Nachgefragt am LMZ: Worum dreht sich der SchoolCrime Podcast?

Marlene Feller
Man sieht eine blonde Frau, die auf einem gelben Sessel sitzt und direkt, etwas ernst in die Kamera schaut

Medienpädagogin Saskia Nakari hostet seit 2023 den Podcast "SchoolCrime". | Foto: Marlene Feller/LMZ

Wenn Nacktbilder im Klassenchat kursieren, gewalthaltige oder rechtsextreme Inhalte verschickt werden oder Kinder über Online-Games von Unbekannten belästigt werden , stehen Schulen und Eltern oft vor der Frage: Was tun?

Im SchoolCrime Podcast spricht Medienpädagogin Saskia Nakari über wahre Fälle digitaler Grenzüberschreitungen an Schulen. Sie erzählt uns im Interview, wie der True Crime Edutainment Podcast zustande kam, wie Lehrkräfte ihn im Schulalltag einsetzen können und weshalb das Angebot Orientierung für Prävention und Intervention bietet. 

True Crime als medienpädagogisches Format

Warum war es dir wichtig, den Podcast ins Leben zu rufen? Welches Ziel verfolgt ihr mit SchoolCrime? 

Ich beschäftige mich seit rund 15 Jahren mit Jugendmedienschutz. Wenn ich in Klassen gehe, habe ich manchmal das Gefühl, dass ein einzelner Workshop bloß ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Deshalb habe ich mich gefragt, wie man Angebote nachhaltiger gestalten kann – vor allem für die Menschen, die Kinder und Jugendliche täglich begleiten: Eltern, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte oder Schulsozialarbeitende. Ein Podcast eignet sich dafür sehr gut, weil er zeit- und ortsunabhängig abrufbar ist und Themen auch mehrfach angehört, weitergedacht oder besprochen werden können. Als dann das Buch „Wir verlieren unsere Kinder!“ von Silke Müller für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat, habe ich gemerkt: Viele der Fälle, die dort beschrieben werden, kenne ich in ähnlicher Form auch aus Schulen. Da kam die Idee auf, das True-Crime-Format mit echten Fällen aus dem Schulkontext zu verbinden. 

Wie stoßt ihr auf die Fälle und Themen, die ihr im Podcast behandelt? 

Wir schauen im Team zunächst in unseren Redaktionssitzungen, welche übergeordneten Themen aus dem Jugendmedienschutz wir behandeln möchten – zum Beispiel Rechtsextremismus, sexualisierte Gewalt, Mobbing oder Persönlichkeitsrechte. Dabei überlegen wir: Welche Themen sind gerade relevant und welche Fälle passen dazu? Gleichzeitig profitiere ich sehr davon, dass ich viel an Schulen unterwegs bin. Dort komme ich mit Lehrkräften, Schulsozialarbeitenden oder auch Eltern ins Gespräch, die Vorfälle oft selbst miterlebt haben. 

Wie entsteht eine neue Folge – von der Idee bis zur Veröffentlichung? 

Die Fälle kommen meistens von Lehrkräften, Schulsozialarbeitenden oder von Eltern. Ich lasse mir den jeweiligen Hergang möglichst genau schildern und schreibe daraus eine Fallbeschreibung. Besonders wichtig ist dabei die Anonymisierung: Namen, Schulart oder andere Details werden so verändert, dass keine Rückschlüsse auf die beteiligten Personen möglich sind. Danach lasse ich mir von der ursprünglichen Quelle erneut bestätigen, dass der Fall inhaltlich korrekt ist und ausreichend anonymisiert ist. Erst dann wird er von unserem Sprecher eingesprochen. Parallel suche ich eine fürs Thema passende Person, mit der ich im Podcast spreche, zum Beispiel aus der Rechtswissenschaft oder von einer Beratungsstelle. Danach folgen Aufnahme, Schnitt und Abstimmung mit der Technik. Für eine Folge ist das ist viel zwar Aufwand, lohnt sich aber sehr. 

„Die Folgen zeigen sehr konkret, welche Fragen man sich stellen muss, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt und worauf Schulen achten sollten.“

Welche Lücke schließt der Podcast aus deiner Sicht, was macht SchoolCrime besonders? 

