Die Deutschen sind nachrichtenmüde
Zu viele Nachrichten über politische Ereignisse und die Corona-Pandemie sind der häufigste Grund, warum das Interesse an Nachrichten vieler Deutscher sinkt. | SIphotography via GettyImages
Ergebnisse des „Reuters Institute Digital News Report 2022" zur Nachrichtennutzung in Deutschland
Wie nutzen verschiedene Bevölkerungsgruppen weltweit Nachrichten und wie verändert sich die Nachrichtennutzung im Laufe der Zeit? Welche Rolle spielen dabei die verschiedenen technischen Plattformen und Nachrichtendienste? Diese Fragen stehen im Zentrum des Reuters Institute Digital News Report, den das in Oxford ansässige Reuters Institute for the Study of Journalism seit 2012 jährlich durchführt. 2022 wurden rund 93.000 Menschen aus 46 Ländern weltweit befragt. Das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) ist verantwortlich für die deutsche Teilstudie und hat im Juni 2022 die Umfragedaten für Deutschland veröffentlicht. Wir haben die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.
Corona-News und Politik-Schlagzeilen machen Deutsche nachrichtenmüde
Das Interesse an Nachrichten ist in Deutschland deutlich gesunken. Nur noch 57 Prozent der Internet- Nutzenden geben an, dass sie sehr oder überaus an Nachrichten interessiert sind. Das sind zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr (2021: 67 %). Jeder zehnte Onliner im Alter von 18 Jahren versucht sogar bewusst, Nachrichten im Internet aus dem Weg zu gehen, 65 Prozent zumindest gelegentlich. Als Grund für den Rückgang des Nachrichteninteresses geben die Teilnehmenden am häufigsten (47 %) die Berichterstattung zu Themen wie Politik und Corona an, die oft als zu viel empfunden wird. Die Vielzahl an Nachrichten hat bei vielen Userinnen und Usern negative Auswirkungen auf die Stimmung und führt zu Erschöpfung – ein weiterer häufig genannter Grund in allen Altersklassen.
Internet überholt Fernsehen als reichweitenstärkste Nachrichtenquelle
Die meisten erwachsenen Onliner gaben an, das Internet als Quelle für Nachrichten zu nutzen. Mit 68 Prozent wöchentlicher Reichweite hat es sich vor das Fernsehen (65 %) geschoben. Im Vorjahr lagen Internet und Fernsehen mit jeweils 69 Prozent noch gleichauf. Traditionelle Nachrichtenanbieter dominieren nach wie vor die Nachrichtennutzung im Netz. 47 Prozent der Userinnen und User lesen, schauen oder hören regelmäßig Inhalte etablierter Nachrichtenseiten. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es 49 Prozent. In dieser Gruppe sind jedoch mit 55 Prozent soziale Medien die am weitesten verbreitete Quelle für Nachrichteninhalte im Netz. Und diese gewinnen für junge Erwachsene immer mehr an Bedeutung: 39 Prozent gaben an, dass soziale Medien für sie die wichtigste Ressource für Nachrichten sei, was einen Anstieg von 14 Prozentpunkten ausmacht.
2022 ist das Vertrauen in Online-Nachrichten im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken. | Tero Vesalainen via GettyImages
Vertrauen in Nachrichten geht leicht zurück
Nachdem 2021 das Nachrichtenvertrauen in mehreren Ländern anstieg, ist dieses 2022 teilweise wieder zurück gegangen. In Deutschland gab die Hälfte der erwachsenen Onliner zu Beginn des Jahres an, dem Großteil der Nachrichten im Internet zu vertrauen. Das sind drei Prozentpunkte weniger als im Vorjahr 2021 (53 %). International betrachtet gehört Deutschland zum oberen Drittel der Länder mit dem höchsten Vertrauen in Nachrichten. Zu den Nachrichtenmarken, denen die meisten Befragten am meisten vertrauen, gehören die „Tagesschau“ und „heute“ der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sowie regionale bzw. lokale Tageszeitungen.
Nachrichten auf Instagram und TikTok gewinnen an Reichweite – WhatsApp, YouTube und Facebook verlieren
Die am weitesten verbreiteten sozialen Medien WhatsApp, YouTube und Facebook sind ebenfalls die Angebote, die von den meisten regelmäßig verwendet werden, um Nachrichten zu suchen, zu lesen, anzuschauen, zu teilen oder um darüber zu diskutieren (WhatsApp 15 %, YouTube 14 %, Facebook 17 %). Im Vergleich zum Vorjahr haben Nachrichten auf allen drei Plattformen jedoch an Reichweite verloren (2021: WhatsApp 17 %, YouTube 16 %, Facebook 18 %). Einen tendenziellen Anstieg deutet sich hingegen bei Instagram (8 %) und TikTok (2 %) an.
Podcasts gewinnen an Nutzerschaft
Mindestens einmal im Monat hören 29 Prozent der Internetnutzenden in Deutschland einen Podcast. Vier Prozentpunkte mehr als im Vorjahr 2021. Die meisten neuen Podcast-Hörenden sind in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen dazugekommen; unter ihnen hören 39 Prozent regelmäßig derartige Audioangebote, was einem Anstieg von plus neun Prozentpunkten entspricht.
Der Klimawandel und seine Bewältigung sollen noch mehr von den Nachrichtenmedien thematisiert werden. Das fordert die Mehrheit de jungen Erwachsenen in Deutschland. | Liudmila Chernetska via GettyImages
Junge Erwachsene fordern klare Positionierung der Nachrichtenmedien zum Klimawandel
Über 40 Prozent und damit die Mehrheit der jungen Erwachsenen unter 35 Jahren ist der Meinung, dass Nachrichtenmedien eine klare Position zugunsten der Bewältigung der Klimakrise einnehmen sollten. Die Gesamtheit der erwachsenen Userinnen und User spricht sich allerdings für eine neutrale Berichterstattung zum Klimawandel aus (45 %). In allen Altersgruppen sind die meisten Menschen der Meinung, dass sich Nachrichtenmedien darauf konzentrieren sollten, was Regierungen und große Unternehmen tun können. Im Alter von 18 bis 24 Jahren wünscht sich jeder vierte Nachrichtennutzende jedoch auch mehr Aufmerksamkeit der Berichterstattung für individuelle Handlungsmöglichkeiten. 15 Prozent der Befragten schenken dem Klimawandel dagegen gar keine Aufmerksamkeit.
Informationen zur Studie
Seit 2012 untersucht der Reuters Institute Digital News Survey jährlich über Repräsentativbefragungen in mittlerweile 46 Ländern bezüglich genereller Trends und nationaler Besonderheiten der Nachrichtennutzung. Pro Land wurden 2022 rund 2.000 Personen befragt. Insgesamt basiert die Studie in der zehnten Wiederholung auf den Antworten von 93.432 Befragten aus 46 Ländern auf sechs Kontinenten. Das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut ist seit 2013 als Kooperationspartner für die deutsche Teilstudie verantwortlich; die Erhebung im Jahr 2022 wurde dabei von den Landesmedienanstalten und dem Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) unterstützt. Die Feldarbeit wurde zwischen dem 14. Januar und dem 10. Februar 2022, also vor dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine, vom Umfrageinstitut YouGov durchgeführt.



