Die Macht der Social-Media-Bilder – Interview über den Umgang Jugendlicher mit extremistischen Bildformaten
Im Rahmen der Studie „Politisches Bildhandeln“ untersuchte der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Dr. Georg Materna, wie Jugendliche und junge Erwachsene mit populistischen oder extremistischen Bildformaten umgehen. | Foto: JFF
Interview mit Dr. Georg Materna zur Studie „Politisches Bildhandeln“
Ob als Video, Tutorial, Meme, GIF oder Sharepic: In den sozialen Medien werden auch politische Themen in Form von Bildern oder Bewegtbildern kommuniziert und verhandelt. Wie positionieren sich Jugendliche und junge Erwachsene dort zu politischen Themen? Welchen populistischen oder extremistischen Narrativen im Bildformat begegnen sie dort? Und welche To-dos ergeben sich daraus für Pädagoginnen und Pädagogen? Über diese Fragen haben wir mit dem Kommunikations- und Medienwissenschaftler Dr. Georg Materna vom Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) gesprochen. Im Jahr 2021 veröffentlichte er die Ergebnisse einer qualitativen Studie unter 45 Jugendlichen und jungen Erwachsenen über „politisches Bildhandeln“ unter dem gleichnamigen Titel.
Studie „Politisches Bildhandeln“ hier lesen
Kampagne „BITTE WAS?! Kontern gegen Fake und Hass“ kennenlernen
„Man könnte auch sagen, Social Media ist ein großes ‚Positionierungs-Spiel‘.“
Herr Dr. Materna, Jugendliche und junge Erwachsene kommunizieren in sozialen Netzwerken häufig mittels Fotos, GIFs, Memes und Videos. Inwieweit nutzen sie diese bildhaften Formate auch, um sich zu politischen Themen zu positionieren?
In der Medienpädagogik gehen wir grundsätzlich von einem breiten Politikbegriff aus, der Politik als gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen begreift. In diesem Sinne ist sehr vieles politisch, über das sich Jugendliche und junge Erwachsene auf Social Media austauschen: Themen wie Sexualität und Gender, Werte und Religion oder auch Zugehörigkeit. Pro und Kontra verschiedener Positionen werden dabei grundsätzlich schnell und zugespitzt verhandelt. Man könnte auch sagen, Social Media ist ein großes „Positionierungs-Spiel“. Jugendliche und junge Erwachsene nehmen daran vor allem niederschwellig teil, indem sie Inhalte teilen oder liken. In semiöffentlichen Social-Media-Räumen – die potenziell für alle zugänglich sind – agieren viele junge Menschen unseren Studienergebnissen zufolge sehr zurückhaltend. Anders verhält es sich in semi-privaten Räumen wie Messenger-Gruppen oder Accounts von Influencern mit starken Communities. Wenn Heranwachsende sich in einem geschützten Raum bewegen und wissen, wer „zuschaut“, bringen sie sich auch öfter ein.
Laut aktueller JIM-Studie (2023) sind 43 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen im Monat vor der Befragung im Internet „extremen politischen Ansichten“ begegnet. Welche Rolle spielen dabei Bildformate?
Welche politischen Inhalte im Rahmen der JIM-Studie als „extrem“ definiert werden, kann ich nicht sagen. Darunter können bereits radikale Positionierungen fallen, wie z. B. ein Video eines Klimaaktivisten, der sich auf der Straße festklebt. Wer junge Zielgruppen in den sozialen Medien erreichen möchte, kommt jedenfalls ohne Videos, Memes, GIFs und Co. nicht mehr aus. Dies liegt daran, dass bei jungen Menschen Social-Media-Plattformen wie TikTok, YouTube, Snapchat oder Instagram mit ihrem Fokus auf Bild- und Bewegtbildformaten besonders beliebt sind. Extremistische oder populistische Akteure nutzen diese Formate zum Beispiel, um Protestaktionen in Videoform zu inszenieren und damit eine viel größere Zielgruppe zu erreichen als vor Ort. Unterlegt mit eingängiger Musik, können sie ihre politischen Botschaften auf authentische, emotionale und damit letztlich jugendaffine Weise kommunizieren.
„Was extremistisch ist und was nicht, wurde sehr stark von der Perspektive der eigenen Gruppe heraus bewertet.“
Wie charakterisierten Jugendliche oder junge Erwachsene Ihren Studienergebnissen zufolge Extremismus?
