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Clearview is watching you – Eine Suchmaschine für Gesichter

Madeleine Hankele-Gauß
Gesicht als Modell aus Datenpunkten für Gesichtserkennung

Getty/izusek

600 Sicherheitsbehörden nutzen Gesichtserkennung der Firma Clearview AI

Wird das Jahr 2020 das reale 1984? Eine App zur Gesichtserkennung des US-Start-ups Clearview AI rückt die Möglichkeit, Menschen im öffentlichen Raum vollständig zu überwachen, jedenfalls in greifbare Nähe. Rund 600 Sicherheitsbehörden in den USA und Kanada – darunter Polizeibehörden, FBI und Heimatschutzministerium – nutzen oder testen die App „Clearview“ bereits bei ihren Ermittlungen. Wie funktioniert die „Suchmaschine für Gesichter“? Und was ist das Neue an der App?

Kern der Technologie: Gesichter als mathematische Modelle

Anders als die Schlagzeilen vermuten lassen, bringt die App Clearview keine bahnbrechende neue Technologie zum Einsatz. Stattdessen basiert die App auf einer Kombination aus bestehenden und bereits im Einsatz befindlichen Technologien der Gesichtserkennung. Der Kern dieser Technologien liegt darin, Fotos von Gesichtern in mathematische Modelle, die aus unzähligen Datenpunkten bestehen, umzurechnen.

Diese Gesichtsmodelle werden anschließend mit Fotos in einer Datenbank abgeglichen, die ebenfalls als mathematische Modelle vorliegen. Bei ausreichender Ähnlichkeit der Datenpunkte zweier Fotos wird Übereinstimmung signalisiert und das entsprechende Gesicht mithilfe der in der Datenbank vorliegenden Informationen identifiziert.

Das Erfolgsgeheimnis von Clearview: Einfache Bedienung und riesige Fotodatenbank

Der bislang geheime Erfolg der App Clearview bei US-amerikanischen und kanadischen Sicherheitsbehörden lässt sich zum einen dadurch erklären, dass sie einfach zu bedienen ist. So müssen Nutzer/-innen nur ein Foto einer Person aufnehmen und hochladen, um die dargestellte Person potenziell identifizieren zu können. Außerdem erkennt die App auch Gesichter von behüteten oder bebrillten Menschen.

Zum anderen – und das ist entscheidend – steht der App eine riesige Datenbank aus drei Milliarden Fotos zum Gesichtsabgleich zur Verfügung. Wie der Orwell’sche „Große Bruder“ hat Clearview hierfür unter anderem den sozialen Netzwerken Facebook, Instagram und YouTube genau über die Schulter und deren Nutzer(inne)n ins Gesicht geschaut. Hierfür hat das Unternehmen Nutzerfotos von den öffentlich zugänglichen Seiten der sozialen Netzwerke und unzähligen anderen Webseiten heruntergeladen – und damit zumindest gegen die Nutzungsbedingungen von Facebook und Co. verstoßen.

Zweifel an der Qualität der Gesichtserkennung

Laut Auskunft des Unternehmens selbst erkennt die App derzeit drei von vier Gesichtern. Worüber allerdings keine Auskunft erteilt wird, ist die Quote der „falschen Treffer“ unter den vermeintlich erkannten Gesichtern. Da aktuell vor allem Sicherheitsbehörden mit der App arbeiten, ist diese Quote umso wichtiger. Denn falsch identifizierte Gesichter könnten in Kriminalfällen dazu führen, dass Unschuldige oder Unbeteiligte verdächtigt oder angeklagt werden. Clearview-Gründer Hoan Ton-That gibt selbst zu, dass die Software derzeit noch Schwachstellen beim Abgleichen mit von oben aufgenommenen Fotos aus Überwachungskameras aufweist.

Verbot automatischer Gesichtserkennung im öffentlichen Raum auch in der Europäischen Union?

Auch wenn die Gesichtserkennung von Clearview noch keine lückenlose öffentliche Überwachung wie in Orwells Roman „1984“ ermöglicht, hat die US-amerikanische Stadt San Francisco bereits ein Verbot automatischer Gesichtserkennung im öffentlichen Raum umgesetzt. Derzeit erwägt die EU-Kommission, dem Vorbild San Franciscos zumindest für einen Zeitraum von mehreren Jahren zu folgen, bis die Risiken der neuen Technologie besser abgeschätzt werden könnten. Ein dauerhaftes Verbot fordert hingegen die Kampagne „Gesichtserkennung stoppen“ der Initiative „Digitale Freiheit“.

Madeleine Hankele-Gauß

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