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Interview: Zwischen Ohnmacht und Scham – Was Deepfake-Pornografie mit Betroffenen macht

Madeleine Hankele-Gauß
Saskia Nakari, Medienpädagogin am Stadtmedienzentrum Stuttgart, sitzt im Interview ihrer Gesprächspartnerin gegenüber und gestikultiert mit den Händen.

Saskia Nakari, Medienpädagogin am Stadtmedienzentrum Stuttgart, im Gespräch über Deepfake-Pornografie | Foto: Marlene Feller

Medienpädagogin Saskia Nakari zum aktuellen Fall Collien Fernandes

Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes kämpft bereits seit Jahren öffentlich gegen die Verbreitung pornografischer Deepfake-Bilder und -Videos, die vermeintlich ihren nackten Körper zeigen und auf diversen Plattformen verbreitet werden. Ende 2025 hat sie ihren Ex-Mann Christian Ulmen als möglichen Täter angezeigt – und dies nun öffentlich gemacht.  

Aus diesem Anlass haben wir mit Medienpädagogin Saskia Nakari darüber gesprochen, was Deepfake-Pornografie mit Betroffenen, aber auch mit uns als Gesellschaft macht – und was Präventionsarbeit und Gesetzgebung bewirken können. In ihrem Podcast SchoolCrime spricht Nakari einmal monatlich mit Expertinnen und Experten unter anderem über konkrete Fälle von Pornografie, Cybergrooming oder Gewaltvideos an Schulen.

Mehr über den Podcast SchoolCrime erfahren

„Für mich ist das eine neue Form des ‚Slutshaming‘.“

99 Prozent der Betroffenen von sexualisierter digitaler Gewalt sind weiblich. Inwiefern ist der Fall Collien Fernandes exemplarisch dafür, was sexualisierte digitale Gewalt in Zeiten von KI ausmacht?

Der Fall zeigt sehr gut, dass wir Frauen gesellschaftlich immer noch diejenigen sind, die durch sexuelle Themen viel einfacher zu beschämen und zu erniedrigen sind als Männer. Dadurch, dass andere Personen die betroffene Frau vermeintlich nackt oder bei sexuellen Handlungen gesehen haben, ändert sich der Blick auf sie: Sie wird als „Schlampe“ wahrgenommen. Für mich ist das eine neue Form des „Slutshaming“. Das Frustrierende ist: Auch wenn das Deepfake-Bild oder -Video nicht real ist, repräsentiert es die jeweilige Frau und stellt sie bloß.  
 

Aus welchen Motiven heraus erstellen Täter Deepfake-Pornografie? Macht hier Gelegenheit auch Täter? 

Ich denke, in vielen Fällen hat es mit der generellen Hypersexualisierung unserer Gesellschaft zu tun. Pornografische Deepfake-Bilder oder -Videos erlauben den Tätern, sexuelle Situationen mit Personen zu generieren, die so in der Realität nicht stattfinden. Das kann zum Beispiel auch ein Motiv sein, warum Männer von ihren eigenen Frauen Deepfake-Pornografie herstellen. Neben dem Machtgewinn können bei der Verbreitung dann auch finanzielle Motive eine Rolle spielen. Ein weiterer Aspekt ist: Gerade Männer, die durch die Feminismus-Debatte und selbstbewusste auftretende Frauen verunsichert sind, greifen nach jedem Strohhalm, um „an Frauen heranzukommen“. Sie befolgen dann unter Umständen die Tipps von sogenannten „Pick up Artists“ wie Andrew Tate, die Frauen vor allem als sexuelle Objekte betrachten.  
 

Oben habe ich von „Tätern“ gesprochen. Gibt es in diesem Zusammenhang überhaupt „Täterinnen“? 

Mit Sicherheit gibt es auch Täterinnen, aber in deutlich geringerem Ausmaß. Doch bei Frauen spielen aus meiner Sicht weniger sexuelle Motive oder Machtthemen eine Rolle, sondern eher das Motiv Rache. Das kann natürlich auch bei Männern eine Motivation sein, um es der Exfreundin zum Beispiel nach der Trennung oder nach dem Fremdgehen absichtlich heimzuzahlen.

„Frauen werden sozusagen unfreiwillig ‚wie ein Stück Fleisch‘ auf den Markt geworfen.“

Welche Folgen kann die Verbreitung von Deepfake-Pornografie für Betroffene haben? 

