Freie Fahrt für Falschnachrichten – Soziales Netzwerk Parler

Madeleine Hankele-Gauß

Nach US-Präsidentschaftswahl: Parler verdoppelt Nutzerzahlen

Was haben die Corona-Pandemie, die Black-Lives-Matter-Bewegung und die US-Präsidentschaftswahl gemeinsam? Rund um diese Ereignisse und Bewegungen ranken sich im Jahr 2020 eine Vielzahl von Verschwörungstheorien, Fake News und irreführende Aussagen. Die großen sozialen Netzwerke wie Facebook, YouTube und Twitter haben dieser Desinformation im laufenden Jahr erstmals in großem Stil den Kampf angesagt. Hierfür löschten sie Posts, Konten oder Gruppen, brachten Warnhinweise an oder änderten sogar ihre Algorithmen.

Das vorläufige Ergebnis dieses Tabula-Rasa-Machens: Das bislang weitgehend unbedeutende soziale Netzwerk Parler hat innerhalb einer Woche nach der US-Präsidentschaftswahl seine Nutzerzahl fast verdoppelt. Für Parler ging es steil nach oben, von 4,5 auf 8 Millionen User. In den App-Stores von Google und Apple liegt die App des texanischen Unternehmens unter Führung von John Matze derzeit auf Platz 1 – und hat damit sogar TikTok überholt.

Plattform für Meinungsfreiheit von Wahlleugnern, Rassisten und Verschwörungstheoretikern

Wie konnte es dazu kommen? Das „soziale Netzwerk für freie Rede“, wie es sich selbst beschreibt, erfährt derzeit sozusagen eine kostenlose Werbekampagne seitens prominenter Politiker wie Ted Cruz und Newt Gingrich, TV-Stars wie Sean Hannity und Tucker Carlson oder der Trump-Söhne Eric und Donald Junior. Sie wechseln zu Parler und ermuntern ihre Fans und Anhänger zum gleichen Schritt. Die Botschaft der Wechsler wie auch des sozialen Netzwerks ist dabei stets dieselbe: Die Plattform garantiere im Gegensatz zu den anderen Netzwerken das grundlegende Recht ihrer Nutzerinnen und Nutzer auf Meinungsfreiheit.

Welche Art von Meinungsfreiheit damit gemeint ist, erkennt man, wenn man sich einmal auf der Plattform umschaut. Es ist die Meinungsfreiheit von Trump-Anhängern, die ohne stichhaltige Beweise eine Manipulation der US-Präsidentschaftswahl behaupten. Es ist die Meinungsfreiheit von Rassisten, die gegen die Black-Lives-Matter-Bewegung hetzen. Und es ist die Meinungsfreiheit von Verschwörungstheoretikern, die die Existenz des Coronavirus leugnen oder ihn als Instrument böser Mächte betrachten. Überwiegend ist das soziale Netzwerk also ein Sammelbecken für Rechtskonservative, rechte Extremisten, Rassisten und Verschwörungstheoretiker/-innen, in dem am Beckenrand auch ein paar Konservative, Liberale oder Linke mitschwimmen mögen.

Wie sieht die Zukunft von Parler aus?

Das Zeitfenster könnte für Parler aktuell günstig sein, um sich dauerhaft neben den großen sozialen Netzwerken zu etablieren. Immerhin folgen beispielsweise Donald Trump auf Twitter derzeit 89 Millionen Follower, die ihm nach einem Wechsel zu Parler potenziell folgen könnten. Für den Fall, dass Twitter Trumps Konto nach seiner Präsidentschaft löscht, könnte sich dieser Wechsel bewahrheiten. Von Vorteil für die Plattform ist außerdem, dass sie finanzkräftige Investoren aufweisen kann, wie z. B. die konservative Trump-Anhängerin und Milliardärs-Tochter Rebekah Mercer. Dadurch kann das werbefreie soziale Netzwerk die fehlenden Werbeeinnahmen kompensieren.

Was gegen die Zukunftsfähigkeit der Plattform spricht, sind lange Ladezeiten, stotternde Texteingaben und Spamfluten pornografischer Inhalte, die Usern infolge der geringen Inhaltsmoderation regelmäßig in ihren Newsfeed entgegenschwappen. Aufgrund ihrer Ausrichtung nach rechts ist die potenzielle Zielgruppe des Netzwerks zudem, verglichen mit den Platzhirschen Facebook und Twitter, begrenzt.

Deutsche Inhalte, auch zu Verschwörungstheorien über das Coronavirus, finden sich auf Parler derzeit fast noch keine. Falls das soziale Netzwerk es jedoch schaffen sollte, sich in den USA dauerhaft am rechten Rand zu etablieren, könnte es mit den Kampagnen „Erasebook“ und „Twexit“ auch in anderen Ländern auf Nutzerfang gehen.
 

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Madeleine Hankele-Gauß

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