PimEyes – Die große Suche nach Gesichtern

Madeleine Hankele-Gauß
Gesichter von Männern und Frauen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft

RgStudio/E+/Getty Images Plus

Biometrische Suchmaschine: Zeig mir dein Gesicht und ich sag dir, wer du bist!

Ob sich ein Gesicht durch Kulleraugen oder mandelförmige Augen auszeichnet, durch eine Stups- oder Hakennase, schmale Lippen oder einen Schmollmund: Jedes Gesicht ist einzigartig. Genauer gesagt, die Form von Augen, Nase, Mund und Kinn sowie deren Platzierung im Gesicht. Sie ermöglichen es, einen Menschen eindeutig zu identifizieren. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr macht ein Unternehmen Schlagzeilen, das eine biometrische Suchmaschine für Gesichter anbietet. Anders als das US-amerikanische Unternehmen Clearview AI stellt das polnische Unternehmen PimEyes jedoch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Das Prinzip ist einfach: Als Nutzer/-in lädt man ein Foto einer Person hoch, deren Gesicht gescannt wird. Der biometrische Gesichtsabdruck wird dann in einen Algorithmus übersetzt und dieser mit Algorithmen anderer Gesichtsabdrücke verglichen: Bei Übereinstimmung wird das Foto und sein Fundort, eine Website, als Suchergebnis ausgespielt. Über diese Websites lassen sich in vielen Fällen Name, Beruf, Arbeitsort und weitere Informationen über die auf dem Foto abgebildete Person herausfinden. Laut Informationen des Unternehmens PimEyes selbst enthält deren Datenbank 900 Millionen Gesichter – doppelt so viele Gesichter, wie die gesamte Europäische Union Einwohner/-innen hat.

Per Schnappschuss andere identifizieren: ein Widerspruch zur DSGVO?

Was heißt es ganz konkret, wenn jede/-r Einzelne jede/-n anderen in Sekundenschnelle mittels eines Schnappschusses oder Screenshots identifizieren kann? Sei es, auf einer Party, in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei einer Demo oder in einer Dating-App? Das heißt, die politische Einstellung einer Person könnte ohne ihr Zutun publik werden. Das heißt, die sexuelle Orientierung einer Person könnte gegen ihren Willen geoutet werden. Das heißt, der Arbeits- oder Wohnort eines Stalkingopfers könnte dem/-r Stalker/-in unwissentlich in die Hände fallen.

Mit dem Gesetz in Konflikt gerät PimEyes womöglich an zwei Stellen. Zum einen könnte es sich um einen Verstoß gegen die in der EU gültige Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) handeln. Diese untersagt in Artikel 9, Absatz 1 explizit die Verarbeitung biometrischer Daten zur eindeutigen Identifizierung einer natürlichen Person – es sei denn, diese hat ausdrücklich eingewilligt. Zum anderen steht die polnische Suchmaschine ebenfalls im Widerspruch zum Recht am eigenen Bild. Demzufolge dürfen „Bildnisse (…) nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden.“

Im Zweifel für den Datenschutz: Änderungen an der Website PimEyes

Auf diese Problematik machte im Juli erstmals ein Journalist von netzpolitik.org mit einer umfangreichen Recherche aufmerksam. Zunächst hatte er die Betreiber der Suchmaschine selbst, Lukas Kowalczyk und Denis Tatina, mit den Ergebnissen seiner Recherche konfrontiert. Still und heimlich nahmen sie daraufhin Änderungen an der Website vor. So entfernten sie beispielsweise die Aufforderung, Fotos berühmter Personen hochzuladen. Stattdessen bewirbt PimEyes seine biometrische Suche nun als Dienst für den Datenschutz: Nutzer/-innen sollen ausschließlich ihr eigenes Gesicht hochladen, um einen Überblick über ihre Fotos im Netz und mögliche Fakeprofile zu erhalten. Außerdem können User aktuell nur noch mithilfe einer Webcam Fotos aufnehmen und müssen bestätigen, dass es sich um ihr eigenes Gesicht handelt. Dennoch: Auch ein Handyfoto oder Screenshot lassen sich vor eine Kamera halten.

Im Dutzend billiger: Geschäftsmodell für massenhafte Suchanfragen

Auch das Geschäftsmodell der polnischen Firma spricht eine andere Sprache. Im Rahmen eines Premiumabos können bis zu 25 Fotoaufnahmen in die Suche aufgenommen und mit einem E-Mail-Alarm für Suchergebnisse versehen werden. Zudem ermöglicht PimEyes über eine Programmierschnittstelle massenhafte Suchanfragen: Das zugehörige Bezahlmodell sieht 1 Euro pro Suche vor, bei mehr als 100 Millionen Suchanfragen pro Monat nur noch 1 Cent pro Suche.

Wie wenig die Suche nach einem einzelnen Gesicht wert ist, steht in krassem Gegensatz zu den tiefen Eingriffen in die Privatsphäre, die biometrische Suchanfragen im großen Stil ermöglichen. Denn: „Ein Gesicht lässt sich nicht wie ein Passwort austauschen. Wenn die Daten, die bei biometrischer Gesichtserkennung anfallen, in die falschen Hände geraten, wäre der Schaden für die Betroffenen immens.“ (Ulrich Kelbers, Bundesdatenschutzbeauftragter)
 

Ausführliche Recherche zu PimEyes von netzpolitik.org

Podcast zu PimEyes von netzpolitik.org

Kommentar zu PimEyes von Julia Reda

Madeleine Hankele-Gauß

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