Interview: Neurodiversität und Gaming

Ulrike Boscher

Louis Lory beschäftigt sich als Student der Medienwissenschaften und als Praktikant am SMZ mit dem medienpädagogischen Thema Neurodiversität und Gaming. | Foto: Marlene Feller

Neurodiversität und Gaming: Wenn Spiele zu Safe Spaces werden

Welchen Einfluss haben Games für neurodivergente Kinder und Jugendliche? Louis Lory hat sich im Studium mit dem Thema beschäftigt und während seines Praktikums am Stadtmedienzentrum Stuttgart Erfahrungen in der medienpädagogischen Arbeit mit Kindern gesammelt. Im Interview spricht er über Games als Rückzugsorte, Cozy Games zum Abschalten und die Frage, welche Rolle Games bei der Auseinandersetzung mit Neurodiversität spielen können.

 

Du interessierst Dich für das Thema Neurodiversität und Gaming. Wie bist du darauf aufmerksam geworden? 
Die Themen Neurodiversität und Medien begleiten mich schon mein ganzes Leben. Medien, weil ich von Filmen, Büchern, Serien und teilweise auch von Spielen geprägt wurde. Mit Neurodiversität habe ich mich beschäftigt, weil ich selbst betroffen bin, auch wenn ich noch nicht offiziell diagnostiziert bin. Ich hatte schon immer das Gefühl, ein bisschen anders, sensibler zu sein. Vor etwa sechs Jahren habe ich angefangen, mich für das Thema Neurodiversität zu interessieren – zunächst ganz allgemein und privat. Irgendwann habe ich gemerkt, welches Potenzial darin steckt, dieses Interesse mit meinen Leidenschaften und mit meinem Studium der Medienwissenschaft zu verbinden.

Im März habe ich dann mein Pflichtpraktikum im Stadtmedienzentrum (SMZ) Stuttgart begonnen und dabei viel gelernt. Welche Möglichkeiten gibt es, pädagogisch wertvolle Dinge zu tun, auch im Bereich Gaming? Dabei wurde mir bewusst, wie eng Gaming und Neurodiversität miteinander verbunden sein können. Seither beschäftige ich mich intensiver mit dem Thema, möchte aufklären und neue Wege gehen. Gaming bietet hierfür einen sehr spannenden Ansatz.

„Jedes Gehirn ist einzigartig, genau wie unser Fingerabdruck.“

Was bedeuten die Begriffe „neurotypisch“, „neurodivergent“ und „neurodivers“? Kannst Du das für uns einordnen und mit einfachen Worten erklären?
Neurodiversität ist ein positiver Begriff, der beschreibt, dass alle Gehirne unterschiedlich sind. Jedes Gehirn ist einzigartig, genau wie unser Fingerabdruck. Dass wir unterschiedlich denken, lernen und fühlen und die Welt um uns herum verschieden wahrnehmen, ist ganz natürlich. Der Begriff erinnert uns daran, dass verschiedene Wahrnehmungen nicht unbedingt falsch oder richtig sein müssen, sondern nebeneinander existieren können. Die meisten Gehirne funktionieren in ihren Grundfunktionen trotzdem ähnlich. Man spricht dann von „neurotypisch“. Daneben gibt es Menschen, deren Gehirnfunktionen so stark von der Mehrheit abweichen, dass dafür Bezeichnungen hilfreich bzw. nötig sein können. Diese Menschen nennt man neurodivergent. 

Welche Gruppen gelten als neurodivergent? Kannst Du Beispiele nennen?
Unter Neurodivergenz fallen zum Beispiel ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung); Autismus-Spektrum-Störung, Dyskalkulie (Rechenschwäche), Lese- und Rechtschreibstörungen (LRS), Synästhesie (Vermischung verschiedener Sinneseindrücke) und das Tourette-Syndrom. Diskutiert wird darüber, ob auch Hochsensibilität und psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Angststörungen dazu gehören sollen. Hierzu gibt es aktuell noch keine eindeutige Definition.

In einem Deiner Artikel beschreibst Du, dass neurodivergente Kinder und Jugendliche eine besondere Leidenschaft für Computerspiele haben. Woher rührt diese Faszination?

Grundsätzlich üben Computerspiele auf sehr viele Menschen eine große Faszination aus. Das liegt an ihren Spielmechaniken, der Gestaltung und ihren ständigen Belohnungen, Bestätigungen und dem Anreiz, etwas zu schaffen oder zu meistern. Bei neurodivergenten Menschen, insbesondere bei Menschen mit ADHS kann diese Faszination besonders stark ausgeprägt sein, wie einige Studien zeigen. Man vermutet, dass dabei der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle spielt.

