Historisches Bild des Monats Dezember

Zita Bugbee
Schwarzweiß-Foto einer Weihnachtsmarktbude mit Christbaumschmuck in Stuttgart im Jahr 1938.

Stuttgart: Weihnachtsmarkt-Bude mit Christbaumschmuck 1938 | LMZ (Robert Bothner)

Jeden Monat ein neues Foto aus dem Bildarchiv

Wenn die kalte und dunkle Jahreszeit beginnt, bricht für viele Menschen dennoch eine fröhliche Zeit an. Überall in den Städten leuchten bunte, wärmende Lichter und laden zu einem Besuch des örtlichen Weihnachts- oder Wintermarkts ein.

So ist es seit Jahrhunderten auch in Stuttgart, dessen Weihnachtsmarkt bereits 1692 urkundlich erwähnt wurde und zu den ältesten in Deutschland und Europa zählt. Ab 1780 fand er nach dem dritten Adventssonntag statt und entwickelte rasch einen typischen Jahrmarktcharakter mit Tanzbären und exotischen Tieren – blieb jedoch noch lange eher ein Krämermarkt. Im 19. Jahrhundert setzte sich allmählich der Name „Weihnachtsmesse“ durch, und damit änderte sich auch das Angebot der Händler. Ab 1835 reisten sie in großer Zahl mit weihnachtstypischen Waren aus weit entfernten württembergischen Regionen nach Stuttgart.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dehnte sich der Markt weiter aus und gewann mit der Industrialisierung deutlich an Leuchtkraft. Fotos aus den 1930er Jahren im Fotoarchiv belegen, dass die „Weihnachtsmesse“ einen immer größeren Platz einnahm. Zwar wirken die Buden mit ihren einfachen Zeltdächern im Vergleich zu heutigen Verhältnissen noch recht bescheiden, doch zeigen die Bilder eine Innenstadt, deren Straßen und Giebelhäuser reizvoll mit Lichterketten geschmückt waren.

Unser Bild des Monats stammt aus dieser Zeit. Dass es sich um eine Schwarz-Weiß-Fotografie handelt, steht keineswegs im Widerspruch zur Fröhlichkeit und Farbenfreude dieser beliebten Jahreszeit.

Aufgenommen wurde sie von Robert Bothner (1899–1967), dem ersten Meisterfotografen des Bildarchivs. Die Aufnahme steht stilistisch und technisch in direkter Tradition der europäischen Sozial- und Dokumentarfotografie der Moderne. Kennzeichnend für diese Strömung war eine nüchterne, klare und technisch äußerst präzise Bildsprache. Auch wenn die Fotos sachlich wirken, lässt der Fotograf, der lieber unsichtbar und beobachtend hinter der Kamera bleibt, subtil seine eigenen Gefühle und Ansichten einfließen.

Das Bild zeigt eine Verkäuferin vor ihrem Stand beim Ordnen ihres Sortiments: Glaskugeln, die zu zwölft oder sechst in offenen Kartonschachteln liegen. Die Szene wird von zwei Glühbirnen erhellt, die sanft die Gesichtszüge der Verkäuferin beleuchten, während sie vorsichtig in eine Schachtel leuchtender Weihnachtskugeln greift. Die Spiegelungen auf dem Schmuck wiederholen sich wellenförmig auf den gestapelten Schachteln und verleihen der Aufnahme einen rhythmischen Unterton.

Für diese anspruchsvolle Nachtaufnahme nutzte Bothner eine Leica-Kamera (wahrscheinlich ein Modell III), vermutlich ausgestattet mit einem Elmar 50 mm f/3.5 Objektiv. Der feinkörnige Film (Agfa Isopan F) ermöglichte trotz der relativ langen Belichtungszeit von bis zu einer Sekunde – erkennbar an der leichten Unschärfe der Hände – und bei offener Blende eine perfekte Schärfe.

In ihrer Klarheit und kühle Präzision gehört die Aufnahme kunsthistorisch gesehen zur Neuen Sachlichkeit, deren distanzierte und nüchterne Merkmale sehr gut zum Robert Bothner passten. Doch zugleich ist sie mehr: Durch den Blick seiner geschulten Augen verwandelt sich das schlichte Motiv zu einem Meer aus Licht, Wärme und Rhythmus.

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