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Wie digitales Wohlbefinden stärken? – Vier Empfehlungen der Stuttgarter Tage für Medienpädagogik

Madeleine Hankele-Gauß

Der Bedarf an emotionaler Entlastung ist groß, wie Gespräche mit ChatGPT über psychosoziale Probleme zeigen. Maximilian Schober, wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF, warb daher für niedrigschwellige medienpädagogische Angebote, die Sozialkompetenz fördern. | Foto: Patricia Nelligan

Für eine starke mentale „Firewall“: Welche Kompetenzen brauchen Jung und Alt?

Wie errichten wir eine „Firewall“ für unsere mentale Gesundheit – und die unserer Kinder und Jugendlichen? Bei den 48. Stuttgarter Tagen für Medienpädagogik drehte sich am 18. März 2026 im SWR Funkhaus Stuttgart alles um digitales Wohlbefinden und wie wir es im Alltag stärken können.

Die Teilnehmenden der Fachtagung diskutierten mit Expertinnen und Experten aus Forschung und Medienpädagogik, wie sich digitale Mediennutzung auf Psyche und Gesundheit auswirken. Im Kern ging es darum, welche Kompetenzen Jung und Alt brauchen, um digitale Belastungen zu bewältigen oder diesen aktiv vorzubeugen. Lesen Sie hier, was die Expertinnen und Experten für das eigene Nutzerverhalten und die medienpädagogische Praxis empfehlen.        

1. Weniger ist mehr: Im „sozialen Supermarkt“ ausgewählt konsumieren

Prof. Dr. Sabine Trepte, Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim, appellierte in ihrem Vortrag an das Publikum, die Aufmerksamkeit im „sozialen Supermarkt“ der Social-Media-Plattformen gezielt zu verschenken: Wo können uns soziale Medien nützlich sein oder sogar unsere Gesundheit fördern? Genau wie im richtigen Supermarkt sollten wir auch auf Social Media genau abwägen, welche Angebote wir wahrnehmen – anstatt wahllos alles in den „Einkaufswagen“ zu werfen.  

Ihr Tipp: „Wir müssen recherchieren und können nicht nur im For-You-Feed bleiben.“ Durch aktives Recherchieren treffen wir „proaktive Selektionsentscheidungen“ bei der Medienauswahl und das unterstützt insbesondere Lernprozesse, bei denen politisches Wissen generiert wird. Auf diese Weise können wir besser von informationsbezogenen Inhalten in den sozialen Medien profitieren – die zwar weniger als 5 Prozent aller Social-Media-Inhalte ausmachen, aber trotzdem relevant sind.

Der Medienpädagoge Lukas Schega vom Senioren-Medienmentoren-Programm des LMZ rückte den Fokus auf KI-Technologie: Sozialroboter wie Navel könnten dazu beitragen, chronische Einsamkeit zu lindern. | Foto: Patricia Nelligan

2. Weniger Scheu: Chancen von Digitalisierung und KI für den Gesundheitsbereich nutzen

„Social Media macht gesund“: Dieser Satz kann laut Prof. Dr. Trepte zutreffen, und zwar beispielsweise auf Menschen mit chronischen oder seltenen Krankheiten. Da Betroffene viel emotionale Unterstützung benötigen, steigert sich ihr Wohlbefinden tatsächlich mit einer höheren Social-Media-Nutzung. Die sozialen Medien können für sie eine „Brücke“ zurück ins Leben darstellen.

Gesundheitsförderlich können digitale Technologien auch für Menschen sein, die an chronischer Einsamkeit leiden. Sie nehmen die Diskrepanz zwischen erwünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen besonders stark wahr. Im Kampf gegen chronische Einsamkeit könne KI-Technologie dabei unterstützen, Bedürfnisse nach Nähe, Wärme oder sozialen Beziehungen zu erfüllen, so Lukas Schega. Als Beispiele nennt der Medienpädagoge beim Senioren-Medienmentoren-Programm des LMZ den Pflegeroboter Robear, die Therapie-Robbe Paro oder den Sozialroboter Navel. Die Akzeptanz unter ihren Nutzerinnen und Nutzern ist hoch: Mit dem Soziale-Roboter Navel würde bereits nach kurzer Zeit „wie mit einem kleinen Jungen“ gesprochen, so Schega.

