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Die Blüte der Verschwörungsideologien in der Coronakrise

Seit Anbruch des Frühlings erleben wir in diesem Jahr nicht nur die Blüte der Frühlingsblumen, Obstbäume und Gräser, sondern auch eine zweite Blüte: die der Verschwörungsideologien. Das Coronavirus sei eine Strafe Gottes, werde durch die 5G-Mobilfunkstrahlung ausgelöst oder sei von Microsoft-Gründer Bill Gates im Labor erschaffen worden, um eine globale Zwangsimpfung der Menschheit zu erreichen.

In Ihrem virtuellen Vortrag „Fake Facts – Wie Verschwörungsideologien unser Denken bestimmen“ auf der Digitalkonferenz re:publica 2020 haben Politökonomin Katharina Nocun sowie Psychologin Pia Lamberty das Phänomen erklärt. Politökonomin Nocun sprach im Vortrag absichtlich von „Verschwörungsideologien“, „-erzählungen“ oder „-mythen“. Um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich nicht um Theorien im wissenschaftlichen Sinne handle, solle der Begriff „Verschwörungstheorie“ besser nicht verwendet werden.

Verschwörungsmythen ranken sich um mächtige Akteure und wichtige Ereignisse

Der gemeinsame Nenner aller Verschwörungsmythen sei, dass „als mächtig wahrgenommene Personen oder Institutionen als wichtig wahrgenommene Ereignisse beeinflussen und Menschen damit schaden wollen“, so Katharina Nocun. Einzelakteuren, wie beispielsweise Bill Gates, wird also eine Schadensabsicht unterstellt, die mit einschneidenden Ereignissen, wie zum Beispiel der Corona-Krise, in Verbindung gebracht wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse lehnen Verschwörungsideologinnen und -ideologen generell ab.

Im Glauben an eine universale Wissenschaftsverschwörung gehen sie stattdessen davon aus, dass sich alle Wissenschaftler/-innen absichtlich auf „falsche Wahrheiten“ geeinigt haben und diese wissentlich verbreiten. Aus diesem Glauben heraus kommt es laut Netzaktivistin Nocun zum sogenannten Teflon-Effekt: Faktenchecks bleiben an Verschwörungsideologinnen und -ideologen nicht „haften“, da sie ihnen als Teil des „Systems“ bzw. der „Systempresse“ grundsätzlich keinen Glauben schenken.

Lieber ein böser Verschwörer als der Zufall

Verschwörungserzählungen sind kein neues Phänomen. Bereits als die Spanische Grippe zu Beginn des 20. Jahrhunderts um sich griff, waren viele solcher Erzählungen im Umlauf. Immer dann, wenn Menschen einen Kontrollverlust empfinden – also insbesondere in Krisenzeiten –, erleben Verschwörungsmythen eine wahre Blüte. „Ein böser Verschwörer, der die Welt lenkt, ist für viele erträglicher als der Zufall“, erklärt Lamberty diese Form der Kompensationshandlung.

Hinzu komme das Phänomen der kognitiven Verzerrung, hinter dem laut Lamberty die Überzeugung steht: „Wenn etwas Großes passiert, muss es auch große Ursachen haben.“ Ähnliche Überzeugungen ließen sich in der Vergangenheit etwa beim Tod von Weltstars wie Michael Jackson beobachten. Hinter dem Tod vermuteten Fans eine Verschwörung, die der Größe ihres Idols gerecht werden sollte.

Besonders anfällig für Verschwörungsmythen sind aus psychologischer Sicht Menschen, die sich selbst für besonders einzigartig halten. Der Glaube an eine Verschwörung ist für sie Mittel zum Zweck: Er lässt sie Teil einer besonderen Minderheit werden, die aus der Masse hervorsticht. Dies zeigt sich etwa darin, dass Verschwörungsideologinnen und -ideologen häufig auch an widersprüchliche Verschwörungen glauben. Im Vortrag zitierte Pia Lamberty erste wissenschaftliche Befunde zur Coronakrise, die das Phänomen bestätigen: Menschen, die eher glauben, dass das Virus nur ausgedacht war, glauben gleichzeitig auch eher, dass das Virus aus einem Labor stammt.

Alte Erzählmuster werden recyclet

In der Coronakrise lässt sich zudem gut beobachten, was typisch für die Verbreitung von Verschwörungsmythen ist. Alte Erzählmuster werden recyclet und auf neue Krisensituationen angewendet. Bereits in der Vergangenheit verbreiteten Verschwörungsideologinnen und -ideologen beispielsweise die Erzählung, dass 5G-Strahlung schädlich für Menschen sei. In der aktuellen Situation wird sie nun als angebliche Ursache des Coronavirus und seiner Todesopfer ausgegeben.

Ähnliches gilt für den Mythos der „Neuen Weltordnung“ (NWO). Darunter versteht man den Glauben daran, dass Eliten und geheime Gesellschaften im Verborgenen anstreben, eine neue Weltregierung zu errichten. Da das Coronavirus sich global verbreitet und viele Regierungen auf der ganzen Welt restriktive Maßnahmen zu seiner Eindämmung ergreifen, wird das Coronavirus als vermeintlicher Wegbereiter dieser Neuen Weltordnung interpretiert. 

Der Vortrag der beiden Referentinnen basiert auf ihrem gleichnamigen Buch, das im Mai 2020 erschienen ist.
 

Vortrag zum Nachhören

Verbreitungskanäle von Verschwörungsideologien und Fake News zu Corona

Unterrichtsmaterial zu Informationskompetenz

How to: Reagieren auf Verschwörungsmythen von Madeleine Hankele-Gauß

Madeleine Hankele-Gauß

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