Historisches Bild des Monats Juli

Zita Bugbee

Jeden Monat ein neues Foto aus dem Bildarchiv

Liederhalle, Luftbild 1956 von Albrecht Brugger

Wie die Bilder der vergangenen drei Monate kann auch dieses Bild in das 100-jährige Jubiläumsjahr des Fotoarchivs eingebunden werden. Denn das Gründungsjahr des fotografischen Dienstes im Jahr 1926 ist gleichzeitig die Geburtsstunde der landeskundlichen und kulturhistorischen Bilddokumentation in der Württembergischen Bildstelle. Diese Aufgabe des Fotoarchivs ist bis heute unverändert geblieben und im Gesetz über die Medienzentren vom 6. Februar 2001 im Landesrecht des Landes Baden-Württemberg verankert.

In den vergangenen hundert Jahren wurde der facettenreiche Begriff der Landeskunde auch durch die Aufnahmen des fotografischen Dienstes definiert. Denn seine Fotografinnen und Fotografen arbeiteten von Anfang an mit verschiedenen richtungsweisenden Landesinstitutionen zusammen, vom Schlossmuseum, dem heutigen Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, bis zur Technischen Hochschule Stuttgart, der heutigen Universität Stuttgart. In jüngerer Zeit beispielsweise bestand noch bis 2010 eine fruchtbare Kooperation mit dem Landesarchiv BW, in deren Zuge Bilddokumentationsreihen im Rahmen der Kreisbeschreibungen entstanden. Neben eigenen Fotografien gelangten aber auch Archive und Fotosammlungen landeskundlicher Art von mehreren namhaften Fotografen in das Fotoarchiv. Sie alle trugen dazu bei, dass das einstige „Schwäbische Bildarchiv“ zu einer der bedeutendsten fotografischen Sammlungen des Bundeslandes wuchs.

Das aktuelle Bild des Monats gelangte im Jahr 1999 zusammen mit beinahe 70.000 Bildern als Teil des Archivs des Luftbildfotografen Albrecht Brugger in das Fotoarchiv. Das Bild, das wir zum 70. Jubiläum der Liederhalle Stuttgart, heute Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle, zeigen, ist ebenso ein wichtiger Zeuge landeskundlicher Bilddokumentation.

Diese Luftaufnahme, die nur einen Monat vor der Fertigstellung des Gebäudes entstand, zeigt jedoch nur den Endpunkt einer langen Entwicklung, die von der 1864 eröffneten alten Liederhalle des Stuttgarter Liederkranzes über die Zerstörung des Gebäudes und seiner Umgebung in den Jahren 1943 und 1944 bis zu den Wiederaufbauarbeiten der Stadt führt und in unserem Fotoarchiv gut dokumentiert ist.

Denn der Gedanke des Wiederaufbaus der im Oktober 1943 vollkommen zerstörten Liederhalle kam bereits 1949 auf, und der Stuttgarter Liederkranz schrieb einen Wettbewerb für eine neue Liederhalle aus. Unter den Bewerbern waren auch der Münchener Architekt Adolf Abel (1882–1968) und der Stuttgarter Rolf Gutbrod (1910–1999), die zusammen einen Plan zu einem streng symmetrischen, kubischen Baukomplex präsentierten. Das Vorhaben konnte jedoch erst nach etlichen Jahren und unter veränderten städtebaulichen Bedingungen realisiert werden. Während dieser Zeit ging die Trägerschaft auch auf die Stadt Stuttgart über, was weitere Veränderungen der Zweckbindung und des Raumprogramms mit sich brachte und deshalb zu völlig veränderten Entwürfen führte.

Im Mittelpunkt der Luftaufnahme ist das nun fertige multifunktionelle Konzerthaus zu sehen, dessen unkonventionelle Form mit den Konzerthallen der Vorkriegszeit nichts mehr zu tun hat und sich sowohl vom Baustil des 19. Jahrhunderts als auch vom Stil des Neuen Bauens abgewendet hat. Es handelt sich dabei um ein organisches Bauwerk, das von innen nach außen gestaltet wurde: ein Prinzip, das insbesondere für Gutbrod sehr typisch ist. Der große Beethoven-Saal mit der geschwungenen Empore, der fünfeckige Mozart-Saal sowie der rechteckige Silcher-Saal, der mit einer Wand aus Glasbausteinen ausgestattet ist, verfügen zudem über eine hervorragende Akustik, die von vielen Musikern, unter anderem von Yehudi Menuhin, gelobt wurde.

In einem Brief an Gutbrod schrieb er:
„… (in der Liederhalle) scheint die mechanische Perfektion, die unsere Kultur so bedroht, überwunden zu sein. Die freie Bewegtheit des Raumes steht in einem direkten Zusammenhang mit der freien Bewegtheit der Kunst der Musik.“

Das 1991 um einen Kongressanbau erweiterte Kultur- und Kongresszentrum verkörpert diese Prinzipien nun seit 70 Jahren.  Es steht in Stuttgart, gemeinsam mit weiteren Bauten Gutbrods, für einen freien und von Innen nach Außen gedachte Gestaltung des öffentlichen Raums. 
 

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