliert.

Ein Vater lässt sich von seiner Tochter zeigen, was sie auf dem Tablet in ihrer Freizeit macht – auf diese Weise kann man Kinder in ihrer Mediennutzung besser verstehen und begleiten. | golero/E+ via Getty Images

Technische Schutzmaßnahmen

Technische Schutzmaßnahmen können gerade bei jüngeren Kindern eine gute Ergänzung zur begleiteten Mediennutzung sein. Hier finden Sie einige Tipps, wie Sie das Smartphone ihrer Kinder konfigurieren können:

Privates Konto

Stellen Sie das Konto ihres Kindes unbedingt auf privat.

Content-Filter nutzen

Instagram bietet bspw. die Möglichkeit, bestimmte Inhalte einzuschränken, die “sensible Inhalte” genannt werden. Hierunter fallen u.a. auch Gewaltdarstellungen. In den Content-Präferenzen können Sie außerdem Worte, Ausdrücke und Emojis benennen, die zusätzlich verborgen werden sollen. So können Sie individuell auf Ihr Kind eingehen.

Nachrichtenanfragen sperren

Ergänzend sollten Sie Erwähnungen unter den Beiträgen anderer einschränken sowie Nachrichtenanfragen von anderen Instagram-Nutzenden sperren.

Elternaufsicht

Über Instagram können Sie die Elternaufsicht nutzen, bei der das Konto Ihres Kindes mit Ihrem Konto verknüpft werden kann, um es beaufsichtigen zu können. Je älter Ihr Kind ist, desto stärker sollten Sie jedoch auf Vertrauen und Kommunikation, statt auf Kontrolle setzen. Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre.

Jugendschutzfilter

Zusätzlich können Sie gerade bei jüngeren Kindern ein extra Jugendschutzprogramm für das gesamte Smartphone installieren und einrichten. Bei eingeschaltetem Jugendschutzfilter sind zum Beispiel einschlägig bekannte Webseiten mit Gewaltinhalten nicht mehr aufrufbar.

Weitere Informationen und Anleitungen, um die Einstellungen bei Instagram und anderen Apps anzupassen, finden Sie unter www.medien-kindersicher.de

Aber: Technische Schutzeinstellungen bieten keine absolute Sicherheit. Die Konfrontation mit entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten wie Gewaltvideos kann auf sozialen Netzwerken trotz Content-Moderation und der Berücksichtigung von Filtern nie ganz ausgeschlossen werden. Daher ist es vor allem auch wichtig, die Mediennutzung erzieherisch zu begleiten.

Zu medien-kindersicher.de

Was tun, wenn das Kind verstörende Gewaltdarstellungen gesehen hat?

Als erwachsene Bezugsperson sollten Sie offen über das Gesehene sprechen und den Kindern helfen, es einzuordnen:

