Orientierungshilfe für Schulen in Pandemie-Zeiten

Ulrike Boscher
Junge mit Maske

Schulen, die in Pandemiezeiten unterschiedliche Szenarien andenken, sind besser gewappnet, wenn sie kurzfristig reagieren müssen. Die Empfehlungen der Friedrich-Ebert-Stiftung können eine Orientierung geben. | izusek E+ via GettyImages

Vorbereitet sein und auf unterschiedliche Szenarien reagieren

Bereits im Frühjahr dieses Jahres war absehbar, dass die Corona-Pandemie weiterhin Auswirkungen auf das Schuljahr 2020/21 haben würde. Um die anstehenden Herausforderungen besser bewältigen zu können, legte eine 22-köpfige Expertenkommission der Friedrich-Ebert-Stiftung im Mai Empfehlungen vor, die in ihrer Aktualität nichts eingebüßt haben.

Je nach Infektionsgeschehen unterscheiden die Autor(inn)en drei Szenarien: Präsenzunterricht als Regelfall (Szenario 1), Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht (Szenario 2) und Fernunterricht (Szenario 3). Unter Berücksichtigung strenger Infektions- und Hygienemaßnahmen beziehen sich die Empfehlungen u.a. auf folgende Handlungsfelder:

  • Schulorganisation: Räumliche, zeitliche und personelle Organisation des Unterrichts in Pandemiezeiten;
  • Zeitlicher Wechsel von Präsenz- und Abwesenheitszeiten (Rhythmisierung);
  • Methodische, didaktische und inhaltliche Schwerpunkte;
  • Verfahren der Leistungsfeststellung;
  • Einsatz von Lehrkräften, die zur Risikogruppe zählen;
  • Maßnahmen gegen Bildungsbenachteiligung.

Die wichtigsten Empfehlungen (Teil 1)

Zum bevorstehenden Schulstart werden noch immer nicht alle Schulen optimal gewappnet sein. Wir bieten deshalb Orientierungshilfe und stellen in diesem Beitrag die wichtigsten Empfehlungen der Kommission vor, die sich auf Szenario 1 (Präsenzunterricht als Regelfall) und 2 (Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht) beziehen. Dabei setzen wir voraus, dass die Schulen die letzten Wochen und Monate dazu genutzt haben, die IT- und Geräteausstattung aufzubessern.

  • Junge Schüler/-innen brauchen mehr Präsenz: Falls der Präsenzunterricht nur eingeschränkt stattfinden kann, sollte die Regel gelten „Jung vor alt“. Das heißt: Je jünger die Schülerinnen und Schüler, desto mehr Präsenzunterricht. Je älter die Schülerinnen und Schüler, desto mehr Fernunterricht.
  • Präsenz- und Fernunterricht: Verschiedene Organisationsmodelle ausprobieren und flexibel bleiben. Für den Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht sollten die Schulen über alle Jahrgangsstufen mehrere Organisationsmodelle in Betracht ziehen, auch wenn dies einen hohen Organisationaufwand erforderlich macht. Denkbar sind: Blockunterricht mit wöchentlichem oder täglichem Wechsel, einzelne Blocktage, Schichten am Vor- und Nachmittag oder rollierende Systeme. Wenn möglich, sollten auch Räume außerhalb der Schule für den Unterricht und das betreute Fernlernen genutzt werden. Veranstaltungshallen, Turnhallen, Bibliotheken, Räume in Bürgerzentren, Seminarräume etc. könnten dabei als Raumreserve (Lernen mit großem Abstand) herangezogen werden.
  • Fernunterricht braucht Struktur und Verbindlichkeit. Deswegen sollte die Teilnahme verpflichtend, nachweisbar und auf der Basis von Stunden- bzw. Wochenplänen durchgeführt werden.
  • Persönlichen Kontakt wöchentlich pflegen: Der persönliche Kontakt ist gerade im Fernunterricht enorm wichtig. Deswegen sollten alle Lernenden mindestens einmal pro Woche mit einer festen Ansprechperson aus der Schule sprechen.
  • Feedback ist ein Muss: Alle Schüler/-innen brauchen ein qualitätsvolles Feedback zu ihren bearbeiteten Aufgaben. Das kann schriftlich erfolgen, als Peer-Feedback, über Selbstlernkontrolle, Besprechungen in der Präsenzzeit (wenn gegeben) oder über automatisiertes Feedback bei digitalen Lernformaten. Die Rückmeldung sollte dabei formativ, also zum aktuellen Lernstand erfolgen.
  • Mehr Vorgaben für den Fernunterricht: Bisher wurde der digitale Fernunterricht sehr individuell gestaltet. Manche Lehrkräfte setzten ausschließlich auf das Austeilen von Aufgaben und Lösungen, andere nutzten Videokonferenzen für den Online-Unterricht, andere unterrichteten mit Flipped Classroom unter Einsatz von Erklärvideos und Arbeitsgruppen. Nach Ansicht der Kommission darf die methodisch-didaktische Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen „nicht auf wenig produktive Stoffvermittlung reduziert werden, etwa durch die alleinige Bereitstellung großer Mengen an Lernaufgaben“ (S. 17). Die Gestaltung des Fernunterrichts sollte einheitlichen Grundsätzen folgen und Mindestanforderungen erfüllen, um eine gewisse Qualität und Abwechslung zu sichern. Hierzu sollen die Länder Vorgaben zu Art und Häufigkeit der Kommunikation mit den Lernenden, Art der Aufgabenstellungen, Aufgabenumfang und zur Bewertung der von Zuhause erbrachten Leistungen formulieren.
  • Inhaltliche Schwerpunkte setzen – aber nicht auf Kosten der Allgemeinbildung: Das Prüfungsspektrum soll in allen Fächern reduziert und die Lehrpläne entsprechend gekürzt werden, um weniger Lernstoff auf anspruchsvollem Niveau abfragen zu können (Qualität vor Quantität). Am Konzept der Allgemeinbildung halten die Experten fest, das heißt, es soll keine Stundenplankürzungen nur in den Nebenfächern geben.