3. Mehr als digitales Wohlbefinden: Gute Entwicklung als Gemeinschaftsaufgabe begreifen

Maximilian Schober, wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF – Institut für Medienpädagogik, lenkte den Fokus auf den Begriff „Digital Wellbeing“ selbst: Er verenge den Blick auf das subjektive Empfinden und laufe dadurch Gefahr, Verantwortung zu individualisieren. Doch für eine gute und gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen braucht es aus seiner Sicht mehr als individuelles Wohlbefinden: eine „Verantwortungsgemeinschaft“ – die Kinder, Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen, Angebote des Jugendmedienschutzes sowie Hilfs- und Meldestellen einschließt.

Gerade niedrigschwellige Angebote – etwa Gespräche mit KI-Chatbots über psychosoziale Probleme – zeigen, wie groß der Bedarf an Orientierung und emotionaler Entlastung bei Heranwachsenden ist. Gleichzeitig wird deutlich: KI-Tools ersetzen keine pädagogischen oder therapeutischen Angebote, sind Teil eines profitorientierten Geschäftsmodells und werfen Fragen zum Umgang mit Daten auf.

Schobers Fazit: Medienpädagogische Angebote müssen noch zugänglicher werden – und stärker mit der Förderung von Sozialkompetenz verknüpft sein. Als Best-Practice-Beispiel nennt er das Angebot „Digital Streetwork Bayern (DSW)“.  Streetworkerinnen und Streetworker unterstützen und beraten hierbei junge Menschen direkt auf Social-Media- und Online-Plattformen – und bieten aktiv Hilfe an.

Sicherheitsbedürfnis und kritisches Hinterfragen auf der einen Seite, Mut und Vertrauen auf der anderen: Alt und Jung können im Umgang mit digitalen Medien viel voneinandern lernen. Christa Rahner Göhring (Bildmitte) vom Netzwerk sii BW sieht darin eine große Chance. | Foto: Patricia Nelligan

4. Mehr voneinander lernen: Austausch zwischen Jung und Alt fördern

Wenn es um den selbstbestimmten und gesunden Umgang mit digitalen Medien geht, können jüngere und ältere Generationen viel voneinander lernen, so der Tenor des Expertentalks bei den Stuttgarter Tagen für Medienpädagogik. Auf der einen Seite stehen die Älteren, die soziale Medien und KI-Chatbots mehrheitlich „mit spitzen Fingern anfassen“, deren Vorteile kritisch hinterfragen und ein großes Bedürfnis nach Sicherheit haben – so Christa Rahner-Göhring vom Netzwerk für Senioren-Internet-Initiativen (sii) BW. Auf der anderen Seite stehen Kinder und Jugendliche, die mit Mut und Vertrauen auf digitale Medien zugehen und blitzschnell lernen, mit neuen Social-Media-Plattformen oder KI-Chatbots umzugehen.

Austausch und Verständnis zwischen diesen beiden Altersgruppen herzustellen, darin sieht Rahner-Göhring eine große Chance. Als Großeltern könnten Seniorinnen und Senioren zum Beispiel Eltern dabei unterstützen, Warnzeichen für exzessiven Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen. Umgekehrt könnten die Enkelkinder ihren Großeltern die Scheu vor digitalen Medien nehmen und bei den ersten „Gehversuchen“ unterstützen.

Fazit: Niedrigschwellige Angebote mit Fokus auf Sozialkompetenz entwickeln

Die Stuttgarter Tage haben gezeigt: Es gibt eine Vielzahl von Strategien, um digitale Medien und Technologien so einzusetzen, dass sie nützlich und gesundheitsförderlich sind. Damit diese in der Praxis relevant werden, braucht es mehr als den Fokus auf Digital Wellbeing: Niedrigschwellige medienpädagogische Angebote, die Sozialkompetenz und einen aktiven Austausch zwischen Kindern, Eltern und Großeltern fördern.

Sie wollen direkt loslegen? Lernen Sie folgende Angebote zum Thema kennen:

klicksafe: Digital Detox Box

Planet Schule: Mission Magisches Tagebuch

LMZ: Senioren-Medienmentoren-Programm

Impressionen der Fachtagung

Spannende Vorträge, rege Diskussionen und dazwischen Unterhaltung durch das Humor und Satire-Kollektiv Luksan Wunder: So vielfältig waren die Stuttgarter Tage für Medienpädagogik 2026! (Alle Fotos: Patricia Nelligan)

Madeleine Hankele-Gauß

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