Big Data und Algorithmen

„Wer von Ihnen fühlt sich in der Lage, das Thema Algorithmus nach einer kurzen Einarbeitung zu unterrichten?“, fragte Tobias Krafft in die Menge. Das größte Forum des Safer Internet Day im Haus der Wirtschaft in Stuttgart begann mit einer Umfrage an das Publikum und das Ergebnis fiel wenig überraschend aus. Denn nur knapp über die Hälfte konnte sich dieses Szenario vorstellen. Tobias Krafft, Doktorand am Lehrstuhl „Algorithm Accountability“ an der TU Kaiserslautern, bezog immer wieder die Zuschauerinnen und Zuschauer ein: Per Klicker-Gerät konnte zum Beispiel mehrfach zu verschiedensten Fragen rund um Algorithmen Stellung bezogen werden.

Thilo Krafft

Thilo Krafft beim Safer Internet Day 2018 | Sascha Schmidt

Wie funktionieren Algorithmen?

„Manipulierte Google für Hillary Clinton?“ oder „Woher weiß Amazon, welches Buch ich lesen will?“ diese und mehr sind Fragestellungen, mit denen problematische Aspekte allgegenwärtiger Algorithmen aufgezeigt wurden. Tobias Krafft ist Preisträger des Studienpreises 2017 des Forums Informatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung und befasst sich wissenschaftlich mit dem Diskurs von algorithmischen Entscheidungssystemen im gesellschaftlichen Kontext. In seinem Vortrag klärte er über die Funktionsweisen von Algorithmen auf. Mit einer spannenden Aufgabenstellung vermittelte Krafft zunächst die Sortiersystematik: Die Zuschauer mussten eine Reihe verschiedener Zahlen in ein Sortiersystem bringen. Dabei wurde schnell klar, dass bei Sortierungen Interpretationsspielräume bestehen und es immer mehrere Lösungsansätze für mathematische Probleme gibt.

Computer und Menschen lernen ähnlich

„Jeder Algorithmus löst ein mathematisches Problem und macht nie einen Fehler“, so erklärte Krafft. Naheliegend ist die Frage, ob und wie ein Computer überhaupt lernt. Die Teilnehmer stimmten zu 80 Prozent dafür, woraufhin Tobias Krafft die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Computer beim Lernen hervorhob. Lernprozesse sind komplex und erst nach einer Reihe von Rückkopplungen abgeschlossen, so erklärte der Redner weiter, Informatiker sprechen dabei von Datenpunkten. Es gibt Regeln, Formeln oder Entscheidungsbäume, mit deren Hilfe in großen Datenmengen Muster erkannt werden. Algorithmen können für die verschiedensten Fragestellungen verwendet werden, der Computer arbeitet millionenfach und extrem schnell die Anweisungen der Reihe nach ab.

Manipulation von Wahlen und Suchergebnissen

„Wie funktioniert Google? Diese Frage kann heute keiner mehr genau beantworten,“ so klärte Tobias Krafft auf. „Vor einigen Jahren wurde einmal das Suchvorgehen veröffentlicht und sofort fingen verschiedene Firmen an, das System zu korrumpieren.“ Agenturen ließen sich bezahlen, um Seiten in Google hochzuranken. Heute kann deshalb nur noch anhand des Verhaltens von Google abgeschätzt werden, welche Algorithmen zu Grunde liegen, doch keiner weiß es genau. Beim Thema Manipulation warf Tobias Krafft auch die Frage auf, ob die Manipulation von Wahlen in Deutschland mit Hilfe von Computerprogrammen möglich sei, was er sogleich auch bestätigte. Doch vermutete er auch, es wäre bisher noch nicht passiert.

DatenspendeBTW17

Das Projekt „DatenspendeBTW17“ befasste sich mit der Bundestagswahl und Tobias Krafft berichtete von der Initiative. Die TU Kaiserlautern führte mit mehreren Kooperationspartnern, u.a. mit Spiegel Online, Alogrithmwatch und verschiedenen Landesmedienanstalten gemeinsam die Aktion durch und rief im Internet dazu auf, mit einer Datenspende beizutragen. Derzeit werden die fast 6 Millionen Datensätze von 4.000 Teilnehmern analysiert und man könne sehr gespannt auf das Ergebnis sein, so der Redner. Denn obwohl es möglich sei, Wahlen auch in Deutschland zu manipulieren, fehlten bisher die Anzeichen für derartige Wahlmanipulationen. Die Kosten seien hoch und das Vertrauen in Parteien wäre nachhaltig zerstört, wenn dergleichen heraus kommen würde.

