Erfahrungen des baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragen mit Hatespeech

„Ich freue mich, dass Sie mich eingeladen haben. Denn wenn Sie sich im Internet umgeschaut haben, nicht nur auf den freundlichen Seiten, erfahren Sie dort, was für ein gefährlicher Mann ich bin.“ – Mit diesen Worten eröffnete Dr. Michael Blume seinen Vortrag, in dem er von seinen Erfahrungen mit Hatespeech als Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg berichtete. Glaubte man den Beiträgen im Netz, sei er gleichzeitig konvertierter Muslim, der den Umsturz der Staatskanzlei von innen heraus betreibe, heimlicher Jude, der sich als Holocaust-Nachfahre an Deutschland rächen wolle, evangelikaler Missionar und Illuminat.

Am Beispiel der Verschwörungsmythen über seine Person verdeutlichte Blume, dass diese im Laufe der Jahre nicht verschwinden, sondern sich überlagern. Daraus kann eine zweite Biografie über eine Person im Internet entstehen, die mit der eigentlichen Biografie der Person nichts mehr zu tun hat. Verschwörungsmythen unterstellen zwar geheime Absprachen oder Zugehörigkeiten, die nicht der Wahrheit entsprechen. Sie werden jedoch in der Regel mit realen Ereignissen verflochten. So dient z. B. Blumes Ehe mit einer Muslimin als Erklärung für den Verschwörungsmythos, er sei „verdeckter Muslim“.

Dr. Michael Blume

Foto: Christian Reinhold

Ängste und Hass als Wurzel von Verschwörungsmythen

Auch wenn Verschwörungsmythen nicht der Realität entsprechen, sind sie für Menschen, die sie verbreiten, real. Ursache hierfür sind laut Dr. Michael Blume persönliche Ängste und daraus resultierender Hass. Personen, die wie der Antisemitismusbeauftragte ein politisches Amt ausüben oder als Journalistinnen und Journalisten über politische Ereignisse berichten, können so schnell zur Projektionsfläche werden. Um die Adressaten von Hatespeech einzuschüchtern, werden ihre persönliche Sicherheit bedroht, die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes infrage gestellt oder Beleidigungen auf sexueller Ebene gegen sie ausgesprochen.

Im Fall von Blume richteten die Verfasser ihre Hasskommentare häufig während der Nachtruhe an ihn, sodass er bereits morgens am Frühstückstisch mit einer „Flut“ an Hatespeech konfrontiert wurde. Zu Beginn habe er noch versucht, argumentativ gegen die Hasskommentare vorzugehen. In der Rückschau könne er allerdings die Strategie der Counterspeech nicht weiterempfehlen. Zumindest eingefleischte Anhänger/-innen von Verschwörungsmythen und Trolle seien für Argumente nicht mehr zugänglich. „Sie werden nicht mehr alle Menschen erreichen. (…) Manche Menschen nehmen sie von vornherein als Teil der Verschwörung wahr“, so Blume. Stattdessen empfiehlt er, Hasskommentare zu ignorieren oder zu melden.

Dr. Michael Blume

Foto: Christian Reinhold

„Analog ist das neue Bio“: Rückzug aus den sozialen Medien

Im Oktober 2019 entschied sich der Antisemitismusbeauftragte des Landes für einen Rückzug aus den sozialen Medien und schloss seine eigenen Facebook- und Twitterkanäle. „In den werbefinanzierten Medien sind wir nicht die Kunden, sondern das Produkt“, kommentierte er seinen Schritt. Soziale Netzwerke arbeiten mit Emotionen und dem menschlichen Bedürfnis nach sozialer Anerkennung – wie die Süßigkeitenindustrie mit Industriezucker. „Abhängige“ User erhalten immer mehr vom Gleichen, seien es Katzenfotos oder antisemitische Hetze. Diese Echokammern machen nicht nur abhängig, sondern beeinflussen unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Betrachtet man die bisherige Geschichte der Einführung neuer Medien wie Buchdruck, Radio, Film oder Fernsehen, könne man allerdings optimistisch in die Zukunft blicken. Auf jede Welle intensiver, unreflektierter Nutzung folge eine Gegenwelle mit reduzierter, kritischerer Nutzung eines Mediums. Frei nach der Devise: „Analog ist das neue Bio“.

Dr. Michael Blume

Foto: Christian Reinhold

Madeleine Hankele-Gauß

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