1. Sie befinden sich hier:
  2. Newsroom
  3. Newsroom
  4. Informationskompetenz im Netz – Drei Anforderungen

Informationskompetenz im Netz – Drei Anforderungen

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger
Jugendlicher nachdenklich vor dem Smartphone

CasarsaGuru via Getty Images

Demokratie hängt von aktiver Beteiligung ab

Unsere Demokratie funktioniert nur, wenn sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger aktiv an ihr beteiligen. Dabei kann das Internet unglaublich hilfreich, aber auch schädlich sein. Warum das so ist, versteht man, wenn man die Anforderungen der Demokratie an uns alle kennt.
 

Erste Anforderung: Wir informieren uns über Politik

Welche politischen Probleme sind zu lösen? Welche Lösungsvorschläge haben Parteien und ihre Kandidatinnen und Kandidaten? Wie kommen politische Entscheidungen zustande, warum ist der Ausgleich zwischen Interessen meist so langwierig und ein Kompromiss als Ergebnis für Einzelne oft unbefriedigend?

Im Internet finden wir schnell und komfortabel fast alle Informationen und Nachrichten – sowohl aus erster Hand als auch von journalistischen Medien zusammengetragen. Allerdings gibt es auch zahllose Quellen, die Lügen und Verschwörungstheorien verbreiten oder die Wahrheit verdrehen. Sie tun das aus politischen Interessen oder aus weltanschaulichen Gründen, aus bloßer Unkenntnis oder um Geld zu verdienen. […]

Informieren wir uns hauptsächlich über Facebook, Instagram, Twitter, YouTube oder Google, kommt ein weiteres Problem dazu: Diese Plattformen zeigen personalisierte Inhalte an. Aus allen verfügbaren Meldungen filtern sie mithilfe von Algorithmen diejenigen heraus, die den Interessen und Weltbildern ihrer Nutzerinnen und Nutzer entsprechen. Wenn man also personalisierte Plattformen bevorzugt, befindet man sich dort in einer Filterblase. Man sieht überwiegend Nachrichten, die die eigene Meinung bestätigen und verstärken. Anders orientierte oder nicht in diese Blase passende Nachrichten sind hingegen selten.

Zweite Anforderung: Wir diskutieren ernsthaft miteinander

Nur so können im öffentlichen Diskurs alle relevanten Interessen und Argumente gehört und bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Im Internet gibt es zahllose Möglichkeiten, sich mit anderen Leuten, mit Interessensvertreterinnen und -vertretern, Expertinnen und Experten und Politikerinnen und Politikern auszutauschen. Doch oft laufen Diskussionen aus dem Ruder, manche pöbeln, beschimpfen und bedrohen dabei andere oder verbreiten falsche Fakten. Deshalb verlieren gerade junge Menschen die Lust, mitzudiskutieren. Ihre Meinungen tauchen im öffentlichen Diskurs oft kaum mehr auf.

Viele empfinden es auch als anstrengend, über komplexe Themen zu diskutieren. Sie begnügen sich damit, Beiträge an ihre Social-Media-Freundinnen und -Freunde weiterzuleiten, die sie teilweise gar nicht gelesen haben. Andere lassen einfach ihren Emotionen freien Lauf, ohne Argumente zu liefern. Das alles ist menschlich verständlich, behindert aber den demokratischen Diskurs.

Dritte Anforderung: Wir bilden uns eine eigene Meinung

Und zwar auf der Grundlage von Informationen und Diskussionen. Nur so können wir diejenige Partei identifizieren, die unseren Interessen am ehesten entspricht und sie am besten vertritt. Wenn sich Menschen eine Meinung bilden, orientieren sie sich stark an den Meinungen in ihrem Umfeld. Im Internet ist es leicht, die Meinungen anderer zu erfahren. Man sieht die Stimmung unter den eigenen Social-Media-Freundinnen und -Freunden und erfährt etwas über die öffentliche Meinung im Land. Doch diese Wahrnehmung ist oft falsch. Denn auch wenn manche Meinungen an vielen Stellen im Netz kaum auftauchen, heißt das lange nicht, dass es sie nicht gibt. Man darf also nicht ohne Weiteres von der wahrgenommenen Stimmung im Netz auf die öffentliche Meinung schließen.

Noch gravierender: Aufgrund von Filterblasen und fehlender anderer Stimmen überschätzen manche die Verbreitung der eigenen Meinung und schaukeln sich innerhalb der Filterblase gegenseitig hoch. Dieser Echokammer-Effekt kann extreme Meinungen verstärken. Extreme politische Positionen stehen sich dann feindselig gegenüber und die Menschen können oder wollen nicht mehr miteinander diskutieren. Die Folge ist Polarisierung, also ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft in gegnerische Lager, wie man das in den USA und anderen Ländern beobachten kann.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Artikel „Medienbildung und Informationskompetenz – warum sie im Internet und den Sozialen Medien so wichtig sind“, der für die Online-Veröffentlichung aufbereitet wurde. Prof. Dr. Wolfgang Schweiger ist Professor für und Leiter des Fachgebiets Kommunikationswissen-schaft und Online-kommunikation an der Universität Hohenheim (Stuttgart).
 

Unterrichtsmaterialien zu Informationskompetenz

Zum vollständigen Artikel & Materialpaket

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger

Diese Seite teilen:

Weitere Informationen

Kategorien: