1. Sie befinden sich hier:
  2. Newsroom
  3. Newsroom
  4. Immun gegen Kritik – Zur Psychologie von Verschwörungsgläubigen

Immun gegen Kritik – Zur Psychologie von Verschwörungsgläubigen

Ulrike Boscher
Kreuzende Kondensstreifen am Himmel

Um Kondensstreifen am Himmel, die sich scheinbar kreuzen, ranken sich abenteuerliche Verschwörungstheorien: Manche Menschen glauben, dass es sich um Chemikalien (sog. Chemtrails) handelt, die in die Atmosphäre eingebracht wurden, um das Klima zu beeinflussen und möglicherweise zu vergiften. | 4FR via GettyImages

Was bewegt den Menschen an Verschwörungen zu glauben?

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Welche persönlichen und sozialen Faktoren begünstigen den Glauben an sie? Dahinter stecken oft menschliche Bedürfnisse wie der Wunsch nach Kontrolle bei einschneidenden Lebensereignissen sowie dem gesteigerten Bedürfnis nach Einzigartigkeit, sagen Experten.

Verschwörungstheorien, -erzählungen und -ideologien beschäftigen schon länger die Forschung und Wissenschaft. Die Auseinandersetzung mit der Psychologie von Menschen, die Verschwörungstheorien Glauben schenken, ist hingegen eine relativ junge Disziplin. Forscher gehen davon aus, dass der Glaube an Verschwörungen verschiedene Bedürfnisse des Menschen befriedigen kann.

Nach Ansicht von Pia Lamberty, Doktorandin für Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz, können individuelle und persönliche Neigungen eine Rolle spielen, vor allem dann, wenn Menschen mit einschneidenden Ereignissen im Leben konfrontiert werden. In ihrem Artikel „Die Psychologie des Verschwörungsglaubens“ beschreibt sie drei Bedürfnisse, die durch den Glauben an Verschwörungen befriedigt werden können:

  • Existentielle Bedürfnisse
  • Soziale Bedürfnisse
  • Epistemische Bedürfnisse.

 

Existentielle Bedürfnisse – das Streben nach Kontrolle und Sicherheit

Wer in Unsicherheit lebt, mit existentiellen Sorgen (z.B. Jobverslust) und Krisen zu kämpfen hat, ist häufig empfänglich für Verschwörungsdenken, denn sie setzen auf das „Warum?“ eine Antwort. Unfassbare oder belastende Situationen werden dann plötzlich begreifbarer, sie haben eine Ursache oder bekommen ein „Gesicht“ – Meist sind es dann angeblich machthungrige Strippenzieher, die im Hintergrund das Weltgeschehen lenken und auf Kosten anderer manipulieren.

Existentielle Krisen erzeugen bei manchen Menschen große Ängste, sie fühlen sich ohnmächtig und ausgeliefert. Verschwörungstheorien können dann helfen, mit dem Kontrollverlust besser umzugehen, denn plötzlich scheint es neue Anhaltspunkte und Erklärungsansätze für das Geschehene zu geben. Die vermeintliche Verschwörung hilft, Struktur ins Gefühlschaos zu bringen, vielleicht sogar eine Strategie für sich zu finden. Damit bekommt der Glaube an eine Verschwörung eine sinnstiftende Wirkung, so Lamberty. Erstaunlich dabei: Viele Ideen sind widersprüchlich, was Verschwörungsgläubige aber weniger stört. Bei einer Umfrage der Universität Erfurt gaben fast zehn Prozent der Befragten an, dass es das Coronavirus gar nicht gäbe. Die gleiche Gruppe glaubte aber auch, dass Corona eine Biowaffe aus dem Labor sei.

Soziale Bedürfnisse – das Streben nach einer positiven Selbstwahrnehmung

Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sehen sich häufig als mutige Helden im Kampf gegen den Mainstream. Im Gegensatz zu all den „Schlafschafen“, die blind der Regierung, den Medien und den etablierten sozialen Systemen vertrauen, sehen sie sich als kritische Vordenker auf der „guten Seite“. In dem festen Glauben zu wissen, was wirklich auf der Welt passiert, sehen sie sich als Aufklärer, die hinter die Kulissen schauen. Diese Sichtweise stärkt das Selbstwertgefühl, vermittelt positive Gefühle, zeigt aber auch das gesteigerte Bedürfnis nach Einzigartigkeit.

Epistemische Bedürfnisse – das Streben nach Verstehen

Ob jemand einer Aussage traut, sie überdenkt, sie verwirft, für logisch erklärt oder sie als fragwürdig einstuft, hängt davon ab, wie Personen Wissen prüfen. Genau das meint epistemische Vorstellung: Die Auseinandersetzung, die Verarbeitung und Bewertung von Wissen (vgl. Kerstin Oschatz: Intuition und fachliches Lernen. S. 25).
Verschwörungstheoretiker suchen häufig nach epistemischen Motiven. Meist sind das dann einfache, in sich logische Erklärungen, die das, was sie sowieso schon glauben, (scheinbar) bestätigen.

Wissenschaftler haben außerdem in einer Studie belegt, dass Menschen, die zu Verschwörungsglauben neigen, eher Muster erkennen, wo gar keine sind. Bei der Betrachtung abstrakter Gemälde waren es vor allem diejenigen Probanden (mit Neigung zur Verschwörung), die Muster und Strukturen in den Bildern erkannten und daraus ganz bestimmte Absichten der Künstler ableiteten, auch wenn es diese Intentionen gar nicht gab. Der Verschwörungsgläubige will damit verstärkt Ordnung in eine chaotische Welt bringen.

 

Literaturtipp:

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Die Informationen zur politischen Bildung (Heft 344, 3/2020) enthält ein "Plus Info aktuell" mit weiteren Beiträgen von Pia Lemberty zum Thema Verschwörungserzählungen. Hier gelangen Sie zum ausführlichen Artikel.

 

Pia Lamberty: Die Psychologie des Verschwörungsglaubens

Ulrike Boscher

Diese Seite teilen:

Weitere Informationen

Kategorien: