Warum antisemitische Verschwörungstheorien auf Social Media gedeihen – Interview über die Plattform OY VEY

Madeleine Hankele-Gauß
Ein junger Mann im blauen Anzug und eine junge Frau in einer grauen Weste sitzen an einem Holztisch und blicken auf einen Laptop, der vor ihnen steht. Im Vordergrund liegen Bücher.

Was Jüdinnen und Juden tagtäglich an antisemitischen Verschwörungsmythen im Netz begegnet, ist erschreckend: Um Gegenrede zu erleichtern, hat Ronja Schonscheck mit ihren Kollegen Benjamin Söchtig und Rosa Jellinek (nicht im Bild) die Plattform OY VEY aufgebaut. | Foto: WerteInitiative e.V.

Ronja Schonscheck von der WerteInitiative e.V. im Gespräch

„Oh weh“ oder „auweia, was ist das denn?“ – Wenn wir mit Verschwörungstheorien konfrontiert werden, reichen unsere Reaktionen vom belustigten Kopfschütteln bis hin zu ohnmächtiger Bestürzung. Auf diese Reaktion spielt der jiddische Name der neuen Plattform OY VEY des Berliner Vereins WerteInitiative e.V. an, der Gegenrede gegen Verschwörungstheorien im Netz fördert. Insbesondere auf Social Media gedeihen antisemitische Verschwörungsmythen, nicht erst seit dem Terroranschlag der Hamas auf die israelische Bevölkerung. Wie wir als Zivilgesellschaft und Schule damit umgehen können, darüber haben wir mit der wissenschaftlichen Referentin Ronja Schonscheck gesprochen. Sie hat die Plattform gemeinsam mit ihrem Kollegen Benjamin Söchtig und ihrer Kollegin Rosa Jellinek aufgebaut.
 

Plattform OY VEY kennenlernen

Broschüre „Antisemitismus erkennen und begegnen“ lesen

Mehr über Verschwörungstheorien erfahren

„Gemeint sind mit Verschwörungsmythen immer auch Jüdinnen und Juden“

Die neue Plattform „OY VEY“ richtet sich gegen Verschwörungsmythen. Warum setzt Ihr Verein WerteInitiative im Kampf gegen Antisemitismus diesen Schwerpunkt?

Das ist ein Schwerpunkt unseres Vereins: Zu unserer Arbeit gehören auch tagespolitisches Engagement, Diskussions- und Informationsformate. Mit der Plattform OY VEY reagieren wir auf Aussagen aus der jüdischen Community, die im Online-Raum vielfach mit Verschwörungsmythen in Berührung kommen. Gemeint sind mit Verschwörungsmythen immer auch Jüdinnen und Juden, selbst wenn dies nur angedeutet oder verklausuliert wird. Wenn sie sich dagegen wehren möchten, stehen sie oft relativ allein da. Das liegt an der Funktionsweise sozialer Medien, die alles belohnen, was für großen Aufruhr sorgt. Eine sachliche Kritik oder Korrektur von Fakten wird dagegen als unattraktiv eingestuft. Mit unserem Angebot richten wir uns also an die jüdische Community, aber auch an eine nichtbetroffene Öffentlichkeit.


Das heißt, Sie wenden sich auch gezielt an die „Zuschauerinnen und Zuschauer“?

Ganz genau, wir wollen mit der Plattform auch Zivilcourage fördern. Antisemitische Ideologie und Verschwörungsmythen haben ja nie nur ein Feindbild und meinen nie nur Jüdinnen und Juden, sondern letztlich auch eine selbstverantwortliche, mündige Gesellschaft. An Formulierungen wie „Lügenpresse“ und „die da oben“ oder an Kampagnen gegen die WHO oder Bill Gates während der Corona-Pandemie sieht man, dass die Feindbilder schnell wechseln können und nicht ausschließlich Jüdinnen oder Juden sein müssen.


Richtet sich Ihre Plattform dann speziell gegen Verschwörungsmythen, in denen Jüdinnen, Juden oder Israel konkret angesprochen werden? Oder gegen alle existierenden Verschwörungsmythen?

Grundsätzlich würde ich sagen, dass alle Verschwörungserzählungen zumindest strukturell auch antisemitisch sind. Die Funktionsweisen von Antisemitismus und Verschwörungserzählungen ähneln sich in ganz zentralen Punkten: Die Welt wird in Gut und Böse unterteilt und übermächtige, alles bestimmende Feinde „halten die Fäden in der Hand“. Verschwörungsgläubige nehmen daher diese „Feinde“ als große Gefahr wahr. In ihren Augen legitimiert die wahrgenommene Gefährdung eine vermeintliche Notwehrsituation. An den Attentaten von Christchurch, Halle und Hanau sehen wir, dass dies zu Todesopfern führen kann. Das ist natürlich nicht immer so. Doch wenn man gegen die Verbreitung von Verschwörungsmythen nicht einschreitet, wird der Boden dafür bereitet.

„Viele aktuelle Erzählungen zehren von ‚Klassikern‘ des Verschwörungsglaubens“

Was genau bietet Ihre Plattform der jüdischen Community und nicht betroffenen Zuschauerinnen und Zuschauern, um gegen Verschwörungsmythen aktiv zu werden?

