re:publica 2012

Henriette Carle
re:publica 2012 Act!on

re:publica 2012 Act!on | re:publica

Reflection

Willkommen im zweiten Teil unserer launigen rp12-Berichterstattung, in der es weniger um knallharte Action, sondern vielmehr um die beschaulich-besinnlich-philosophischen Aspekte der Internetentwicklung geht.

Hacker-Angriffe auf Organisationen wie Scientology oder staatliche Behörden unter dem Pseudonym Anonymous haben in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erregt. Meist werden dabei Websites mit schlichten DoS-Attacken lahmgelegt. Reiner Vandalismus? Sind diese Attacken altmodisch, und wozu ist das Blockieren von Websites gut? Gerade über diese Form des Hackens wurde in der Diskussionsrunde intensiv gesprochen. Ausgerechnet Frank Rieger vom Chaos Computer Club äußerte sich recht kritisch, da DoS-Attacken die Kommunikation unterbrechen – eine Maßnahme, die sonst eher Regierungen ergreifen, um unerwünschten Informationsaustausch zu unterbinden. Andere halten es für eine durchaus nützliche Taktik wie Blockade-Aktionen bei Demonstrationen.
Caroline Wiedemann beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Phänomen Anonymous, das vor allem ein Konzept ist, eine Idee mit dem Ideal „all are equal“. Die Art zu kommunizieren ist ähnlich wie bei der Occupy-Bewegung: no spokes person, no membership. Jeder kann unter dem Pseudonym Anonymous Aktionen durchführen oder etwas veröffentlichen. Der Verzicht auf Repräsentanten trifft im Übrigen auch auf die Piratenpartei zu. Durch dieses offene Konzept kann Anonymous leicht instrumentalisiert werden, eine Schwäche, die der Hacker und Internetaktivist Jérémie Zimmerman kritisierte.

 

Eine Videoaufzeichnung der Diskussion gibt es hier:

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Le Zimmermann, der frische Franzose

Gerade Jérémie Zimmermann machte sich einmal mehr stark für ein freies, offenes Internet und erklärte, warum das ebenso internationale wie fragwürdige Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) dieser Idee entgegensteht. So fördert ACTA nicht nur die Überwachung und Zensur von Inhalten und Kommunikation, sondern es hebelt zudem grundlegende Rechtsprinzipien (Presse- und Meinungsfreiheit, Recht auf einen fairen Prozess, Privatsphäre, Datenschutz und andere) aus. Darüber hinaus zementiert ACTA ein reformbedürftiges Urheber- und Verwertungsrecht, das dem digitalen Zeitalter nicht mehr entspricht. Zimmermanns Hauptargument gegen das Anti-Piraterie-Abkommen: „Intelligence is a common good.“ (Und niemand sagt so schön „Internet“ wie er...)

Forschung und Lehre zum Mitmachen: Open Science

„Du sollst Denken lernen, nicht Gedachtes!“ – so lautete das Plädoyer für freies Wissen zum Mitmachen des re:learn-Panels „Raus aus dem Elfenbeinturm“. Hier brachen Wissenschaftler/-innen eine Lanze dafür, dass Forschung nicht nur fertige Ergebnisse präsentieren, sondern auch die dahinterliegenden Forschungsprozesse transparent machen solle. Eine Möglichkeit, Wissen frei zugänglich zu machen, bieten zum Beispiel MOOC (Massive Open Online Courses). In diesen Onlinekursen stellen Dozenten und Dozentinnen ihren Kursteilnehmer/-innen Material zur Verfügung, das diese beispielsweise in Form von Blogs, Tweets, Videos oder Ähnlichem weiter bearbeiten und ebenfalls öffentlich machen. Diese Inhalte können wiederum kommentiert, diskutiert und entsprechend erweitert werden. Gleichzeitig macht dieses vernetzte Lehren und Lernen auf Fehler aufmerksam, die man sonst leicht übersehen würde. Für den derzeitigen Wissenschaftsdiskurs ist eine Öffnung von Forschung und Lehre allerdings schwer vorstellbar, da so der streng hierarchische Aufbau infrage gestellt würde. Denn: Transparenz macht angreifbar.

Der digitale Dorfplatz – privat oder öffentlich?

