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Demokratiebildung beginnt im Schulalltag – Interview mit Raphael Prüfer von der ERS Karlsruhe

Laura Kerling
Junger Mann mit dunkelbraunen schulterlangen Haaren in weißem T-Shirt vor einem gelb-orangenen Farbverlauf.

Raphael Prüfer, Referendar an der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule (ERS) in Karlsruhe, hat an der Schulentwicklung im Bereich Demokratiebildung mitgewirkt – für die seine Schule 2025 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. | Foto: privat

Schulkultur als Wertekompass

Was können Schulen tun, um unsere Demokratie zu stärken und zu schützen? Wie kann eine Schule heute die Gestaltung der Zukunft unterstützen?

Die Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule (ERS) in Karlsruhe wurde 2025 für ihre Herangehensweise mit dem Deutschen Schulpreis für Demokratiebildung ausgezeichnet: Der Referendar Raphael Prüfer hat bereits während seines Studiums an der ERS gearbeitet und an der Schulentwicklung in diesem Bereich mitgewirkt. Im Gespräch erklärt er, wie Schulen Demokratiebildung in ihren Schulalltag integrieren können und wie er hierfür auch die Web-App minnit‘ des LMZ nutzt.

Die Basis: Gemeinschaft und Verantwortung

Raphael, die ERS wurde beim Deutschen Schulpreis 2025 mit dem Themenpreis Demokratiebildung ausgezeichnet. Wieso ist Demokratiebildung wichtig?

Wenn wir aktiv handelnde, mündige, engagierte Bürgerinnen und Bürger wollen – und die brauchen wir in einer Solidargemeinschaft, die unsere Gesellschaft nun mal darstellt – dann müssen wir diese Grundhaltung und diese Werte auch vermitteln.
 

Was macht ihr an eurer Schule anders als andere Schulen?

Wir legen sehr viel Wert auf Gemeinschaft und Partizipation. Das fängt schon an, wenn unsere Fünfer zur Einschulung kommen. Dann stehen die Sechser Spalier und übernehmen Patenschaften. Auch die Fünfer bekommen kleine eigene Aufgaben. Wir signalisieren von Beginn an: Du bist Teil der Gemeinschaft und musst als Teil dessen auch Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen.

In der siebten und achten Stufe sind die Schülerinnen und Schüler einmal wöchentlich in einer sozialen Einrichtung aktiv. Diese Partizipation in der Stadtgemeinschaft gehört genauso dazu: Wir verstehen uns als Schule mit ausgebreiteten Armen, d. h. bei uns sind auch externe Leute aus dem Stadtteil an der Schulentwicklung beteiligt. Außerdem haben wir eine starke SMV, die sich in regelmäßigen Abständen mit der Schulleitung zum Jour fixe trifft, um Ideen zu entwickeln und Veränderungen anzustoßen. 

Was ist echte Partizipation?

Im Zentrum stehen also die Gemeinschaft und die individuelle Beteiligung … 

Ja, was uns Lehrkräfte alle eint und wiederum im Kollegium verbindet, ist der Fokus auf die Schülerinnen und Schüler. Schließlich geht es in der Schule um sie. Deswegen finde ich es wichtig, sie mitbestimmen zu lassen und viel in den Austausch zu gehen. Coaching-Gespräche sind bei uns beispielsweise fest im Stundenplan der Lehrkräfte eingeplant. 
 

So seid ihr nah an den Lernenden dran. Was genau bedeutet Partizipation im Schulkontext? Und was nicht?

Schule wird häufig nicht durch die Augen der Kinder und Jugendlichen gesehen. Zu Beginn des Schuljahres gibt es fixe Stundenpläne und der Raum wird von der Lehrkraft nach ihren Vorstellungen eingerichtet. 

Wenn die Partizipation der Schülerinnen und Schüler sich auf die Abstimmung, welcher Film geschaut wird, beschränkt, ist das keine echte Beteiligung. Genauso wenig wie Fragebögen, deren Feedback nie umgesetzt wird. Ein Leitfaden mit Werten an der Klassenzimmerwand bringt diese noch nicht ins Klassenzimmer. 

Demokratie und Partizipation müssen in der Schulkultur gelebt werden. 
 

Das LMZ hat ebenfalls eine Web-App für Schulen entwickelt, u.a. mit dem Fokus auf demokratische Teilhabe: minnit‘. Vielleicht kannst du aus deinen Erfahrungen ein Beispiel für Partizipation im Unterricht schildern?

Ich habe minnit‘ im letzten Schuljahr mit meinen Achtern zur Unterrichtsevaluation genutzt. Dabei habe ich nach Feedback zu Unterrichtsmethoden, Themen und weiteren Interessen gefragt – und meine Schülerinnen und Schüler durften mich als Lehrkraft bewerten.

minnit‘ hat mir dabei wirklich gut gefallen: Die Web-App gibt den Lernenden eine Plattform und visualisiert unmittelbar nach der Abstimmung ein klares Stimmungsbild. Das ist für Lehrkräfte unkompliziert und gibt allen Beteiligten einen transparenten, verständlichen Überblick über die Ergebnisse. Ein großes Plus finde ich, dass das Feedback durch die digitale Teilnahme wirklich anonym ist. Außerdem ist minnit‘ nicht nur für Feedback, sondern auch für den Austausch der Lernenden untereinander sowie zum Finden gemeinsamer Problemlösungswege gut geeignet, zum Beispiel im Rahmen der SMV.

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Lernen in der Zukunft

An alle Lehrkräfte und Schulleitungen, die sich nun inspiriert fühlen, neue Wege des Lernens zu gehen und neue Strukturen aufzubauen, was würdest du ihnen mitgeben?

Offenheit, Kreativität und Mut. Diese Werte in der Schulkultur zu leben, setzt eine offene Haltung voraus, die im traditionellen Lehramtsstudium nicht vorkommt. In Baden-Württemberg haben wir im Bildungsplan fächerübergreifende Leitperspektiven. In der ERS arbeiten wir an Themen statt in Fächern. Das meine ich mit Kreativität und Mut – einfach mal zu machen: Kreative Lösungen auszuprobieren, gegebenenfalls zu scheitern und die Lösungen weiterzuentwickeln.
 

Zum Schluss ein Blick nach vorne: Was sollte sich deiner Meinung nach im Unterricht generell für die Zukunft ändern?

Ich wünsche mir, dass wir mehr aus diesen engen Strukturen ausbrechen, Freiräume nutzen und Unterricht kollaborativer und vernetzter denken – auch über Fachgrenzen hinweg. Ich mag den Begriff Zukunftskompetenzen nicht so gerne, denn wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. – Wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass wir hier mit iPads und KI sitzen?

Deshalb ist es weniger wichtig, Heranwachsende auf eine feststehende Zukunft vorzubereiten, als ihnen die Kompetenzen zu vermitteln, mit Herausforderungen umzugehen. Ihnen zu zeigen: Ihr habt es in der Hand, ihr könnt die Gegenwart – und damit eure Zukunft – mitgestalten.

Vielen Dank, Raphael, für das inspirierende Gespräch!

Zur Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe

Laura Kerling

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