Fünf Gründe, warum Desinformation auf TikTok besonders gut funktioniert

Madeleine Hankele-Gauß
Eine junge Frau schaut ungläubig auf ihr Smartphone und hat ihre Hand nachdenklich auf ihr Kinn gestützt.

Wahr oder nicht? TikTok-Videos sind besonders anfällig für Desinformationen. | Foto: Enes Evran/E+ via Getty Images

Neue Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung

TikTok statt Tagesschau: Sind öffentlich-rechtliche Angebote für die Erwachsenengeneration in Deutschland nach wie vor die Nachrichten-Institution, zeichnet sich bei Kindern und Jugendlichen ein Trend zu Social Media als Nachrichtenquelle ab. Online informiert sich laut JIM-Studie 2022 inzwischen jeder vierte 12- bis 19-Jährige auf dem sozialen Netzwerk TikTok über das aktuelle Tagesgeschehen. Gleichzeitig „blühen“ auf TikTok Falschnachrichten, manipulierte Statistiken, verkürzte Zitate oder Deepfake-Videos.

Eine neue Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung zu Desinformation auf TikTok gibt Aufschluss darüber, wie das soziale Netzwerk funktioniert und warum sich Fake News dort besonders gut verbreiten. Wir haben die fünf wichtigsten Gründe hier zusammengefasst:

  1. In der Kürze liegt die Hetze: Kurzvideos rufen Emotionen hervor
    Als rein visuelle Medien sind die Kurzvideos auf TikTok die perfekten „Funken“, um die Emotionen der User/-innen zum „Sprühen“ zu bringen. Sie dauern in der Regel nicht länger als 60 Sekunden und bringen daher auch komplexe Zusammenhänge auf eine einfache Formel – ob diese nun wahr oder falsch sein mag. Da der TikTok-Algorithmus ausschließlich auf die Optimierung der Klick- und Interaktionszahlen sowie die Verweildauer abzielt, pusht er insbesondere provokanten und skandalösen Content. Dieser löst negative Emotionen wie Wut, Angst und Empörung aus, denen wir evolutionsbiologisch geschuldet mehr Beachtung schenken als positiven Emotionen – auch wenn der Anlass dieser Emotionen gar nicht wahr ist.
     
  2. TikTok vergisst nichts: Duette und Stitches verewigen Originalvideos
    TikToks Währung ist ein nie abreißender Zustrom an neuen Videos der eigenen User/-innen, um die For You-Feeds der Nutzerschaft fortlaufend füttern zu können. Aus diesem Grund können TikTok-Nutzer/-innen zum Beispiel Videos anderer User/-innen nur dann in ihrem Profil teilen, wenn sie es mit einem eigenen Video kombinieren: als Duett oder Stitch. In einem Duett wird das Originalvideo parallel zu einem neuen Video abgespielt, in dem ein User zum Beispiel das Originalvideo kommentiert oder nachahmt. In einem Stitch wird das Originalvideo lediglich ein paar Sekunden „angerissen“, bevor das eigene Video folgt. Beide Funktionen machen es schwer, Desinformationen vollständig zu löschen. Selbst wenn das Originalvideo längst gelöscht wurde, können Duette und Stitches von ihm weiterhin verfügbar sein.
     
  3. Im virtuellen Niemandsland: Datums- und Quellenangaben werden verschleiert
    Damit der immerwährende Videostrom auf TikTok nicht abreißt, werden im Feed der Nutzer/-innen auch Videos angezeigt, die bereits einige Wochen oder Monate alt sind. Um dies zu verschleiern, wird das Veröffentlichungsdatum eines Videos im For You-Feed gar nicht angezeigt. Ebenso verborgen wie das Veröffentlichungsdatum sind auch Quellenangaben zu Videos, die nicht zu Wikipedia führen. Beides findet sich erst nach einer umständlichen Suche im Profil des jeweiligen Video-Creators. Dies erschwert es User/-innen enorm, Videos auf einen Blick als veraltet zu identifizieren oder Quellen mit einem Mausklick zu prüfen.
     
  4. Fake dein Video: TikTok bietet Filter- und Sound-Funktionen
    Wer oder was sich wirklich hinter einem TikTok-Video verbirgt, wird zunehmend verschleiert durch Gesichts- und Stimmenfilter, die das soziale Netzwerk seinen User/-innen bereitstellt. Beim Abspielen der Videos wird dabei nicht angezeigt, ob und welcher Filter zum Einsatz kommt. Durch die Sound-Funktion können sogar direkt auf TikTok Deepfake-Videos erstellt werden. Denn diese Funktion ermöglicht es, den Originalton jedes öffentlich geposteten Videos zu extrahieren und für das eigene Video zu übernehmen – eine Steilvorlage für die Verbreitung von Desinformationen.
     
  5. Desinformation lohnt sich: Der TikTok Creator Fund bezahlt für Reichweite
    Eine Eigenheit des sozialen Netzwerks TikTok und seines Algorithmus ist es, dass auch unbekannte Nutzer/-innen mit wenigen Follower/-innen enorme Reichweiten mit Kurzvideos erzielen können. Schnellt in der Folge dann auch die Follower-Zahl des jeweiligen Creators in schwindelerregende Höhen, kann sie oder er sich für den sogenannten TikTok Creator Fund bewerben und sich für die eigene Reichweite bezahlen lassen. Voraussetzung ist, dass ein Creator mindestens 18 Jahre alt ist, 10.000 Follower hat und in den letzten 30 Tagen mehr als 100.000 Aufrufe hatte. Das heißt, unter Umständen werden Macher/-innen von viralen Fake-News-Videos sogar von TikTok für die Verbreitung von Desinformationen bezahlt. Auch kann das Bezahlsystem Creators davon abhalten, Videos hoher Reichweite mit veralteten Informationen zu löschen.  

Wenn Desinformationen sich also auf TikTok dank der plattformeigenen Funktionen besonders gut verbreiten lassen, benötigen Kinder und Jugendliche das Handwerkszeug, um diese erkennen zu können. Mit dem Plakat „Content Check“ liefert die Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung genau das. Darüber hinaus vermittelt sie Strategien wie z.B. Debunking oder Deplatforming, um auf Falschmeldungen und Deepfakes reagieren zu können. Lehrkräfte, Pädagoginnen und Pädagogen können sich außerdem von Praxisideen zur Integration von TikTok in den Unterricht und die Jugendarbeit inspirieren lassen.
 

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Fake News im Unterricht behandeln

Madeleine Hankele-Gauß

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