Absolut zentral ist der Kontrollverlust: Betroffene haben das Gefühl, dass ihnen alles entgleitet, fühlen sich ohnmächtig und beschämt. Die Tatsache, dass das ganze Netz über mehrere Jahre oder Jahrzehnte pornografischen Bilder oder Videos von einem selbst sehen kann, ist etwas sehr Schlimmes. Um die Schwere dieser Tat zu verdeutlichen, nutzt zum Beispiel der Berliner Verein „Innocence in Danger“ hierfür den Begriff „Sharegewaltigung“. Damit verbunden ist auch die begründete Angst davor, dass die Deepfake-Pornografie zu realen sexuellen Übergriffen anregen könnte. Frauen werden sozusagen unfreiwillig „wie ein Stück Fleisch“ auf den Markt geworfen. Ich fand es deswegen sehr gut, dass Collien Fernandes mit ihren Erfahrungen sexualisierter Gewalt an die Öffentlichkeit gegangen ist und so vielleicht ein Stück weit Kontrolle zurückerlangen konnte. 
 

Was können Betroffene von digitaler Gewalt tun?  

Ich würde mir auf jeden Fall eine Vertrauensperson in meinem sozialen Umfeld suchen und mich danach an eine Fachberatungsstelle wenden. Betrifft es Kinder und Jugendliche, haben wir in Baden-Württemberg über die LKSF in allen Landkreisen Fachberatungsstellen zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend. Die Fachberatungsstellen unterstützen sehr gut dabei, wieder Kontrolle über die Situation zu erlangen. Über die Plattform „Take it down“ können Betroffene von Deepfake-Bildern oder -Videos einen Überblick darüber bekommen, wo das entsprechende Bild oder Video im Netz zu finden ist. Durch Kontaktierung der Plattformen – auch mithilfe von Anwälten – können sie versuchen, eine Löschung der Deepfakes zu veranlassen. Um die Dunkelziffer bei den Fallzahlen zu verringern und mehr Ressourcen für die Bekämpfung sexualisierter Gewalt zu schaffen, sollten Betroffene auch Anzeige bei der Polizei erstatten.

„Die Möglichkeit, alle Personen auf der Welt per Knopfdruck ‚auszuziehen‘, hat für mich auch eine gesellschaftliche Dimension.“

Auch aus dem Schulkontext wurden bereits Fälle bekannt, in denen Jugendliche Deepnudes – also KI-generierte Nacktbilder – von Mitschülerinnen erstellt und auf den sozialen Medien geteilt haben. Wie sollte deiner Meinung nach Präventionsarbeit zu diesem Thema an Schulen aussehen?  

In meinem Podcast SchoolCrime habe ich Mitte Februar mit dem Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger über exakt so einen Fall gesprochen. Dabei wurde ein Deepfake-Nacktbild einer Siebtklässlerin gezielt über TikTok an ihre Freundinnen und Freunde verschickt. Mithilfe der Schulsozialarbeiterin konnte das Mädchen letztlich bewirken, dass der Account und die Bilder von der Plattform gelöscht wurden.

Für die Präventionsarbeit ist aus meiner Sicht zentral, dass Kinder und Jugendliche Bescheid wissen, dass auch im Netz Persönlichkeitsrechte gelten und deren Verletzung strafbar ist – bereits ab der Grundschule. Das Internet ist kein straffreier Raum! Digitale Zivilcourage zu fördern, finde ich in diesem Zusammenhang auch sehr hilfreich. Es geht ja schon damit los, dass im Klassenchat immer jemand Einspruch erheben muss, wenn eine Mitschülerin oder ein Mitschüler dort beschimpft wird. Über Rollenspiele kann man Zivilcourage im digitalen Raum gut einüben und auch einen Perspektivwechsel fördern.  

 

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat für diese Woche einen Gesetzesentwurf gegen digitale Gewalt angekündigt, der das Erstellen und Verbreiten von Deepfakes unter Strafe stellt. Was wünschst du dir vom Gesetzgeber? 

Dass die Verbreitung von Deepfakes unter Strafe gestellt werden sollte, ist für mich ganz klar. Ob Deepfake oder reales Nacktbild: Der Blick von anderen Personen auf mich als Betroffene ändert sich dadurch in derselben Weise – und das ist für mich entscheidend. Die Möglichkeit, alle Personen auf der Welt per Knopfdruck „auszuziehen“, hat für mich auch eine gesellschaftliche Dimension. Die Sicht auf Frauen ändert sich dadurch und das läuft allem zuwider, was wir in Sachen Gleichberechtigung fördern wollen. Daher müssen wir die Gesetze hier sehr schnell anpassen. 

 

 

Liebe Saskia, herzlichen Dank für das Gespräch.  


Sie möchten sich tiefergehend zu den Themen Deepfakes und Pornografie informieren? Unsere LMZ-Spotlights zu Deepfakes, Pornos im Klassenchat und Sexueller Belästigung im Netz bieten wertvolle Informationen und Tipps für Lehrkräfte und Eltern.

Zu den LMZ-Spotlights

Madeleine Hankele-Gauß

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