Um Extremismus zu definieren, fielen bei der Befragung häufig Stichworte wie „Radikalität“, „Gewalt“ oder „Waffen“. Die diverse Studiengruppe, die knapp zur Hälfte aus muslimischen Jugendlichen bestand, sollte verschiedene Sharepics danach bewerten, ob sie extremistische Inhalte zeigen oder nicht. Auffällig war, dass nur eines der Sharepics als extremistisch charakterisiert wurde: Es trug den Schriftzug „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Da diese Position als diskriminierend und ausgrenzend gegenüber der eigenen Gruppe oder den muslimischen Peers wahrgenommen wurde, wurde das Sharepic als extremistisch charakterisiert. Die jungen Menschen zeigten sich sehr sensibel gegenüber Diskriminierungsformen, von denen die Gruppen betroffen waren, denen sie selbst angehörten. Viele erkannten jedoch kaum, wenn Gruppen diskriminiert wurden, denen sie selbst oder ihre Peers nicht angehörten. Was extremistisch ist und was nicht, wurde also sehr stark von der eigenen Perspektive heraus bewertet. Der Perspektivwechsel hin zu anderen Gruppen fiel hingegen schwer.
Bilder werden auf Social Media häufig ohne Kontext weiterverbreitet. In Ihrer Studie haben Sie den Jugendlichen ebenfalls populistische und extremistische Sharepics ohne deren Absender gezeigt. Wie hat dies die Reaktion der Heranwachsenden beeinflusst?
Da die Narrative und nicht die Absender im Fokus der Studie stehen sollten, haben wir letztere bewusst weggelassen. Außerdem passiert diese Dekontextualisierung ja auch häufig auf Social Media: Inhalte werden weiterverbreitet und Absender gehen verloren. Bei der Bewertung der Sharepics hat sich gezeigt, dass Jugendliche dann auch den Sharepics von Akteuren zugestimmt haben, deren Absender sie eigentlich abgelehnt hätten. So haben zum Beispiel auch Jugendliche mit Migrationsgeschichte den Botschaften antimuslimischer und rechtsextremer Bilder zugestimmt, weil sie deren Botschaft nicht bzw. anders verstanden haben.
Sharepics sind oft vieldeutig. Haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dies erkannt?
Wir haben eine Methode benutzt, bei der die Teilnehmenden anfänglich 15 Bilder in Kleingruppen nach Zustimmung oder Ablehnung bewerten und sortieren sollten. Dabei kamen Mehrdeutigkeiten zur Sprache, wurden aber kaum weiter ausgeführt. Im weiteren Workshop-Setting haben wir die jungen Menschen aus den verschiedenen Kleingruppen dann miteinander diskutieren lassen, warum sie die Bilder unterschiedlich bewertet haben. Hieraus ergaben sich sehr lebhafte Diskussionen über die unterschiedlichen Lesarten der Bilder. Dabei erklärten sich die Jugendlichen auch gegenseitig, wie sie die Sharepics verstanden und bewertet haben. Solche Aushandlungsprozesse zu ermöglichen, die online nur ganz schwer abzubilden sind, darin liegt ein sehr wichtiges Potenzial politischer und medienpädagogischer Bildungsarbeit.
„Auch Humor spielt bei der Verbreitung extremistischer Narrative auf Social Media eine Rolle.“
Laut einer Untersuchung des Politikberaters Hillje für die Jahre 2022 bis 2023 ist die AfD auf vielen Social-Media-Plattformen deutlich erfolgreicher als andere Parteien, allen voran auf TikTok. Welche rhetorischen Strategien nutzen Akteure wie die AfD, um mit ihren Bildinhalten für junge Menschen attraktiv zu sein?
Für oppositionelle Gruppen ist die Enthierarchisierung der Medienlandschaft durch die sozialen Medien ein Gewinn. Anders als früher haben heutzutage nicht nur politische und wirtschaftliche Eliten Zugriff auf massentaugliche Medien. Die AfD, die Neue Rechte, aber auch islamistische Gruppierungen nutzen die sozialen Medien gezielt und sehr geschickt als Ressource, um ihren Positionen eine breite Öffentlichkeit zu verleihen. Indem sie Skandale, Bedrohungslagen und Untergangsszenarien in den Mittelpunkt rücken, säen sie Zweifel an der Demokratie und präsentieren zum Teil die Selbstaufwertung der eigenen Gruppe als Lösung. Auch Humor spielt bei der Verbreitung extremistischer Narrative auf Social Media eine Rolle. Er bedient einerseits den Unterhaltungscharakter der Plattformen. Andererseits ermöglicht er das Aussenden zweideutiger Botschaften, die zum Beispiel Rassismus unter dem Deckmantel des Humors verstecken.
Sollten die großen demokratischen Parteien angesichts dieser Entwicklung ihre politische Kommunikation auch stärker auf Social Media verlagern?