Meinungsäußerungen auf Twitter, politische Vernetzung auf Facebook – gesellschaftliche Diskurse finden in der digitalen Welt auf privatwirtschaftlich betriebenen Plattformen statt. Über daraus entstehende Probleme und Lösungsmöglichkeiten wurde beim Panel „Der digitale Dorfplatz“ diskutiert. Das Grundproblem formulierte Sascha Lobo sinngemäß so: Etwas fühlt sich wie Öffentlichkeit an, was eigentlich gar keine Öffentlichkeit ist, da sie auf privaten Servern stattfindet. Denn nicht die Gemeinschaft, sondern die AGBs der Plattformen geben die Regeln vor, und wer dagegen verstößt, fliegt raus (vergleiche Klarnamendebatte auf Google+). Die Anbieter können also Diskussionen beeinflussen, weil sie die Infrastruktur kontrollieren. Zugespitzt ergibt sich der Konflikt: Was gilt eher – die Facebook-AGBs oder das Grundgesetz?

Bei den Lösungsmöglichkeiten wurde auf die eine oder andere Art ein staatliches Engagement gefordert. Martina Pickhardt schlug vor, dass die Infrastruktur des Netzes genossenschaftlich organisiert werden sollte, zum Beispiel durch gemeinnützige AGs, und dass der Staat entsprechende Rahmenbedingungen schaffen müsste. Einer der anwesenden Juristen (war es Jan Möller?) zeigte sich diesbezüglich skeptisch, denn er stellt eine deutliche Diskrepanz zwischen der rechtlichen und der technischen Entwicklung unserer Gesellschaft fest. Gerade was das Internet betrifft, hinkt das Recht der Wirklichkeit hinterher. Lobo stellte sich als Lösung eine Art technisch-rechtliche Ethikkommission für den digitalen Raum vor, die einen Interessenausgleich zwischen den berechtigten Firmeninteressen und dem öffentlichen Interesse schaffen soll. Da die Plattformen in der Regel internationale Unternehmen sind, stellt sich natürlich die Frage, wer denn menschenrechtskonforme AGBs durchsetzen soll, die UNO?

Urheberrecht

Diskussionen um das Urheberrecht, die angemessene Vergütung von Künstlern, um ACTA und um alternative Modelle wie die Creative-Commons-Lizenzen waren zahlreich und allgegenwärtig. Alles wiederzugeben würde den Rahmen sprengen, wirklich neue Aspekte zum Thema habe ich jedoch nicht gehört. Deshalb an dieser Stelle einfach ein paar nette Zitate:

Johnny Haeusler:
„War früher bei uns auch schon so, nach einem Konzert gab’s Leute, die gesagt haben: ‚Voll geil, ich habe alle eure Platten auf Kassette!‘“

Conrad Fritzsch:
„Man kann aber auch nicht denken, man schreibt einen Hit und lebt dann davon. Ein Bäcker kann auch nicht sagen, ich backe ein Brot und leb' dann davon.“

Das schönste Zitat zum Thema fiel aber ausgerechnet im Panel über Foodblogs, denn Rezepte sind nicht urheberrechtlich geschützt. Vijay Sapre dazu:
„Wo kämen wir denn auch hin, wenn wir für jede Bechamel etwas abdrücken müssten?“

Speziell um Open-Content-Lizenzen, die mittlerweile das mit Abstand am weitesten verbreitete Lizenzierungsmodell für freie Inhalte darstellen, ging es dann auch noch bei Dr. Till Kreutzer und Matthias Spielkamp von iRights.info. Die Verbreitung der Werke ist dabei explizit von den Urheber/-innen gewünscht, um die darin befindlichen Informationen einer digitalen Allmende zuzuführen. Kreutzer: „Kontrollverlust ist einer der wesentlichen Hintergründe dieser Lizenzen.“ Neu und hervorhebenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es jetzt eine brandneue Broschüre speziell zur CC-Lizenz „nicht-kommerzielle Nutzung” gibt: Freies Wissen dank Creative-Commons-Lizenzen. Folgen, Risiken und Nebenwirkungen der Bedingung ‚nicht-kommerziell – NC‘, verfasst von Rechtsanwalt Dr. Paul Klimpel (iRights.info), herausgegeben von der Wikimedia Deutschland.
 

