Historisches Bild des Monats Februar
Ägypten: Relief im Tempel Sethos I, Abydos. 19. Dynastie, Neues Reich. | LMZ (Rudolf René Gebhardt)
Jeden Monat ein neues Foto aus dem Bildarchiv
Wenn man dem gut bekannten, wenn auch etwas unpräzisen Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ Glauben schenkt, dann beherbergt das Bildarchiv des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg neben Fotografien auch Milliarden von Wörtern. Denn jedes der rund zwei Millionen Bilder des Archivs erzählt seine eigene Geschichte – eine Geschichte, die jedoch in vielen Fällen erst ans Licht gebracht werden muss.
Das in diesem Monat gezeigte Bild stammt von dem Fotojournalisten und Fotokünstler René Rudolf Gebhardt (*1942), der mit dem Land der Pharaonen, das er 1974 und 2010 regelmäßig bereiste, bis heute eng verbunden ist. Die Aufnahme aus dem Jahr 1984 gehört zu den etwa 100.000 Fotografien, die sein gesamtes Vermächtnis bilden und im Bildarchiv bewahrt werden. Viele seiner Bilder liegen dort noch verborgen und warten darauf, dass ihre Geschichten erzählt werden. In diesem Sinne erfüllen sie die Definition eines Mysteriums. Diese Eigenschaft trifft auch buchstäblich auf dieses Bild zu.
Denn die Fotografie, wie nahezu alle Werke Gebhardts in Schwarz-Weiß und im Kleinbildformat aufgenommen, gewährt einen Einblick in die alten Osiris-Mysterien. Zu sehen ist ein Ausschnitt eines Reliefs: das Brustbild einer Frau, das von einem schmalen Lichtstrahl erhellt wird. Das vermutlich von einer Taschenlampe stammende Licht lässt lediglich das im Profil dargestellte Gesicht und die linke Schulter aufleuchten, während sich der restliche Bildraum in Dunkelheit verliert. Verschiedene Attribute – darunter die auf der Stirn getragene Uräusschlange, eine aufgerichtete Kobra als Symbol göttlicher Macht, königlicher Autorität und Schutz, sowie der nur teilweise sichtbare Kopfschmuck aus Kuhgehörn und Sonnenscheibe – lassen erkennen, dass es sich um eine Darstellung der Göttin Isis handelt. Gemeinsam mit dem Gott Osiris und ihren gemeinsamen Sohn, dem „Falkengott“ Horus, bildet sie die göttliche Triade und zählt damit zu den bedeutendsten Gottheiten der ägyptischen Mythologie.
Abydos, wo sich das Relief befindet, liegt am westlichen Nilufer, rund 160 Kilometer von Luxor entfernt. In dieser uralten Königsnekropole wurden seit dem Alten Reich die Mysterien um Leben und gewaltsamen Tod des Osiris symbolisch und für jedermann zugänglich immer wieder aufgeführt. Lediglich der Höhepunkt des Rituals, die Auferstehung, blieb der Öffentlichkeit verborgen.
Die Fotografie zeigt zugleich die beleuchtete Figur der Schwestergemahlin, die die zerstückelten Körperteile des von seinem Bruder Seth ermordeten Osiris mühsam zusammensuchte. Sie ließ den Körper der Gottheit von Horus und Anubis wieder zusammensetzen und einbalsamieren, denn nur so konnte Osiris den Tod überwinden und in sein Reich der Unterwelt eintreten.
Osiris selbst ist auf dem Bild nicht sofort zu erkennen und zudem nur unvollständig dargestellt. Sein Kopf befindet sich auf der dunklen rechten Bildseite und ist nur mit Mühe auszumachen. Das Körperteil wird von Isis auf einem Stab gehalten, denn der Legende nach fand sie hier, in Abydos, den Kopf ihres Gemahls.
Dunkelheit, Gewalt und Tod begegnen in dieser Aufnahme Licht, Fürsorge und Auferstehung – und verdichten sich zu einem einzigen Bild, das eine Geistesgeschichte von mehr als viertausend Jahren offenbart.
Weitere Bilder von Rudolf René Gebhardt zum Ägypten finden Sie in der virtuellen Ausstellung „Lebendige Wüste“:
Rund 80 000 digitalisierte Aufnahmen des Bildarchivs sind in der SESAM-Mediathek integriert und können dort recherchiert werden.
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