Gelebter Konnektivismus

An vielen Schulen wird darüber nachgedacht, wie man Tablets sinnvoll in den Unterricht integrieren kann. Dr. Elke Höfler und Maximilian Stoller gaben dazu auf dem Bildungskongress des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (LMZ) am 23. Oktober 2017 einige interessante Impulse. Elke Höfler ist nicht nur Französisch- und Italienischlehrerin in Graz, sondern auch in der Lehrerausbildung an der Universität Graz tätig. Sie nutzt die Sozialen Medien schon länger in ihrem Unterricht – und konnte ein wahres Füllhorn an praktischen Werkzeugen vorstellen. Auch Maximilian Stoller, Lehrer an der Rennbuckel-Realschule in Karlsruhe und Mitglied der Fortbildnergemeinschaft tablet-teachers.com, stellte einige praktische Anwendungen vor, ergänzt um einen spannenden Weg, die benötigte Hardware zu beschaffen.

Höfler postuliert die Anwendung digitaler Endgeräte als „gelebten Konnektivismus“. Unter dem Gesichtspunkt von Smartphone und Tablet als „Kulturzugangsgeräte“ werden sie für den Fremdsprachenunterricht eigentlich unumgänglich. So setzt Höfler zum Beispiel WhatsApp (bzw. die Aufnahmefunktion des Smartphones) für Peer-to-Peer-Diktate ein. Dabei macht sie die positive Erfahrung, dass die Schülerinnen und Schüler eine starke Eigenregulation zeigen (sie weisen sich z.B. gegenseitig auf Fehler oder Verständlichkeit hin). Auch kurze Audio-Kommentare zu Hausaufgaben gibt Höfler gerne über diesen Weg. In Österreich wird gerne auch Voki.com benutzt; dabei kreieren die Schülerinnen und Schüler einen Avatar, mit dem sie dann in der Fremdsprache sprechen (in der free version bis zu 30 Sekunden). Höfler lässt damit von den Schülerinnen und Schülern zu Beginn jeder Woche eine fremdsprachige Nachrichtensendung erstellen, die per Avatar vorgetragen wird. Der Nutzen für den Fremdsprachenunterricht liegt auf der Hand – hinzu kommt eine zusätzliche Motivation der Schülerinnen und Schüler. Besonders wichtig ist Höfler, dass solche Werkzeuge die Möglichkeit zur Individualisierung und Differenzierung zulassen. Denn leistungsschwache Schüler können damit zusätzliche Übungen machen, ohne dass sie sich „outen“ müssen. Aber auch die Leistungsstarken können damit individuell gefördert und gefordert werden.

Maximilian Stoller

Maximilian Stoller beim Bildungskongress 2017 | Martin Storz

QR-Codes wecken Neugier

Besonders gerne arbeitet Höfler mit QR-Codes. Die Codes hängen im Klassenzimmer – und jeder Code ist per se ein Geheimnis, das neugierig macht. Was verbirgt sich dahinter? Ein Text? Ein Video, ein Rezept oder ein Lied? Oder ein kleiner Schreibauftrag? Ganz praktisch setzt Höfler auch das browserbasierte answergarden.ch ein (das ähnlich funktioniert wie Wordle, und kann so zum Beispiel etwas über das Grundvokabular in vorgegebenen Themenbereichen oder über die Lieblingsinterpreten ihrer Schülerinnen und Schüler erfahren. Auch Quizizz setzt sie ein, um kleine Übungsquiz zu erstellen. Um Auskunft über den Lernstand der einzelnen Teilnehmer/innen zu erhalten, müssen sich die Schülerinnen und Schüler mit einem Nickname anmelden – was kein Problem ist, wenn sie sich anonym mit ihrer „Katalognummer“ (Schülernummer) anmelden. Ein weites Anwendungsfeld besitzt auch Padlet. Dort können Videos, Bilder und Texte gesammelt und so zum Beispiel kollaborativ Biographien erstellt werden. Es können Ressourcen kommentiert oder anonyme Abstimmungen (z.B. über die Schullektüre) durchgeführt werden. Auf einen wahren Schatz an kleinen Übungen weist Elke Höfler mit der Seite LearningApps.org hin, aber auch ihr eigener Blog enthält eine Menge praktischer Tipps sowie viele weiterführende Artikel über einen zeitgemäßen Medieneinsatz. Höfler betont dabei, dass das Lehr-/Lernziel im Vordergrund steht und die Methoden (und schließlich die digitalen Medien) so gewählt werden, dass sie das Erreichen der gesetzten Ziele ermöglichen.

