Reichsbürger sind vorwiegend Männer höheren Alters

In einer Podiumsdiskussion standen sich am Vormittag des Safer Internet Days am 11. Februar 2020 verschiedenste Akteure aus Facheinrichtungen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegenüber. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten über Auswirkungen von Fake und Hass im Netz und analysierten Möglichkeiten des Gegenwirkens.

Dr. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, erachtet die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Sachen Informationskompetenz als enorm wichtig. Dennoch weist er darauf hin, dass ein Großteil der sogenannten „Reichsbürger“ vorwiegend ältere Personen seien. „Tun wir nicht so, als wäre Radikalisierung im Netz ein Jugendproblem.“, stellt Blume klar.

Speziell Falschmeldungen gehen meist von Männern in einem Alter ab etwa 45 Jahren aus, bestätigt auch Andre Wolf von mimikama.at. Das Elternhaus spiele folglich eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Weltbildern und ideologischen Tendenzen. Überspitzt formuliert erleben wir laut Blume im Internet eine Krise der Männlichkeit. Gerade Jungen werden bereits im frühen Alter mit Handlungsstrategien wie dem Zurückschlagen im Fall eines Angriffs oder dem Verbergen von Emotionen konfrontiert. „Wir müssen ihnen deshalb vermitteln, dass es keine Schande ist, angegriffen zu werden und sich Hilfe zu holen.“, so Blume.

Dr. Michael Blume beim Safer Internet Day 2020

Dr. Michael Blume beim Safer Internet Day 2020 | Foto: Christian Reinhold

In den Schulklassen herrschen viele Vorurteile

Mathieu Coquelin vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg stellt fest, dass die Meldezahlen von diskriminierenden Taten im Netz in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Allein im Jahr 2019 gingen bei der Meldestelle des Demokratiezentrums knapp 4.000 Meldungen ein. Die Erfolgsquote der Meldungen lässt sich sehen: 70 Prozent der gemeldeten Beiträge wurden inzwischen von den jeweiligen Anbietern gelöscht, etwa ein Sechstel wurde zur Anzeige gebracht.  
Coquelin arbeitet im Rahmen von Workshops häufig mit Schulklassen. Dort begegne er regelmäßig einer breiten Front an Vorurteilen aus sämtlichen Richtungen. Ein Lösungsansatz sei es für ihn, Räume zu schaffen, in denen die Jugendlichen all ihre Vorurteile preisgeben können. Auf Basis dessen werden diese dann gemeinsam analysiert und richtiggestellt.

Mathieu Coquelin beim Safer Internet Day 2020

Mathieu Coquelin beim Safer Internet Day 2020 | Foto: Christian Reinhold

Hass mit noch mehr Hass bekämpfen?

Dr. Ruth Festl vom Institut für Wissensmedien Tübingen macht deutlich, dass jede Form der Ausgrenzung dem Grundbedürfnis der sozialen Anerkennung entgegenwirkt. Dabei gilt es, die Besonderheiten der heutigen Online-Kommunikationsformen zu berücksichtigen. Die Einsicht von außen gestaltet sich in Zeiten von Phänomenen wie WhatsApp-Klassenchats deutlich schwieriger als früher. Eine weitere Besonderheit sei der heutzutage vorherrschende reaktive Online-Kontext. Dies bedeutet, dass Opfer häufig vorschnell auf Anfeindungen reagieren, indem sie Hass mit noch mehr Hass begegnen. Eine klassische Rollentrennung in Täter und Opfer gibt es also meist nicht mehr. Für Festl steht fest, dass das Konstrukt Medienkompetenz dringend überarbeitet werden müsse. Lag der bisherige Fokus auf dem Wissen, muss eigentlich die soziale Komponente und die Motivation zu Gegenbewegungen weiter gestärkt werden. Jugendliche wissen zwar häufig viel über Online-Phänomene, handeln aber zu wenig.

Dr. Ruth Festl beim Safer Internet Day 2020

Dr. Ruth Festl beim Safer Internet Day 2020 | Foto: Christian Reinhold

Filterblasen und Echokammern bestimmen, was wir lesen wollen

Philipp Franke vom Staatsministerium Baden-Württemberg sieht es als zentrale Herausforderung unserer Zeit, dass Informationsrecherche zunehmend in sozialen Netzwerken stattfindet. Dadurch sind die Nutzerinnen und Nutzer Effekten wie Filterblasen und Echokammern ausgesetzt. Eine neutrale Berichterstattung wird ihnen durch die Algorithmen von Facebook, Instagram und Co. häufig verwehrt. Vielmehr konfrontieren sie die sozialen Netzwerke mit meinungskonformen Inhalten, die sie in ihren teils fragwürdigen Welteinstellungen weiter bestärken. Franke erachtet den Schülerinnen- und Schüler-Wettbewerb der Kampagne „Bitte was?!“ als erfolgsversprechenden Bestandteil im Kampf gegen Fake und Hass. „Ein Thema lasse sich viel nachhaltiger verankern, wenn sich Jugendliche zielgerichtet damit beschäftigen“, so Franke.

Philipp Franke beim Safer Internet Day 2020

Philipp Franke beim Safer Internet Day 2020 | Foto: Christian Reinhold

So geht der SWR mit Hass im Netz um

Auch SWR-Redakteurin Eva Laun bestätigt, dass sich das Medienverhalten unserer Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert hat. Hasskommentare haben dabei stetig zugenommen. Der SWR hat sich für den Umgang mit Hass im Netz zum Ziel gesetzt, jeden Kommentar zu ihren Beiträgen stets zu lesen. Sie begegnen den Anfeindungen häufig über Gegenfragen wie „Was genau meinen Sie damit?“ oder „Worauf begründen Sie Ihre Aussage?“. Hierdurch können sie die Verfasser entsprechender Kommentare oft verunsichern und ausbremsen.

SWR-Moderatorin Stephanie Haiber stellt fest, dass sich die Art und Weise von Anfeindungen im Netz in den vergangenen Jahren verändert hat. Während sich die Kommentare früher vor allem auf persönliche Eigenschaften bezogen, nehmen die Hater heute zunehmend das Aussehen ins Visier. Haiber versucht dennoch, den Anfeindungen mit Humor gegenüberzutreten. Auf diese Weise gelingt ihr ein gesunder Umgang mit den negativen Kommentaren.

Stephanie Haiber beim Safer Internet Day 2020

Stephanie Haiber beim Safer Internet Day 2020 | Foto: Christian Reinhold

Sascha Schmidt

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