Hast du während deines Praktikums im Stadtmedienzentrum neurodivergente Kinder und Jugendliche kennenlernen dürfen, etwa bei Angeboten der ComputerSpielSchule im beliebten Angebot "Game, Make & Learn“?
Ich bin bei Workshops der ComputerSpielSchule sowie am offenen Freitagsangebot "Game, Make & Learn" tatsächlich schon einigen bunten Köpfen begegnet. Auch wenn ich natürlich nicht mutmaßen will, wer tatsächlich neurodivergent ist und wer nicht, habe ich gemerkt, dass mein Wissen über das Thema im Umgang mit den Kindern helfen kann.

In Kooperation mit der Computerspielschule habe ich eine Radiosendung für Radio Fips produziert. Dazu habe ich zwei Kinder an deren Schulen befragt und einen Jungen ans SMZ zum Interview eingeladen, der offen neurodivergent ist. In einem längeren Gespräch erzählte er mir, dass ihm Computerspiele oft helfen, abzuschalten und beruhigend wirken.

Seine Mutter berichtete, dass neurodivergente Menschen sehr viel im Alltag unterdrücken müssten, um nicht aufzufallen. Dieses ständige Bemühen, sich im sozialen Miteinander anpassen zu müssen, bestimmte Verhaltensweisen zu verbergen, Dinge zu überspielen, erfordere von den Betroffenen viel Energie und sei oft sehr erschöpfend. Beim Computerspielen kann man dann einfach einmal machen und sein, wer man sein will.

Digitale Spiele können also neurodivergente Kinder und Jugendliche auch positiv unterstützen?
Ich finde schon, auf jeden Fall. Wenn man sich im Spiel Dinge traut und ausprobiert, die man sich im echten Leben vielleicht nicht trauen würde, dann kann es eine Art Training sein, sich angsteinflößenden Situationen zu stellen und die Selbstwirksamkeit stärken. Neurodivergente Kinder machen oft schon früh abwertende Erfahrungen, sie tun sich häufig schwer mit Freundschaften und sozialen Kontakten. Das kann zu Selbstzweifeln führen. Wenn man dann im Computerspiel merkt: „Hey, ich kann ja was. Ich kann den bösen Drachen hier besiegen, ich schaffe das und ich traue mir das zu“, kann das auch positive Effekte auf das reale Leben haben und Selbstvertrauen geben.

Gibt es wissenschaftliche Studien dazu?
In den letzten Jahren sind viele allgemeine Studien zum Thema Gaming erschienen, die die positiven Effekte von Computerspielen erforschen und teilweise belegen, allerdings ohne den expliziten Bezug zu neurodivergenten Gruppen. Dazu zählt zum Beispiel die allgemeine, internationale Studie Power-of-Play 2025
Tatsächlich gibt es mehr Studien zu Neurodiversität und Computerspielen, die stärker die negativen Aspekte (wie Sucht) beleuchten. Aktuell recherchiere ich für meine Masterarbeit. Bislang habe ich hauptsächlich persönliche Erfahrungsberichte, sehr viele Vorträge, YouTube-Videos und Podcasts zum Thema gefunden. Darin erzählen betroffene neurodivergente Menschen, wie ihnen Gaming im Alltag geholfen hat. Es gibt also viele subjektive Berichte und weniger wissenschaftliche Studien.

Grinsender Mann mit Brille an einem bunten Arbeitsplatz mit PC

Louis Lory als Praktikant im Stadtmedienzentrum Stuttgart | Foto: Marlene Feller

Safe Space: Schutzpanzer ablegen und in eine Welt eintauchen, austoben und wohlfühlen

Du beschreibst Videospiele als „Safe Spaces“ für neurodivergente Kinder und Jugendliche. Was meinst du damit?
Ein „Safe Space“ ist ein sicherer sozialer Rückzugsraum. Ein Ort, an dem man sein kann, ohne Angst vor Verurteilung. Für neurodivergente Menschen ist das nicht immer selbstverständlich. Im Kindergarten, in der Schule oder im sozialen Miteinander erleben sie teilweise Ablehnung, Ausgrenzung oder den Druck, sich anpassen zu müssen. Manche entwickeln deshalb Schutzmechanismen, was oft dazu führt, dass sie sich von sich selbst entfremden.

Umso wichtiger sind Orte und Menschen, bei denen man diesen Schutzpanzer ablegen kann. Auch Videospiele können solche Rückzugsorte bieten. Hier kann man in eine Welt eintauchen, sich austoben und wohlfühlen, ohne sich ständig an neurotypischen Erwartungen orientieren zu müssen. 

