Nachgefragt am LMZ – Was ist die SchulKinoWoche?

Madeleine Hankele-Gauß
Portraitfoto von Kerstin Tscherbakova, einer jungen Frau mit schwarzen Haaren und Pony in dunkelblauem Jeanshemd.

Seit fünf Jahren organisiert Medienpädagogin Kerstin Tscherbakova die SchulKinoWoche Baden-Württemberg gemeinsam mit einem engagierten Team. | Foto: Marlene Feller/LMZ

„Es ist wichtig, hinter die Oberfläche von Bildern zu schauen“ – Im Gespräch mit Kerstin Tscherbakova

In die Filmwelt abtauchen, andere Lebensrealitäten und Blickwinkel kennenlernen sowie gesellschaftliche Fragen diskutieren – das alles bietet die SchulKinoWoche (SKW) Baden-Württemberg einmal jährlich teilnehmenden Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften. Bevor am 20. November die diesjährige SchulKinoWoche ihren Vorhang öffnet, haben wir mit Medienpädagogin Kerstin Tscherbakova über ihre Arbeit und den Lernort Kino gesprochen. Seit fünf Jahren organisiert sie die Großveranstaltung gemeinsam mit einem engagierten Team.

Kino als Lern- und Erlebnisort

Was ist das Besondere an der SchulKinoWoche Baden-Württemberg?
Die SchulKinoWoche bringt jedes Jahr zehntausende Schülerinnen und Schüler ins Kino – und zwar nicht nur in den großen Städten, sondern dank mobiler Angebote auch in kleinere Orte ohne eigenes Kino. Besonders ist, dass Filme nicht nur gezeigt, sondern mit Begleitmaterial, Filmgesprächen und Workshops vertieft werden. Für Lehrkräfte gibt es außerdem ein umfangreiches Fortbildungs- und Informationsangebot. So wird Kino zu einem Lern- und Erlebnisort, der den Unterricht wertvoll ergänzt.

Was macht den Lernort Kino aus? Warum lohnt sich der Wechsel vom Klassenzimmer ins Kino?
Wie ein Museum oder ein Theater ist das Kino ein besonderer kultureller Ort, an dem wichtige gesellschaftliche Diskurse stattfinden. Was ich daran besonders schätze und was auch einen Lerneffekt hat, ist das immersive Erlebnis im Kino. Zuhause greift man schnell mal zum Handy und ist abgelenkt. Im Kino gibt es unausgesprochene Regeln und man einigt sich auf ein bestimmtes Verhalten, sodass man einfach in die Filmwelt abtauchen und sich auf diese eine Sache konzentrieren kann. Gleichzeitig bieten Kinofilme die Gelegenheit, Lebensrealitäten kennenzulernen, mit denen man sich sonst nicht auseinandersetzt – und das in beeindruckender Auflösung und mit krassem Sound.

Wie Filmbildung im Klassenzimmer gelingen kann

Warum ist es aus deiner Sicht so wichtig, Filme im Unterricht nicht nur anzuschauen, sondern auch bewusst zu analysieren?
Gerade, weil wir heute ständig mit kurzen Clips auf Social Media konfrontiert sind, ist es wichtig, hinter die Oberfläche von Bildern zu schauen. Im Unterricht sollte es auch darum gehen, wie Filme und Bewegtbilder Gefühle auslösen, wie Schnitt und Musik Wahrnehmung lenken, welche Werte und Weltbilder Filme transportieren – und auch darum, wie zum Beispiel Manipulation funktioniert. So können Schülerinnen und Schüler einen kritischen Blick entwickeln und lernen, Inhalte bewusster einzuordnen, anstatt sie einfach zu konsumieren.

Welche Kompetenzen können Schülerinnen und Schüler durch Filmbildung entwickeln und gibt es Methoden, die sich besonders gut für den Unterricht eignen?
Filmbildung fördert nicht nur Medienkompetenz, sondern auch ästhetisches Bewusstsein, Urteilsfähigkeit und Perspektivwechsel. Es gibt in der Filmbildung viele klassische Methoden wie Beobachtungsaufträge beim Filmschauen, Sequenz- oder Figurenanalysen. Viel wichtiger finde ich aber den Methodenwechsel zwischen Filmanalyse und kreativer Filmproduktion. Das Vor und Zurück in der Filmbetrachtung wird dadurch zu einem aktiven Prozess, bei dem man miteinander ins Denken kommt.

Wie kann kreative Filmproduktion auch ohne großen Aufwand in den Unterricht integriert werden?
Es gibt einfache praktische Methoden, die im Unterricht zwischendurch mit eingebaut werden können. Eine klassische Übung aus der Filmbildung ist zum Beispiel „Twenty Shots“: Dabei haben Kinder und Jugendliche die Aufgabe, beispielsweise in Zweiergruppen zusammenzugehen und sich gegenseitig zu filmen. Sie erstellen zwanzig verschiedene Aufnahmen von einer kurzen Sequenz. Ihre Aufgabe ist es, jedes Mal eine unterschiedliche Perspektive zu wählen. Dadurch sind die Schülerinnen und Schüler gezwungen, kreativ zu werden und sich zu fragen: Was ist überhaupt möglich mit der Kamera? Welche verschiedenen Blickwinkel gibt es auf das Geschehen? Nach dieser Übung nehmen die Kinder und Jugendlichen auch die Blickwinkel im Film ganz anders wahr.
 

Filmgespräche als Highlight der SchulKinoWoche

Seit fünf Jahren organisierst du mit einem engagierten Team die SchulKinoWoche. Was waren in dieser Zeit persönliche Highlights für dich?
Was ich immer wieder super finde, sind die Filmgespräche. Dort werden bestimmte Themen vertieft oder spannende Fragen im Saal aufgeworfen – sei es in Richtung Naturwissenschaften, Politik oder Gesellschaft. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das Filmgespräch mit Dr. Michael Blume zum Thema Antisemitismus und dem Film „The Zone of Interest“ im letzten Jahr. Eine Schülerin mit palästinensischem Background kam nach dem Gespräch auf Herrn Dr. Blume zu, hat ihm für das Gespräch gedankt und dafür, dass sie sich „gesehen“ gefühlt habe. Dass das Filmgespräch unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen konnte und hier eine respektvolle Auseinandersetzung gelungen ist, hat mich sehr gefreut.

Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Woher kommt deine Leidenschaft für Film und Kino?
Ich bin mit Filmen aufgewachsen. Am Wochenende abends gemeinsam Filme im Abendprogramm anzuschauen, war in unserer Familie Standard. Als Jugendliche bin ich sogar immer wieder allein ins Kino gegangen, weil ich unbedingt bestimmte Filme sehen wollte – Freundinnen und Freunde von mir aber nicht. Ich liebe bis heute Science-Fiction und Fantasy, schaue aber auch gerne Arthouse- und Nischenfilme an.  

Liebe Kerstin, herzlichen Dank für das Gespräch!

Die diesjährige SchulKinoWoche findet vom 20. bis 28. November 2025 statt. Bis einschließlich 6. November 2025 ist eine Anmeldung zur SchulKinoWoche 2025 möglich. Alle Infos zu Anmeldung, Filmprogramm sowie begleitenden Filmgesprächen, Workshops und Fortbildungen finden Sie hier.

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Madeleine Hankele-Gauß

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