 

Lehrer im Lehrerzimmer

Alle ins Boot holen: In der Corona-Krise ist mehr Teamarbeit unter den Lehrkräften gefragt. Damit dies gelingen kann, brauchen sie ein gutes Schulmanagement, Fortbildung und geeignete Kommunikationskanäle. | Martin Dimitrov via GettyImages

Die wichtigsten Empfehlungen (Teil 2)

  • Weniger Tests mit neuen Prüfungsformen: Die Anzahl der Klassenarbeiten und der Tests soll sich ebenfalls verringern. Stattdessen fordern die Experten von den Lehrkräften deutlich mehr Feedback, damit die Schülerinnen und Schüler schneller Lernprozesse korrigieren und Defizite nacharbeiten können. Außerdem fordern sie die Schulen auf, alternative Prüfungsformen (Prüfungssettings) zu entwickeln, um anstelle von klassischen Noten die Schulleistung bewerten zu können.
  • Alle Lehrkräfte einsetzen: Das betrifft auch Lehrkräfte, die einer Risikogruppe angehören und vom Präsenzunterricht befreit sind. Sie sollen verstärkt Fernunterricht durchführen, Feedbackfunktionen übernehmen und bei der digitalen Lernbegleitung unterstützen.
  • Teamarbeit unter Lehrkräften stärken: „Sinnvoll erscheint die Bildung von Lehrerkräfteteams, bestehend aus Lehrkräften, die im Präsenzunterricht eingesetzt werden und weiteren pädagogischen Fachkräften (…), die von Zuhause aus den Fernunterricht in Absprache mit den Präsenzlehrkräften gestalten oder für regelmäßige, fachbezogene Sprechstunden per Telefon oder Videokonferenz zur Verfügung stehen“ (S. 13). Diese Zusammenarbeit kann nur gelingen, wenn die Lehrerteams geeignete Kommunikationskanäle und Austauschplattformen von den Schulleitungen bereitgestellt bekommen.
  • Fortbildung ist ein Schlüssel zum Erfolg: Lehrkräfte brauchen verbindliche Fortbildungsangebote, auf die sie (je nach Kompetenzstand) zugreifen können.
  • Zusammenarbeit mit außerschulischen Bildungsanbietern: Schulen sollten sich zusätzliche Unterstützung von externen Bildungsanbietern und Bildungsexperten suchen, die bei der Förderung von Schüler/-innen mit großen Leistungsrückständen helfen können. Das sollte allerdings eng verzahnt und gut aufeinander abgestimmt werden. Sonst könnten Parallelwelten zwischen Schule und außerschulischem Lernort entstehen.

Hier finden Sie die vollständige Studie mit allen Empfehlungen zum Download: Schule in Zeiten der Pandemie. Empfehlungen für die Gestaltung des Schuljahres 2020/21. Stellungnahme der Expert/Innenkommission der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Studie: Empfehlungen für die Gestaltung des Schuljahres 2020/21.

Ulrike Boscher

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