Übermorgen.TV – Nichts Neues aus der Zukunft

Bei „Übermorgen.TV – Neues aus der Zukunft“ spekulierten Mercedes Bunz, Christoph Kappes und Christian Heller unter der Moderation von Mario Sixtus über künftige Entwicklungen des Internets im Speziellen und dieser unserer Welt im Allgemeinen. Bahnbrechend Neues kam dabei nicht wirklich heraus, außer dass alle Klout blöd finden, ein amerikanisches Unternehmen, das über den Klout-Score den Erfolg von Personen in Netzwerken wie Twitter oder Facebook analysiert und bewertet, und wonach auch Arbeitgeber künftig ihre Mitarbeiter/-innen bewerten könnten. Das wäre natürlich schon blöd. Wobei Menschen bewerten an sich ja auch wiederum nichts Neues wäre: In der Schule würde benotet, Lehrer/-innen bewerten Schüler/-innen, man findet Freund/-innen gut oder blöd, man liked auf Facebook und so weiter. Ein solches Vorgehen suggeriere die Messbarkeit von Menschen und könne zur Stigmatisierung führen, jetzt würde es eben auch digital eingeführt. Ansonsten wurde konstatiert, dass das Internet eine Kultur ohne Territorium darstelle und Staatsgrenzen sich für Sixtus immer absurder ausnehmen. Auch hier bestätigte sich der Eindruck einer Bestandsaufnahme: Das Internet ist mittlerweile irreversible Realität und wird, abgesehen von zahlreichen Internotnutzern (Lobo), von allen genutzt, jetzt gilt es, Regeln dafür zu finden: Welche Formen des Zusammenlebens wollen und brauchen wir? Und wie reguliert man die? Alles in Allem also nicht so wahnsinnig futuristisch.

Soylent green, äh, the internet is people

In seiner unnachahmlichen Art legte Felix Schwenzel in seinem Vortrag „Soylent green, äh, the internet is people!“ dar, warum die Unterscheidung in virtuelle und reale Welt eigentlich nicht möglich ist. Schließlich sei es „ein Bug in der menschlichen Firmware, dass man Dinge als real ansieht, die es gar nicht sind.“ Als Beispiel dafür zog er die EHEC-Panik im letzten Sommer heran, die uns tatsächlich dazu brachte, Angst vor Gurken zu haben. So gesehen sind wir es eigentlich gewohnt mit Virtualität umzugehen, egal ob es sich um die Inhalte von Büchern oder eben um „gefährliche“ Gurken handelt. Nur weil die digitale Welt neu ist, erscheint uns die Virtualität plötzlich als etwas Besonderes. Um seine ausgefeilte Argumentationskette etwas abzukürzen, hier noch seine Zusammenfassung: Realität sind andere Menschen, das Internet besteht aus Menschen, also ist das Internet real.

Standardsituationen der Technologiebegeisterung

Wozu soll das gut sein, wer will denn so was haben? Das nutzen doch nur privilegierte Menschen… Nachdem Kathrin Passig diese und andere sich seit Jahrhunderten wiederholenden Argumente bei der Einführung neuer Technologien bereits 2009 in ihrem Essay über „Standardsituationen der Technologiekritik“ zusammengefasst hat, knüpfte sie nun mit den „Standardsituationen der Technologiebegeisterung“ daran an. Auch wenn es weniger optimistische als pessimistische Vorhersagen gibt, hat sie doch genügend gefunden, die Freiheit, Brüderlichkeit und Weltfrieden als quasi automatische Folge technischer Errungenschaften prophezeien. „Wir machen uns gemeinsam über diese Gestalten lustig und tun so, als hätten wir nicht selbst schon das halbe Internet mit solchen Behauptungen gefüllt“, so ihre Ankündigung. Ihr Fazit: Wer nicht unbedingt dazu gezwungen wird, sich zur Zukunft zu äußern, einfach mal zurückhaltend sein. Wer ihren trockenen Humor mag, kann sich hier darüber informieren, was zum Beispiel das Faxgerät zum Weltfrieden beigetragen hat.

Henriette Carle

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