Um möglichst schnell und einfach auf Verschwörungsmythen in den sozialen Medien reagieren zu können, bieten wir kurze Videos, Texte, Infografiken und Sharepics zum Kopieren, die auch verändert werden dürfen. Aktuell versuchen wir, zusätzlich in Richtung Memes und GIFs zu gehen. Auf unseren Social-Media-Kanälen auf TikTok, Instagram, Facebook, YouTube und X können User/-innen dieses Material direkt kopieren. Dort posten wir derzeit auch viel Aktuelles zur Israel-Hamas-Auseinandersetzung und den begleitenden Diskursen. Davon abgesehen liefert die Plattform OY VEY Hintergrundinformationen zu Verschwörungserzählungen und ihren teils sehr, sehr alten Ursprüngen. Denn viele aktuelle Erzählungen zehren von „Klassikern“ des Verschwörungsglaubens, deren Bildern und Narrativen. Wir alle haben diese auf die ein oder andere Weise internalisiert.
 

Die Welt nach dem Terroranschlag der Hamas auf die israelische Bevölkerung am 7. Oktober 2023 ist in vielerlei Hinsicht eine andere. Welche Folgen hatte der Anschlag für den Antisemitismus und die Verbreitung von Verschwörungsmythen?

Das Massaker der Hamas war eine Zäsur. Für viele Jüdinnen und Juden ist Israel der letzte sichere Zufluchtsort und auf einmal werden dort jüdische Menschen brutal und barbarisch ermordet. In Kombination mit israelfeindlichen Demos und vermehrtem Antisemitismus hat dies zu viel Verunsicherung und Angst geführt. Gleichzeitig sind viele aktuelle Äußerungen „nur“ ein verstärkter Ausdruck dessen, was in den letzten Jahren bereits da war. Es ist eine altbekannte Reaktion, dass auf Krisen und Konflikte hin Antisemitismus fast ausnahmslos zunimmt. Die Pandemie, der russische Überfall auf die Ukraine oder die Klimakrise waren da keine Ausnahme. Das hängt stark mit dem Bedürfnis zusammen, für Ereignisse selbst keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Typisch für ein antisemitisches Weltbild sind daher auch Täter-Opfer-Umkehrungen. Aktuell wird zum Beispiel diese neue Verschwörungserzählung verbreitet: Israel habe das Massaker vom 7. Oktober selbst geplant und verübt, um den Gazastreifen einnehmen zu können.

„Geraune, Gerüchte, im Ungewissen bleiben: So funktioniert auch Antisemitismus“

Unterhaltung und politisches Schwarzweißdenken vermengen sich derzeit auf Social-Media-Plattformen wie TikTok auf erschreckende Weise. In welchen Formaten wird antisemitische Propaganda hier „verpackt“, um Minderjährige anzusprechen und aufzustacheln?

Den erfolgreichen Formaten gemeinsam ist, dass sie sehr personenbezogen sind. Die Vermittlung von komplexen Inhalten in einer hoch emotionalisierten, angeblich persönlich betroffenen Weise soll die Leute „mitnehmen“ und ist sehr erfolgreich. Eine Begleiterscheinung der sehr kurzen Formate ist, dass keine Zeit bleibt, um etwas zu erklären. Was deswegen verstärkt genutzt wird, sind Anspielungen: Emojis, Musikstücke im Hintergrund oder popkulturelle Anspielungen aus Serien oder Filmen. Diese eröffnen eine Ebene des „Bescheidwissens“. Was diese Anspielungen allerdings in letzter Konsequenz bedeuten, wen oder was sie alles einschließen, wird nicht geklärt. Diese Ungewissheit verunmöglicht meiner Meinung nach eine inhaltliche Auseinandersetzung damit.
 

Das heißt, soziale Medien leisten einem Klima der Ungewissheit Vorschub, in dem Verschwörungstheorien gedeihen können.

Genau, dadurch entsteht so ein Geraune. Und Geraune, Gerüchte, im Ungewissen bleiben: So funktioniert auch Antisemitismus. Der Grund, warum man Verschwörungstheorien nicht widerlegen kann, ist ja genau der, dass sie keine Theorien sind. Sie leben davon, nicht widerlegt werden zu können. Eine sehr große Gefahr sehe ich in Accounts von politischen Akteuren, die erkannt haben, wie gut das funktioniert – seien es die extreme Rechte oder Islamisten.
 

Wie können Lehrkräfte mit der Plattform OY VEY arbeiten, um Schüler/-innen für antisemitische Inhalte auf Social Media zu sensibilisieren?

Lehrkräften würde ich empfehlen, gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern Inhalte auf Social-Media-Kanälen anzuschauen und darauf zu achten, bei welchen Inhalten sie „hängen bleiben“. Wichtig wäre, offen darüber zu sprechen, was gesagt wird, was nicht gesagt wird und warum Schüler/-innen das interessant finden. Dieser gesellschaftliche Diskurs wird nicht verlangt, wenn man mit dem Smartphone allein irgendwo sitzt. Mithilfe unserer Plattform OY VEY kann man dann auch lernen, wo die Inhalte herkommen und wie man ihnen widersprechen kann. Unser Material eignet sich außerdem dafür, sich im Unterricht mit der Tradition des Erzählens als kulturelle Technik auseinanderzusetzen: Welche Erzählungen formen unsere Gesellschaft seit hunderten Jahren? Was hat Antisemitismus damit zu tun? Erzählungen machen uns als Menschheit aus. Gleichzeitig gibt es Erzählungen, die gesellschaftlichen Ausschluss, Vertreibung und Vernichtung begründen. Ich denke, soziale Medien sind gerade nur die aktuellste Form dieser Erzählungen.


Herzlichen Dank für Ihr wichtige Arbeit und Ihre Zeit, liebe Frau Schonscheck.

Madeleine Hankele-Gauß

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