  • Lassen Sie das Kind erst einmal erzählen und erklären Sie, dass Sie es gut finden, dass es mit solchen Problemen zu Ihnen kommt.
  • Verurteilen Sie das Handeln nicht vorschnell, egal ob Ihr Kind unfreiwillig oder mit Absicht auf einen bedenklichen Inhalt gestoßen ist. Versuchen Sie sich in die Lage des Kindes hineinzuversetzen.
  • Vermitteln Sie klar, dass Sie die konsumierten Inhalte nicht gut finden und grausame Inhalte aus mehreren Gründen hochproblematisch sind. Verwundete, sterbende oder bereits tote Menschen zur Schau zu stellen, verletzt deren Menschenwürde massiv. Außerdem können solche Darstellungen für Kinder und Jugendliche entwicklungsbeeinträchtigend sein. Daher sollten sie nicht weiterverbreitet werden. Auch nicht mit vermeintlich guten Absichten, wie zum Beispiel als Warnung oder um auf Missstände aufmerksam zu machen. Seien Sie sich Ihrer Rolle als Vorbild bewusst, aber vermeiden Sie, das Kind für sein Verhalten auszuschimpfen oder abzuwerten.
  • Stärken Sie das Selbstbewusstsein. Manchmal verbreiten sich gewalthaltige Inhalte, wenn Kinder oder Jugendliche einander im Rahmen von Challenges und Mutproben herausfordern. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es auch mutig ist, „Nein“ zu sagen und dem Gruppendruck standzuhalten.
  • Entwickeln Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Strategien, um solche Inhalte künftig zu vermeiden. Zum Beispiel Fotos und Videos löschen, falls man sie geschickt bekommen hat. Drastische Inhalte können bei den Social Media Plattformen oder bei jugendschutz.net und www.internet-beschwerdestelle.de gemeldet werden. Zudem kann man Accounts melden und blockieren, die derartige Inhalte verbreiten. Mit diesen Strategien verbessern Sie nicht nur den Schutz Ihres Kindes, sondern fördern auch dessen Medienkompetenz.
  • Unterstützen Sie bei Angst und Verunsicherung. Wenn Ihr Kind zum Beispiel schlecht träumt, versuchen Sie vor allem zu trösten und zu vermitteln, dass es sicher ist. Ist Ihr Kind bereits älter, können Sie gemeinsam überlegen, wie das Kind am besten wieder zur Ruhe kommt. Z.B. eine Folge der Lieblingsserie schauen, Meditation und Entspannungsübungen machen oder beruhigende Musik hören.

Manchmal aber reicht das Sprechen nicht aus – besonders, wenn das Gesehene starke Albträume verursacht. Kann Ihr Kind nicht mehr schlafen? Wirkt es in sich zurückgezogen? Nehmen Sie Alarmzeichen ernst und suchen Sie professionelle Unterstützung, um Ihrem Kind angemessen zu helfen.

Fazit

Wenn Kinder und Jugendliche soziale Netzwerke nutzen, bietet das – neben den genannten Risiken – immer auch die Chance, bereits früh deren Medienkompetenz zu fördern. Eltern sollten aber gut abwägen, ab welchem Alter ihr Kind die nötige Reife für soziale Netzwerke erlangt hat. Denn leider ist auf die Plattform-Anbieter trotz Jugendschutzfilter und Content-Moderation nur eingeschränkt Verlass.

Strikte Verbote schützen ebenfalls nur bedingt und können Jugendliche ein Stück weit aus ihrem sozialen Umfeld ausschließen sowie das Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern stören. Begleiten Sie die Mediennutzung Ihrer Kinder und tauschen Sie sich in offenen Gesprächen über deren Medienwelten aus. Damit schaffen Sie eine wichtige Grundlage für eine gelingende Medienerziehung und einen sicheren Umgang mit digitalen Lebenswelten.

Unsere Beratungsstelle hat ein Ohr für Sie!

Bei individuellen Fragestellungen und Problemen rund um die Rezeption problematischer Medieninhalte hilft die medienpädagogische Beratungsstelle des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg weiter:

  • Mo. – Do.: 8:30 bis 16 Uhr, Fr.: 8:30 bis 13 Uhr
  • Tel.: 0711 4909-6321
  • E-Mail: Beratungsstelle@lmz-bw.de

Zur Beratungsstelle

Beratungsstelle anrufen

Link-Tipps

Für Erziehende

Medien-kindersicher.de

Seiten zum Melden von Verstößen gegen Jugendschutzbestimmungen

Jugendschutz.net

Internet-beschwerdestelle.de

Für die pädagogische Praxis

Unterrichtsmaterial der EU-Initiaitve klicksafe u.a. mit einer Einheit zum Thema Gewaltdarstellungen:

App+on – Sicher, kritisch und fair im Netz

Podcast SchoolCrime (SMZ Stuttgart)

Folge 19: Schock durch Gewaltvideo mit Anja Schneider von Jugendschutz.net, mit Begleitmaterial

Jetzt reinhören!

Andrea Zeisberg

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