Historisches Bild des Monats September

Zita Bugbee
Es zeigt Häuser und das lebhafte Treiben der Menschen am Flussufer der Enz im Jahr 1933.

LMZ/Robert Bothner

Jeden Monat ein neues Foto aus dem Bildarchiv

Pforzheim: Häuser an der Enz um 1933 

Robert Bothner stellte seine großformatige Plattenkamera am Zusammenfluss von Enz und Nagold in Pforzheim auf. Seitdem er das Bild „Ulm: Donaubastei mit aufgehängter Wäsche 1926“, das im Mai in diesem Blog gezeigt wurde, eingefangen hatte, waren vermutlich sieben Jahre vergangen. In dieser Zeit entwickelte er sich zu einem gefragten Fotografen und leitete erfolgreich den fotografischen Dienst der Württembergischen Bildstelle. Viele seiner Aufnahmen entstanden in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit namhaften Institutionen und Verlagen, beispielsweise dem heutigen Landesmuseum Württemberg, der Technischen Hochschule Stuttgart oder dem Deutschen Kunstverlag in Berlin. Sie prägten den Begriff der „landeskundlichen Bilddokumentation“ und etablierten ihn als Leitgedanken des heutigen Fotoarchivs. Denn die Aufgabe, die Veränderungen des Bundeslandes bildlich festzuhalten, gehört auch heute noch zu den gesetzlich vorgeschriebenen Kernaufgaben des inzwischen hundert Jahre alten Fotoarchivs. 

Der Fotomeister beobachtete das lebhafte Geschehen am Flussufer und ließ sich wohl spontan von dem Ereignis mitreißen. An diesem sonnigen Tag gab es dort vieles zu sehen, und jedes Motiv war eine Fotografie wert: die heruntergekommenen Häuser, die im leichten Wind flatternde bunte Wäsche, das lebhafte Treiben der Menschen. Ihm war sicherlich auch sofort klar, warum sich so viele Anwohner auf der Straße befanden: Die Anlieferung des Brennholzes musste gerade stattgefunden haben, und das lebenswichtige Gut stand bereits größtenteils sauber aufgeteilt und abholbereit auf der Straße. Wahrscheinlich erfolgte auch diese Lieferung noch auf dem Flussweg, auf Flößen über Enz und Nagold nach Pforzheim, wie schon Jahrhunderte zuvor. An solchen Tagen herrschte große Aufregung auf den Straßen, denn die angelieferte Ware musste verteilt, bezahlt, bewacht und schließlich abtransportiert werden. Offensichtlich war daran die ganze Nachbarschaft beteiligt. Am rechten Bildrand steht hinter einer Gruppe von Kindern bereits ein klappriger Karren, während andere, darunter auch ältere Personen, es sich auf Stühlen neben dem ausportionierten Holz bequem gemacht haben und wohl noch auf die Abholung der Ware warten. 

All diese Informationen gibt das Bild bei näherer Betrachtung preis. Es erzählt eine eigene, spannende Geschichte, die auch ohne vorgefertigte Bildbeschreibung gut zu entschlüsseln ist, und liefert wertvolle Beiträge zur Landesgeschichte im weitesten Sinne. Solche Bilder sind im Unterricht vielseitig einsetzbar und eignen sich auch hervorragend für die Bildanalyse im Kunstunterricht. Diese Aufnahme ist ein gutes Beispiel dafür, wie verschiedene Bildinformationen mit bildgestalterischen Mitteln, etwa Wiederholungen oder der bewussten Wahl des Bildausschnitts, zu einer Gesamtkomposition zusammengeführt werden können. 

Als Bothner die 13 cm × 18 cm große Gelatine-Trockenplatte in seine Balkenkamera schob, konnte er nicht ahnen, dass er damit eines der meistpublizierten Bilder des Fotoarchivs schuf. Die Aufnahme wurde unter anderem in der Ausstellung „Im neuen Licht – Fotografien aus Baden-Württemberg 1900–1930“ gezeigt, die 2007 in Kooperation mit der EnBW entstand, sowie im gleichnamigen Begleitbuch veröffentlicht. Darüber hinaus war sie Gegenstand zahlreicher Präsentationen. 

Der Fotograf konnte damals auch nicht wissen, dass diese Straße und mit ihr ein Teil der hier abgebildeten Bewohner im Februar 1945 infolge eines Bombenangriffs vollständig verschwinden würden. Da das Bild seinerzeit lediglich mit einem vagen Arbeitstitel versehen wurde, blieb auch der genaue Aufnahmeort lange verborgen. 

Anhand des hochauflösenden Digitalisats, das von fachkundigen Mitarbeitenden des Fotoarchivs angefertigt wurde, konnte schließlich eine Inschrift auf einer der Hausfassaden entziffert werden: Bei dem etwas kleineren Haus in der Bildmitte handelt es sich um die Gummisohlerei von Adolf Becker. Dieses Haus stand damals in der Hillergasse in der Au und lag unmittelbar an der Nagold. Die Straße wurde bereits im 16. Jahrhundert erwähnt. Nach einer Änderung des Straßenverlaufs wurde sie 1955 in „Obere Augasse“ umbenannt. 

Das Bild mit dem wohl etwas unpräzisen Titel „Häuser an der Enz um 1933“ ist deshalb ein besonders schönes Beispiel landeskundlicher Bilddokumentation, in der sich Informationswert und künstlerische Gestaltung hervorragend ergänzen. Es zeigt, dass Bilder jeglicher Art wichtige Informationsträger sein können. Sie müssen jedoch auf visueller Ebene gedeutet werden und sind nicht allein mit ihrem Informationsgehalt gleichzusetzen. 
 

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Zita Bugbee

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