Wo wirken algorithmische Entscheidungssysteme?

Tobias Krafft informierte in seinem Vortrag auch darüber, wo überall Algorithmen bereits Entscheidungen maßgeblich beeinflussen. Er benannte die Themen Kreditwürdigkeit, Leistungsbewertung oder automatische Filter für Bewerbungen. Auch die vorgreifende Überwachung möglicher Straftäter oder eine technisch veranlasste Rückfälligkeitsvorhersage, die sogar Gerichtsurteile beeinflussen, zählte Krafft auf. Als Gesellschaft müssten wir uns darüber bewusst sein, welche Algorithmen wo zur Anwendung kommen, denn das kann große Folgen für jeden Einzelnen haben. Wie beispielweise jemand wohnt im „falschen“ Viertel und bekommt keinen Kredit oder Arbeitsstelle aufgrund der Wohnadresse.

Stärkung von Medienkompetenz als Lösung

„Das Analoge dürfen wir nicht vergessen!“, so der Doktorand in seinen Ausführungen. Es müsse der Medienmix gefördert und die öffentlich-rechtlichen Medien auf alle Fälle beibehalten werden. Außerdem sollte das Vertrauen in den Journalismus dauerhaft gefördert werden. Es sei geboten, die entsprechende Medienkompetenz und journalistisches Denken im Unterricht zu lehren. Und die Kinder und Jugendlichen müssten in ihren Persönlichkeiten gestärkt und über Belohnungssysteme und Suchtmachung informiert werden, denn diese Mechanismen nutzen neue Technologien aus. Auch sollten Meinungsbildung, Manipulation und Propaganda, Aufmerksamkeitsökonomie, Massenpsychologie, die Dimensionen der Digitalisierung und das ABC der Informatik Themen in Schule sein. Hierbei könnte eine Broschüre der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien Lehrer und Lehrerinnen unterstützen und Basisinformationen liefern. Herr Krafft war maßgeblich bei der Erstellung der Broschüre „Dein Algorithmus – meine Meinung!“ beteiligt. Hier werden die grundsätzlichen Eigenschaften von Algorithmen, deren möglicher Einfluss auf Meinungsbildung und weitere Gefahrenaspekte erläutert.

Zukunftsszenario: „Analytica“-Planspiel für den Unterricht

„Analytica verkündet“, so heißt es in der vorgestellten Methode zur Reflexion und Medienanalyse von datengestützten Entscheidungen. Sarah Heinisch, Referentin am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, rief die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums dazu auf, aktiv mitzumachen. In dem Szenario versetzten sich alle Anwesenden in eine imaginäre Zukunft. Dann regiert „Analytica“, ein fiktives Datenanalyseunternehmen, welches anhand verschiedener Daten automatisch Gesetze beschließen wird. „Nach Analyse deiner Bewegungs- und Ernährungsdaten hast du einen negativen Wert erzielt. Darum zahlst du entweder einen Aufschlag an deine Krankenkasse oder gehst ins Fitnessstudio, bis dein Wert wieder positiv ist.“ Dieses und ähnliche Gesetze rund um Themen aus der Lebenswelt Jugendlicher wie Musikdaten, Freundeslisten, Zugängen zu Kino oder Modeboutiquen durfte das Publikum bewerten. In einer Reflexions- bzw. Diskussionsrunde kommt es dann darauf an, Auswirkungen von Datenkraken, Algorithmen etc. einzuschätzen und deren Nutzen zu hinterfragen. Zum Ende des Forums konnten die Forums-Teilnehmer durch Positionierung im Raum ihre Ablehnung oder Zustimmung zu den vorgeschlagenen Gesetzen deutlich machen. Eindeutiger könnte das Ergebnis nicht sein: nahezu alle Gäste des Forums zeigten ihre volle Ablehnung. So gehörten die Teilnehmer/-innen des Forums sicher zu der Gruppe kritischer Anwender/-innen, die sich bereits intensiver Gedanken um Big Data und Algorithmen gemacht haben.

Anja Franz

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