Während Höfler den Schwerpunkt auf browserbasierte Lernszenarien legt, stellte Maximilian Stoller appbasierte Lernszenarien vor. Da sie insbesondere auf Tablets laufen, setzen sie ein Bring-your-own-device-System (BYOD) voraus. An der Rennbuckel-Realschule in Karlsruhe nutzen die Schüler und Lehrer dazu eigenfinanzierte iPads (der Firma Apple). Die Schule hatte 2013 beschlossen, das mobile Lernen mit Tablets fest in den Schulalltag zu integrieren. Es wurde daraufhin den Eltern der Vorschlag gemacht, dass sich jeder Schüler ein eigenes iPad anschaffen möge. Kostenpunkt: umgerechnet 10 EUR im Monat. Finanzschwache Eltern wurden bei der Anschaffung durch den Förderverein und die Schule subventioniert. Inzwischen wird in der Rennbuckel-Realschule in sieben Klassen mobiles Lernen mit iPads tagtäglich in allen Fächern umgesetzt. Im WLAN der Schule sind somit ca. 240 Geräte im Einsatz; auch jeder Lehrer verfügt über sein eigenfinanziertes iPad.

Elke Höfler

Elke Höfler beim Bildungskongress 2017 | Martin Storz

Eigene E-Books als Lernportfolio

Natürlich machte sich die Rennbuckel-Realschule auch über die zentrale Frage Gedanken: Was ist der Mehrwert eines Tablets im Unterricht? Die Antwort führte zu eine spezifischen Methodik und Didaktik, die sich „iPAC“ nennt. Das Akronym steht für Personalisation, Authentication, Collaboration, also dem selbstregulierten, personalisierten Lernen, dass die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler mit einbezieht und eine Zusammenarbeit über das Klassenzimmer hinaus ermöglicht. Ein „Framework“ (O-Ton Stoller), das im Rahmen eines Erasmus+-Projekts mit Lehrern und Professoren aus verschiedenen Ländern Europas entwickelt wurde. „Das iPAC Framework geht davon aus, dass ein Lernszenario erst dann mit Mobilen Devices sinnvoll ist, wenn die Aufgabenstellung einen Schwerpunkt auf einen der genannten Parameter zusätzlich legt“, erläutert Stoller. „Ein Schulbuch auf einem Tablet durchzulesen ist noch kein mobiles Lernen und hat somit auch wenig Sinn. Der Mehrwert des Devices wäre nicht ausgeschöpft, das Schulbuch wäre nur deutlich teurer.“

Als Stoller dann verschiedene Apps vorstellte, kam schon nach kurzer Zeit die Frage „Was sind denn gute, unterrichtsgeeignete Apps?“. Stollers Antwort: Zunächst müsse man wissen, was das angestrebte Lehr- und Lernziel sei. Die Apps helfen lediglich bei der Umsetzung der Aufgabenstellung oder Übung, indem sie ein vernetztes oder problemorientiertes Denken evozieren. Ein App nur um ihrer selbst Willen einzusetzen, betrachtet Stoller als „didaktisch unzulänglich“.

Um Schüler/-innen zu motivieren und um Lernergebnisse festzuhalten setzt Stoller zum Beispiel sehr erfolgreich die App Book Creator ein. Damit erstellen die Schülerinnen und Schüler individuelle E-Books im Sinne eines Lernportfolios zur Schullektüre „Tschick“. Diese E-Books mit Charakterbeschreibungen, sämtlichen Hausaufgaben und Fotos können im Einzefall schon mal bis zu 130 Seiten umfassen. Auch im Musik-Unterricht haben sich eBooks bestens bewährt, denn es lassen sich Audiofiles als Hörbeispiele einbinden. Ebenso zeigte Stoller auf, wie man mit der App Explain Everything Gedichte besser visualisieren und auswendig lernen kann. Hierbei, so Stoller, sei eine literatur-didaktisch völlig neue Herangehensweise an Lyrik möglich geworden, die nachhaltig bessere Schülerergebnisse hervorbrachte.

Das schulische Medienprofil mit den iPads habe sich sehr positiv aufs Schulklima ausgewirkt, resümiert Stoller. Es gäbe weniger Vandalismus, weniger Mobbing und die Schüler trügen nach außen, wie stolz sie sind, auf die Rennbuckel Schule zu gehen. Neue Medien als Mittel des sozialen Lernens? Es lohnt sich, auch diesen Aspekt zu diskutieren.

Constantin Schnell

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