Kann man mit Gaming auch soziale Beziehungen fördern?
In der Gamingwelt sind sehr viele Menschen neurodivergent. Deswegen ist es dort auch wahrscheinlicher, dass man in Online-Spielen andere Menschen kennenlernt, die gleich ticken, was dann wieder zu einem Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit führen kann.

Welche Herausforderungen und Risiken siehst du beim Gaming für neurodivergente Kinder und Jugendliche?

Gerade weil Gaming so attraktiv ist, kann die Nutzung ein Übermaß annehmen und im schlimmsten Fall zu einer diagnostizierten Computerspielsucht führen. Für Menschen mit ADHS zeigen Studien ein erhöhtes Risiko für problematisches Gaming. Zu Autismus und anderen Neurodivergenzen gibt es noch nicht so viel Forschung. Wichtig ist, dass Gaming nicht die einzige Beschäftigung bleibt, sondern als Ergänzung zu anderen Interessen und Hobbies gesehen wird. Gemeinsame Absprachen und begrenzte Spielzeiten können dabei helfen.

Trotz dieser Risiken darf man Computerspiele nicht verteufeln. Ein Hyperfokus, ein ausgeprägtes Interesse oder eine große Leidenschaft für Gaming sollten nicht automatisch als Sucht pathologisiert werden. 

Gibt es Spiele oder Spielgenres, die für neurodivergente Kinder und Jugendliche besonders geeignet sind? 
Ja, zum Beispiel Cozy Games. Das sind eher ruhige Spiele zum Runterkommen und Entschleunigen. In diesen Spielen gibt es nicht allzu viel Action, man muss nicht ständig rumballern und Leute umbringen, sondern man widmet sich eher Aufgaben und Routinen wie Angeln, Tauchen, Gärtnern oder dem Sammeln von Dingen. Ein bekanntes Cozy Game ist „Animal Crossing": Man gestaltet eine eigene Insel, richtet sein Haus ein, legt Beete an und pflegt Beziehungen zu den tierischen Bewohnern. Ein weiterer Indie-Tipp von meiner Seite, den wir auch im Rahmen des Gamecheck-Formats hier getestet haben, ist “A Webbing Journey”, bei dem man als kleine Spinne im Haushalt helfen und kleine Aufgaben erledigen muss. Solche Spiele können helfen, zur Ruhe zu kommen und Stress abzubauen. 

Foto: Marlene Feller

Wie kann man zu Neurodiversität aufklären?

Es gibt viele Möglichkeiten, zum Beispiel mit interaktiven Formaten und Virtual Reality. Besonders spannend finde ich Simulationen, die bestimmte Wahrnehmungen oder Herausforderungen erfahrbar machen. Von der National Autistic Society gibt es beispielsweise eine Videosimulation, die zeigt, wie sich ein hochsensibler, autistischer Junge in einem vollen Einkaufszentrum fühlen kann. Solche Formate können helfen, sich besser in andere Menschen hineinzuversetzen und Verständnis für ihre Situation zu entwickeln.

Dann gibt es Spiele, die Alltagssituationen aus der Perspektive von Menschen mit körperlichen Einschränkungen simulieren, wie zum Beispiel das Inklu Game. Das ist eine kostenfreie App, die junge Menschen spielerisch für verschiedene Behinderungen wie Blindheit, Taubheit und Rollstuhlnutzung sensibilisiert. Ähnliche Ansätze könnte ich mir auch für ADHS oder Angststörungen vorstellen. Wie fühlt es sich an, ständig nervös zu sein oder kurz vor einer Panikattacke zu stehen? Natürlich können solche Simulationen die tatsächlichen Erfahrungen eines Menschen nur vereinfacht darstellen, aber sie können einen Anstoß geben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Darüber hinaus gibt es viele bildende Games, also Spiele, die neben dem Unterhaltungsaspekt auch einen Lerneffekt haben und im Unterricht eingesetzt werden könnten. Ich könnte mir gut vorstellen, das Thema Neurodiversität dort noch stärker aufzugreifen. 

Zum Schluss: Was hat Dir am Praktikum am besten gefallen?

Die Arbeit mit den Kindern. Ich wollte unbedingt pädagogische Erfahrungen sammeln und das hat sich mehr als erfüllt. Ich durfte in vielen Workshops mit Kindern arbeiten, habe Schulen mit Förderschwerpunkten besucht und gemeinsam mit Kindern eine Radiosendung über Neurodiversität gemacht. Ich hatte viel Freiheit, durfte Dinge ausprobieren und mich aktiv einbringen. Dafür bin ich sehr dankbar. 

Lieber Louis, herzlichen Dank für das Gespräch.

zur ComputerSpielSchule Stuttgart

zur Portalseite Game-based Learning (LMZ)

Ulrike Boscher

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