Zunächst einmal ist es gut, Social Media als Plattform für politische Aushandlungsprozesse anzuerkennen. Die großen demokratischen Parteien können hier andere Zielgruppen erreichen als mit anderen Medienkanälen. Positiv sehe ich zum Beispiel die Bestrebungen, das Medienangebot auf Social-Media-Plattformen durch öffentlich-rechtliche Angebote wie funk zu diversifizieren. Insgesamt brauchen wir hier aber ein Vorgehen, das die Rolle der Plattformen nicht noch weiter stärkt. Es braucht einen Ansatz, der sie miteinbezieht, aber auch andere digitale Räume bietet und klassische analoge Formate der Bildungs- und Medienarbeit nicht vernachlässigt.
„Wichtig ist, gezielt Gesprächsanlässe zu schaffen, um über das zu sprechen, was junge Menschen auf Social Media sehen“
Am 9. Juni fanden in Baden-Württemberg Europa- und Kommunalwahlen statt. Auf welche populistischen oder extremistischen Narrative konnten 16- bis 17-jährige Erstwähler/-innen treffen, wenn sie sich per TikTok- oder Instagram-Video darüber informierten?
Im Zusammenhang mit den Wahlen finden sich auf Social Media viele Untergangs- und Bedrohungsnarrative, die Angst schüren und zu Verdruss führen. Im demokratischen Pluralismus sind im Zeitalter sozialer Medien viel mehr verschiedene Gruppen und dadurch auch viel mehr verschiedene Konflikte sichtbar als je zuvor. Das erhöht den gesellschaftlichen Geräuschpegel, sorgt für Unsicherheit und auch Überforderung. Populistische oder extremistische Kräfte bieten als Antwort darauf einen Rückzug aus der Vielfalt. Diesen Untergangsnarrativen sollten wir selbstbewusst entgegentreten und darauf verweisen, dass Demokratie nach wie vor die „Haupterzählung“ ist und 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung die Demokratie unterstützen. Konflikte sind außerdem nicht per se schlecht und sollten stärker als Teil demokratischer Aushandlungsprozesse begriffen werden.
Was sind die drei wichtigsten To-dos für Pädagoginnen und Pädagogen, die sich aus Ihrer Forschungsarbeit zu politischem Bildhandeln ergeben?
Für manche Pädagoginnen und Pädagogen gilt es, die Hürde zu überwinden, sich erst einmal auf Social-Media-Videos einzulassen – zumindest für berufliche Zwecke. Aus der Perspektive der Heranwachsenden sind soziale Medien eine Ressource, um zum Beispiel Communities zu finden, die ähnliche Erfahrungen oder Interessen teilen. Wenn etwa ein junger trans Mann in seinem privaten Bereich nur Unverständnis erfährt, kann er sich stattdessen in einer Social-Media-Community über seine Erfahrungen austauschen. Soziale Medien sollten im Unterricht also nicht nur problematisiert, sondern auch hinsichtlich ihrer positiven Funktionen für jugendliche Entwicklungsaufgaben beleuchtet werden. Wichtig ist, gezielt Gesprächsanlässe zu schaffen, um über das zu sprechen, was junge Menschen auf Social Media sehen: Wie nehmen sie es wahr und was „nehmen“ sie davon „mit“? Das passiert aus meiner Erfahrung heraus noch zu wenig in den Klassenzimmern. Und wenn die Themen „Quellenkritik“ und „Nachrichtenkompetenz“ im Unterricht behandelt werden, sollten sie stärker im Zusammenhang mit sozialen Medien diskutiert werden. Da Jugendliche sich vielfach über Social Media informieren, sollten auch die Kriterien zum Erkennen vertrauenswürdiger Nachrichten darauf angepasst werden.
Herr Dr. Materna, herzlichen Dank für das Gespräch.
BITTE WAS?! – Mit Ihrer Klasse über Social Media sprechen
Unterstützungsmöglichkeiten, um gemeinsam mit der Klasse ins Gespräch über soziale Medien zu kommen, bietet die Kampagne BITTE WAS?! Kontern gegen Fake und Hass des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg:
- Vielfältige Unterrichtsmaterialien zu Themen wie Desinformation in den sozialen Medien, Kommunikation im Netz, Medienethik, Informationskompetenz oder Demokratiebildung können als Startpunkt für die gemeinsame Auseinandersetzung mit den sozialen Medien genutzt werden.
- Darüber hinaus bietet BITTE WAS?! in den sozialen Medien selbst jugendgerecht aufgearbeitete Informationen an. Diese vermitteln, wie mit Hassrede und Desinformationen umgegangen werden kann.
- Falls Sie als Lehrkraft gemeinsam mit Ihrer Klasse einen Beitrag für ein respektvolles und faktenbasiertes Miteinander setzen wollen, können Sie ihren Beitrag noch bis zum 21.07.2024 bei der Kampagne einreichen und Preise gewinnen.