Jede Folge behandelt einen wahren Fall aus dem Schulalltag. Diese in ein True-Crime-Format zu bringen, ist aus meiner Sicht sehr innovativ – und gibt es in der Form bisher in keinem anderen medienpädagogischen Podcast. In meinen Fortbildungen merke ich oft: Viele Lehrkräfte oder Schulsozialarbeitende möchten handlungsfähig sein, aber es fehlen ihnen entscheidende Informationen. Wenn zum Beispiel Nacktbilder in einer Klasse verschickt wurden, reicht diese Information allein nicht aus. Entscheidend ist unter anderem: Wie alt sind die beteiligten Personen? Was ist auf den Bildern genau zu sehen? Wer hat sie weitergeleitet? Und welche Schritte sind jetzt sinnvoll? In manchen Fällen sollte man zum Beispiel keinen Screenshot machen, weil man sich damit selbst strafbar machen könnte. In anderen Fällen kann es wichtig sein, Beweise zu sichern. Genau deshalb arbeiten wir mit echten Fällen. Damit schließt SchoolCrime aus meiner Sicht eine wichtige Lücke. 

Welche Entwicklungen oder Themen beschäftigen Kinder und Jugendliche aktuell besonders? Gibt es Trends, die euch in letzter Zeit vermehrt begegnen? 

Ein Thema, das uns wirklich an jeder Schule begegnet, sind Klassenchats. Dort passiert unglaublich viel: Beleidigungen, das Weiterleiten von Bildern oder problematischen Inhalten oder auch einfach eine Flut an Nachrichten. Ich glaube, dass Schulen hier viel präventiv tun können. Lehrkräfte müssen nicht Teil solcher Chats sein, aber sie sollten anerkennen, dass Klassenchats das soziale Miteinander und das Klassenklima beeinflussen. Wenn dort Konflikte entstehen, kommen sie früher oder später auch im Unterricht an. Deshalb finde ich es wichtig, mit Kindern und Jugendlichen früh darüber zu sprechen: Was darf ich teilen? Wann verletze ich das Recht am eigenen Bild? Welche Inhalte sind strafbar? Und welche Regeln wollen wir als Klasse für unser digitales Miteinander festlegen? Im besten Fall geben wir Schulen und Eltern Werkzeuge an die Hand, um solchen Situationen vorzubeugen. 

Wie können Lehrkräfte den Podcast konkret im Schulalltag einsetzen? 

Ähnlich wie bei einem Film kann man den Podcast bzw. Teile davon nutzen. Ich habe das selbst schon mit einer achten Klasse ausprobiert. Wir sind über Einstiegsfragen ins Thema Sexting eingestiegen: Habt ihr den Begriff schon einmal gehört? Wie findet Flirten heute über das Smartphone statt? Danach haben wir gemeinsam in den ersten Teil der zugehörigen Folge hineingehört und besprochen: Was ist passiert? Was ist besonders problematisch gelaufen? Wer trägt Verantwortung? Wichtig ist aber: Lehrkräfte sollten die Folgen vorher selbst anhören und entscheiden, ob sie für die jeweilige Altersstufe und Lerngruppe geeignet sind. Unterstützend gibt es zu jeder Folge eine Handreichung. Darin wird der konkrete Fall noch einmal eingeordnet. Dazu kommen Dos und Don’ts, also Tipps im Umgang mit der jeweiligen Situation, Hinweise zu möglichen Straftatbeständen sowie weiterführende Links, Unterrichtsmaterialien, Hilfs- und Beratungsangebote. 

 

Man sieht eine blonde Frau die auf einem senfgelben Sofa sitzt, sie laechelt in die Kamera.

Foto: Marlene Feller/LMZ

Liebe Saskia, vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gerne. Ich würde gerne einen kleinen Aufruf starten: Wenn Sie als Eltern, Lehrkräfte oder Menschen aus der Schulsozialarbeit von Fällen erfahren, die zu SchoolCrime passen könnten, dürfen Sie mir einfach eine Mail an schoolcrime@lmz-bw.de schicken. Solche Geschehnisse sind für den Podcast sehr wertvoll, weil andere daraus lernen können. 

Wichtig ist mir dabei: Die Fälle werden vertraulich behandelt, seriös aufgearbeitet und so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf beteiligte Personen oder Schulen möglich sind.  

Information zu SchoolCrime: Der Podcast wird gefördert durch das Ministerium für Kultus BW und die LFK BW.

Weitere Infos zum SchoolCrime Podcast

Marlene Feller

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