Historisches Bild des Monats Juni
Jakob von Heine (Arzt), Lithografie von Christian Pfann, 1856. | LMZ (Fritzsche)
Jeden Monat ein neues Foto aus dem Bildarchiv
Das Bild des Monats ist dem Cannstatter Orthopäden Jakob von Heine gewidmet, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 225. Mal jährt. Heine wurde im Jahr 1800 in Lauterbach im mittleren Schwarzwald geboren. Als ältester von 14 Geschwistern sollte er ursprünglich den elterlichen Hof mit angeschlossener Gastwirtschaft übernehmen und arbeitete dort bereits ab seinem 13. Lebensjahr.
Erst mit 20 Jahren entschied er sich für einen anderen Weg: Er holte das Abitur am Gymnasium in Rottweil nach und begann 1823 ein Studium der Theologie an der Universität Würzburg. Dort war sein Onkel Johann Georg Heine, ebenfalls aus Lauterbach stammend, bereits ein angesehener Orthopäde und betrieb seit 1816 die erste orthopädische Heilanstalt Deutschlands, das spätere Karolinen-Institut. Er gilt als Begründer der Orthopädie im deutschsprachigen Raum.
Auch Jakob von Heine ließ sich davon inspirieren und wechselte zur Medizin. 1827 schloss er sein Studium ab und arbeitete zunächst als Assistenzarzt an der inneren und chirurgischen Abteilung der Würzburger Klinik. Zwei Jahre später kehrte er nach Württemberg zurück und eröffnete mit finanzieller Unterstützung des Innenministeriums eine orthopädische Praxis in Cannstatt, die er bereits 1830 erweitern konnte. Damit legte er den Grundstein für die erste württembergische orthopädische Heilanstalt, die auch vom württembergischen Landtag gefördert wurde und in der auch „unbemittelte“ PatientInnen behandelt wurden. Die Anstalt bestand bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1865, mangels eines Nachfolgers wurde sie danach nicht weitergeführt.
Jakob von Heine verwendete eine ganzheitliche, wissenschaftlich fundierte und daher sehr erfolgreiche Behandlungsmethode. Diese umfasste neben chirurgischen Eingriffen und mechanischen Hilfsgeräten auch Krankengymnastik und die Anwendung von Cannstatter Heilwasser.
Er ist heute vor allem durch die nach ihm benannte „Heine-Medin-Krankheit“ bekannt, da er als Erster die Symptome der auch als Poliomyelitis bekannten Virusinfektion beschrieb. Sein Buch „Beobachtungen über Lähmungszustände der unteren Extremitäten und deren Behandlung“ erschien 1840. Die zweite Auflage aus dem Jahr 1860 trug den Titel „Spinale Kinderlähmung“.
Die Lithografie wurde 1856 von Christian Pfann angefertigt und zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Auf dem Halbporträt trägt er einen Kinnriemen, ein schmaler Kinnbart ohne Schnurrbart, der damals als Zeichen von Besonnenheit, aber auch modischem Bewusstsein galt. Er erscheint, ganz im Stil zeitgenössischer Ärzteporträts, in bürgerlicher Kleidung und betont so den naturwissenschaftlichen Charakter seiner Tätigkeit.
Dargestellt ist er in einem Reitersitz, wobei er sich mit dem linken Bein abstützt und dem Betrachter in kraftvoller Haltung direkt zugewandt ist. Sein rechter Ellbogen ruht auf einem nur vagen angedeuteten Objekt, vermutlich einem Ärztekoffer. In der rechten Hand hält er ein Buch, das er mit dem Zeigefinger markiert auf dem Oberschenkel abstützt. Seine linke Hand liegt energisch auf der Hüfte.
Über seiner linken Brusttasche sind zwei hohe Auszeichnungen: das Ritterkreuz des württembergischen Verdienstordens – ein weiß emailliertes Malteserkreuz – sowie der russische Wladimir-Orden IV. Klasse in Form eines roten griechischen Kreuzes, den er 1853 für die erfolgreiche Behandlung eines Enkels von Zar Nikolaus I. erhielt.
Die hier gezeigte Fotografie entstand 1942 und basiert auf jener Lithografie, die sich damals in der Württembergischen Landesbibliothek befand. Sie wurde von einem Fotografen namens Fritzsche aufgenommen, von dem nur der Nachname überliefert ist. Er war während des Zweiten Weltkriegs für die Landesbildstelle Württemberg tätig, als Vertretung für den Meisterfotografen Robert Bothner, der zum Kriegsdienst eingezogen worden war. Im Auftrag der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte dokumentierte Fritzsche zahlreiche Porträts bedeutender Persönlichkeiten des Landes. Diese Fotografien erschienen in der Reihe „Schwäbische Lebensbilder“, herausgegeben vom Kohlhammer Verlag in Stuttgart, das Heine-Porträt im 3. Band 1942. Insgesamt umfasst die Buchreihe sechs Bände – die ersten drei erschienen noch während des Krieges.
Dank dieses Projekts und der Arbeit von Fotograf Fritzsche konnten viele bedeutende Porträts vor der Zerstörung bewahrt und für die Nachwelt erhalten werden.
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