Nachgefragt am LMZ: Was ist die Medienbegutachtung?
Seit acht Jahren leitet Uschi Hertweck die Medienbegutachtung am LMZ – gemeinsam mit ihrem „wahnsinnig gut eingespielten Team aus Lehrkräften.“ | Foto: privat
Im Gespräch mit Uschi Hertweck: „Auf der Verpackung wird oft mehr versprochen, als später drin ist.“
Das Team der Medienbegutachtung am Landesmedienzentrum sichtet jährlich mindestens 1.500 Medien und beurteilt, welche Medien für den Einsatz im Unterricht und Lernkontext besonders geeignet sind. In der SESAM-Mediathek können Lehrkräfte nach diesen Empfehlungen filtern. Damit bietet die Medienbegutachtung einen in ganz Deutschland einzigartigen Service für Lehrkräfte. Im Interview verrät Uschi Hertweck, langjährige Leiterin der Medienbegutachtung, wie ihr Team arbeitet, was ihr an ihrer Aufgabe gefällt und welche Herausforderungen der Medienmarkt mit sich bringt.
Das Angebot an Unterrichtsmedien ist riesengroß. Welchen besonderen Service bietet die Medienbegutachtung Lehrkräften?
Mit Unterrichtsmedien verhält es sich so wie mit allen Konsumgütern: Auf der Verpackung wird oft mehr versprochen, als später drin ist. Als unabhängige und neutrale Instanz sichtet die Medienbegutachtung seit 1986 Medien auf der Grundlage transparenter Qualitätsbereiche. Medien, die von diesen besonders viele sehr gut erfüllen, kennzeichnen wir in der SESAM-Mediathek mit dem sogenannten „Daumen” und begründen dies in den didaktischen Hinweisen. Mithilfe eines Filters können Lehrkräfte gezielt nach Medien mit dem Daumen recherchieren – und sparen so wertvolle Vorbereitungszeit.
Seit acht Jahren leitest du die Medienbegutachtung am LMZ: Was gefällt dir an deiner Aufgabe?
Wenn ich Lehrkräfte auf Veranstaltungen oder Messen treffe, ist es einfach schön zu sehen, wie dankbar sie dafür sind, dass wir bei der Auswahl der Lernmedien so effektiv unterstützen. Warum mir die Arbeit Spaß macht, hat aber auch mit meinem wahnsinnig gut eingespielten Team aus Lehrkräften zu tun, die hochmotiviert, fachkundig und zuverlässig in den Kommissionen arbeiten. Die meisten davon sind richtige Multitalente, da sie zum Beispiel auch an Hochschulen, in der Lehrkräfteausbildung oder an weiteren Institutionen arbeiten.
Wie viele Medien begutachten dein Team und du im Jahr und welche Medienarten finden sich darunter?
Pro Jahr sichten wir zwischen 1.500 und 1.800 Medien. Das können Unterrichtsmedien von geringem Umfang wie Erklärvideos oder Unterrichtsvorschläge sein. Einen Großteil der Sichtungen machen aber umfangreiche Mediensammlungen aus. Das können dann schon mal 50 bis 150 Einzelmedien sein – wie Arbeitsmaterialien oder Filme. Besonders aufwendig in der Begutachtung sind die stetig wachsende Zahl der Lernportale oder Webanwendungen, die für verschiedene Fächer und Klassenstufen geeignet sind.
Wie behältst du den Überblick über den Medienmarkt?
Mit vielen Medienanbietern stehe ich fortlaufend in Kontakt – das ist einfach über lange Zeit so gewachsen. Auf Messen beobachten wir neue Entwicklungen und gehen gezielt auf neue Medienanbieter und junge Start-ups zu. Gerade Neuanfänger sind häufig dankbar dafür, unsere Qualitätskriterien für Unterrichtsmedien einsehen zu können. Sobald Medienanbieter uns kennen, reichen sie Lernmedien selbstständig zur Begutachtung ein. Den Überblick über Medien, Kontakte und Sichtungsergebnisse behalten wir mithilfe unserer Datenbank.
Fachkommissionen aus erfahrenen Lehrkräften nehmen die Unterrichtsmedien unter die Lupe. Wie gehen sie dabei vor?
Unsere Kommissionen arbeiten zu insgesamt 17 Fachschwerpunkten. Bei der Sichtung prüfen sie, wie gut ein Medium die Qualitätskriterien erfüllt. Ein Medium sollte beispielsweise den Anforderungen der jeweiligen Fachwissenschaft entsprechen. Wichtig ist außerdem, dass die digitalen Möglichkeiten im didaktisch besten Sinne ausgeschöpft werden – das ganze natürlich vor dem Hintergrund der Bildungsplananforderungen des jeweiligen Fachs. Ebenso prüfen die Lehrkräfte, ob Aufgabenstellungen und Formate didaktisch sinnvoll aufbereitet sind.
Über die vielen Jahre, die es die Medienbegutachtung bereits gibt, haben sich die technischen Möglichkeiten und der didaktische Anspruch an Medien stets weiterentwickelt und damit auch unsere Sichtungskriterien. Neu ist der Qualitätsbereich „Lernprozess“, den wir unter fachwissenschaftlicher Begleitung durch die PH Karlsruhe formuliert haben. Er zielt darauf ab, dass ein nachhaltiger Kompetenzzuwachs nur dann möglich ist, wenn Schülerinnen und Schüler in einen guten Lernprozess eingebunden sind. Dieser lebt von Personalisierung, Authentizität, Kooperation und Transfer. Digitale interaktive Formate können den Lernprozess besonders positiv bereichern – wenn sie gut gemacht sind.
Der Medienmarkt ist in stetem Wandel. Welche Herausforderungen warten auf die Medienbegutachtung?
Einmal im Jahr treffen sich alle Mitglieder der Begutachtungskommissionen auf einer Tagung, um neue Themen und didaktische Potenziale der Medienarten gemeinsam zu diskutieren. Wichtig ist uns dabei, die didaktischen Konsequenzen von neuen technischen Entwicklungen gleich mitzudenken und zu reflektieren, wie sie sich auf das Lernen auswirken. Aktuell beschäftigen uns insbesondere Medien, die mithilfe von KI produziert werden. Das Aufkommen von KI war unter anderen einer der Gründe dafür, warum wir die Qualitätskriterien für die Medienbegutachtung überarbeitet haben. Der technologische Wandel und dessen Auswirkungen auf Schule und Unterricht werden auch in Zukunft Motoren für die Weiterentwicklung der Medienbegutachtung sein, sodass das nicht die letzte Überarbeitung der Qualitätsbereiche bleiben wird.
Liebe Uschi, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für eure weitere Arbeit.

