Lektüre-Empfehlung: APuZ-Heft „Bildung und Digitalisierung“
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Müssen wir Bildung neu denken? – Die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Bildungssektor
Wie wirkt sich die fortschreitende Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche auf Bildung in Schulen, Hochschulen und im frühkindlichen Bereich aus? Sollen mit digitalen Medien traditionelle Bildungsziele und Lernformen optimiert werden? Oder bedeutet der „Siegeszug“ digitaler Medien, dass Lehren und Lernen anders gedacht und umgesetzt werden müssen als bisher? Welche Bildungsziele helfen Heranwachsenden, in einer globalen, hochdynamischen Welt zurechtzukommen? Im Heft „Bildung und Digitalisierung“ der Fachzeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ) widmen sich sieben Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Medienpädagogik diesen spannenden Fragen.
Jöran Muuß-Merholz: Spaltet die Digitalisierung die Bildungswelt?
In seinem Essay stellt der Medienpädagoge Jöran Muuß-Merholz einen ungewöhnlichen Vergleich an: Moderne Mediennutzer/-innen vergleicht er mit Pinguinen. Pinguine sind sowohl im grünen Medium „Land“, als auch im blauen Medium „Wasser“ zu Hause. Analog dazu nutzen viele Menschen heutzutage alte und neue Medien: Beide bilden ihre mediale Umwelt – wie Land und Wasser beim Pinguin.
Mit diesem Vergleich möchte Muuß-Merholz zweierlei aufzeigen. Zum einen sind Medien Basis und Umgebung unseres Lebens und unserer Gesellschaft, nicht nur ein Werkzeug für Kommunikation oder Unterricht. Zum anderen bringen verschiedene Medien – ob Land und Wasser oder analoge und digitale Medien – so unterschiedliche Lebensbedingungen hervor. Aus diesem Grund können unterschiedliche Medien nicht sinnvoll miteinander verglichen werden. Die digitale Medienwelt sollte daher keinesfalls mit den Maßstäben der analogen Medienwelt beurteilt werden.
Fest steht für Muuß-Merholz, dass digitale Medien als „große Verstärker“ wirken. Sie können entweder den Einsatz traditioneller oder progressiver Bildungsziele und Lernformen verstärken. Digitale Lernsoftware kann auf der einen Seite begünstigen, dass Schülerinnen und Schülern durch Übungen mit vorgefertigten Ergebnissen statisches Wissen vermittelt und jeder Lernschritt durch die Lehrkraft kontrolliert wird. Auf der anderen Seite können beim gemeinsamen Erstellen digitaler Medienprodukte oder der Zusammenarbeit auf Lernplattformen progressive Bildungsziele wie die „4 Ks“ – kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation und Kollaboration – gefördert werden. Eine Diskussion über die Ausrichtung digitaler Bildung ist Muuß-Merholz zufolge daher überfällig.
Harald Gapski: Bildung und Big Data
Was ist die zentrale Kompetenz im digitalen Zeitalter? Laut Dr. Harald Grapski, dem Leiter der Grimme Forschung, ist es die Fähigkeit, sich innerhalb der vielfältigen Spannungsfelder digitaler Gesellschaften positionieren zu können. Noch mehr: Die eigene Position begründen zu können. Um diese Form der Urteilsfähigkeit zu fördern, müssen die Widersprüche der Digitalisierung im Unterricht thematisiert werden.
Dazu zählt etwa der Gegensatz zwischen dem formal bestehenden Recht auf informationelle Selbstbestimmung und sozialen Netzwerken, Online-Shops und Apps, in denen dieses Recht nur schwer durchsetzbar ist. Auch das Spannungsfeld zwischen komfortablen Online-Dienstleistungen und aufwendigen Verschlüsselungstechnologien gehört dazu. Ebenso fällt darunter der Widerspruch zwischen dem Ideal autonomer Entscheidungen und dem wachsenden Einfluss von Algorithmen auf unser Handeln.
Bildung im digitalen Zeitalter müsse nicht nur die Fragen „Wie funktioniert das?“, „Wie nutze ich das?“ und „Wie wirkt das?“ beantworten, so Grapski. Sie müsse vielmehr Kinder und Jugendliche dazu bringen, sich mit der Frage zu beschäftigen: „Wie und warum positioniere ich mich dazu?“
Weitere Essays auf einen Blick
Neugierig geworden? Weitere Essays aus dem APuZ-Heft „Bildung und Digitalisierung“ finden Sie hier:
- Henrik Scheller: „DIGITALPAKT SCHULE“: Föderale Kulturhoheit zulasten der Zukunftsfähigkeit des Bildungswesens?
- Felicitas Macgilchrist: Digitale Bildungsmedien im Diskurs. Wertesysteme, Wirkkraft und alternative Konzepte
- Helen Knauf: Kita 2.0. Potenziale und Risiken von Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen
- Annabell Bils, Heike Brand & Ada Pellert: Hochschule(n) im digitalen Wandel. Bedarfe und Strategien

