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Endstation Hashtag – Beliebte App TikTok unter Zensurverdacht

Madeleine Hankele-Gauß
Hände formen einen Hashtag

yurii_zym via Getty Images

Dreifache Manipulation der Reichweite von Videos

Für die App TikTok aus dem Hause ByteDance schlägt das Herz vieler Kinder und junger Erwachsener weltweit. Auf der Social-Media-Plattform lassen sich im Handumdrehen kreative und lustige Kurzvideos erstellen und verbreiten. In einem jüngst veröffentlichten Bericht wirft das Australian Strategic Policy Institute (ASPI) dem chinesischen Unternehmen ByteDance vor, bestimmte Hashtags und Videos zu sozialen und politischen Themen zu zensieren oder gezielt in ihrer Sichtbarkeit einzuschränken.

Die Nachforschungen von ASPI ergaben, dass die Reichweite von Videos auf TikTok auf drei verschiedene Arten manipuliert wird:

  • Zensur von Hashtags: Hashtags, die bei eigenen Videos hinzugefügt wurden, können weder über die Suchfunktion der Social-Media-Plattform noch über einen Klick auf den verlinkten Hashtag des eigenen Videos gefunden werden. Beim Klicken auf den Hashtag wird man stattdessen auf eine Seite mit einer zufälligen Auswahl von Videos weitergeleitet. Der Hashtag „#IWon’tGraduateWithTheMonarchy“ in thailändischer Sprache ist beispielsweise auf TikTok komplett zensiert. Dieser wird vor allem von Anhängerinnen und Anhängern der prodemokratischen Proteste verwendet, die seit Juni 2020 dort im Gange sind.
  • Einschränkung der Sichtbarkeit von Hashtags: Hashtags, die bei eigenen Videos hinzugefügt wurden, werden in der allgemeinen Suche unterdrückt und können hierüber nicht gefunden werden. Verlinkt man den Hashtag auf einem eigenen Video, gelangt man jedoch per Klick auf den Hashtag am eigenen Video zu allen zugehörigen Videos. Laut Rechercheergebnissen des australischen Thinktanks wird etwa der Hashtag „#gay“ in insgesamt acht Sprachen bei der Suchfunktion unterdrückt, darunter Arabisch, Russisch und Bulgarisch. Ein Beispiel für einen unterdrückten Hashtag aus dem englischsprachigen Raum ist „#acab“, eine Abkürzung für die Parole „all cops are bastards“. Er wird hauptsächlich von Demonstranten gegen institutionellen Rassismus verwendet.
  • Zensur von Videos: Videos, die mit einem bestimmten Hashtag markiert wurden, erscheinen nicht auf der Ergebnisseite des Hashtags. Dem australischen Thinktank zufolge waren zum Beispiel unter dem Hashtag mit der revolutionären, vietnamesischen Parole „#HồChíMinh“ Mitte August 2020 nur etwas mehr als 60 Videos sichtbar. Im zugehörigen Code stand unter „videoCount“ jedoch eine Zahl von mehr als 380 Videos. Da es sich bei den sichtbaren Videos nur um einen Bruchteil handelt, ist unwahrscheinlich, dass die restlichen rund 320 Videos allesamt gegen die Plattform-Regeln verstoßen haben und daher entfernt wurden. Auffällig ist auch der Zeitpunkt: Im August 2020 versprach ByteDance der vietnamesischen Regierung, TikTok in Vietnam zu einer unpolitischen Social-Media-Plattform zu machen.

Die Reaktion des Plattformbetreibers ByteDance

Das Australien Strategic Policy Institute konfrontierte den Plattformbetreiber ByteDance mit seinen Rechercheergebnissen. Das Unternehmen erklärte, es verfolge einen lokalen Moderationsansatz und zensiere lediglich die Begriffe, die durch Gesetze vor Ort verboten seien. Die Zensur anderer Begriffe hänge damit zusammen, dass sie häufig für die Suche nach pornografischen Inhalten verwendet würden. Schließlich räumte ByteDance auch Moderationsfehler bei arabischen und englischen Begriffen ein: Diese würden aktuell geprüft.

Im Widerspruch zu diesen Erklärungen steht, dass die zensierten oder unterdrückten Hashtags nicht nur in Ländern mit restriktiver Gesetzgebung, sondern weltweit unzugänglich sind. Zwar ist z.B. Homosexualität in einigen Arabisch sprechenden Ländern illegal, doch nicht in allen, wie die Gegenbeispiele Jordanien oder Irak zeigen. Trotzdem können auch TikTok-User in Jordanien oder Irak den Hashtag „#gay“ auf Arabisch über die Suchfunktion nicht finden.

Problematisch ist zudem, dass ByteDance im Zusammenhang mit Protesten Hashtags auf politisch einseitige Weise unterdrückt. So bleiben die Hashtags „#acab“ auf Englisch oder „#IWon’tGraduateWithTheMonarchy“ auf Thailändisch unterdrückt. Hingegen sind gegenläufige Hashtags wie „#antiacab“ oder „#LonglivetheKing“ weiterhin uneingeschränkt sichtbar. Insgesamt hat die Plattform jedoch nicht nur ein Zensur-, sondern auch ein Transparenzproblem. Nutzer/-innen können auch zensierte oder unterdrückte Hashtags weiterhin auf Videos verlinken. Dadurch werden sie im Glauben gelassen, dass die Hashtags funktionieren. Tick-tack: Höchste Zeit für alle TikToker, ihre Hashtags einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Zum vollständigen Bericht

Zum Inhaltsbereich Soziale Netzwerke

Zur Klicksafe-Broschüre: Was macht mein Kind eigentlich bei TikTok?

Madeleine Hankele-Gauß

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