Always on – Kommunikation im Netz

Dr. Ruth Festl
Drei Jungs schauen auf ein Smartphone

SolStock via Getty Images

Permanent online und verbunden sein

Digitale Medien durchdringen heutzutage sämtliche Lebensbereiche und beeinflussen insbesondere die Grundstrukturen zwischenmenschlicher Kommunikation. […] Vor allem Kinder und Jugendliche erleben eine zunehmende Mediatisierung ihres Alltags, in dem digitale Medien und Onlinekommunikation eine immer wichtigere Rolle spielen. Kinder leben heutzutage in Haushalten, die nahezu alle über Handys bzw. Smartphones, Computer und einen Internetzugang verfügen. Zudem besitzen viele Heranwachsende auch selbst eine Bandbreite an verschiedenen digitalen Geräten, allen voran das Smartphone als alltäglicher Begleiter.

Digitale Medien bieten Heranwachsenden eine Vielzahl an Nutzungsoptionen zur Bewältigung wichtiger Entwicklungsaufgaben. Beispielsweise ermöglicht und festigt der ständige Austausch von persönlichen und intimen Informationen den Aufbau von Peer-Beziehungen. Zudem stellen die vielfältigen Onlineinhalte kreative und experimentelle Nutzungsmöglichkeiten zur Identitäts-konstruktion von Jugendlichen bereit.

Die kommunikativen Möglichkeiten und Risiken im Netz

Heranwachsende nutzen digitale Medien intensiv zur Kommunikation mit anderen, sei es über Messenger-Dienste oder klassische soziale Netzwerke. Ein ständiger, intensiver Onlineaustausch ist in vielen Freundeskreisen auch mit der entsprechenden Kommunikationsnorm verbunden, jederzeit und unmittelbar auf Nachrichten reagieren zu müssen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sowohl ein wahrgenommener hoher Kommunikationsdruck als auch die generelle Angst Heranwachsender, etwas zu verpassen, mit permanenter Handynutzung, einem übermäßigen Handy-Involvement und mehr riskanter Nutzung einhergehen.

Jugendliche, die einen hohen Onlinekommunikationsdruck im Freundeskreis wahrnehmen, zeigen einerseits zwar mehr integrative Kompetenzen und sprechen mit ihren Freunden häufiger über Onlineerlebnisse und Erfahrungen im Netz. Andererseits zeichnen sie sich jedoch auch durch einen geringeren partizipativen und moralischen Umgang mit anderen online aus. Der Druck, ständig online kommunizieren zu müssen, scheint demnach zum Teil auf Kosten eines sozial verträglichen Verhaltens zu gehen.

Gefahr einer kommunikativen Abwärtsspirale: Cybermobbing und Hatespeech

Auch die Forschung zu Cybermobbing verweist auf ein schnelllebiges und reaktives Kommunikationsverhalten von Heranwachsenden im Netz. Während beim traditionellen Mobbing in der Schule Täter- und Opferrollen aufgrund eines physischen oder sozialen Machtungleichgewichts zumeist klar voneinander getrennt waren, sind im Kontext von Cybermobbing viele der betroffenen Jugendlichen Täter/-innen und Opfer zugleich. Die Befunde deuten darauf hin, dass die zahlreichen Optionen zur unmittelbaren und anonymen Reaktion online auch ein „Zurückschlagen“ der Opfer ermöglichen, wobei bislang kaum untersucht wurde, ob Opfer von Cybermobbing sich wirklich rächen oder selbst aggressives Verhalten gegenüber dritten Personen zeigen.

Dennoch scheinen Jugendliche online beleidigende und demütigende Aussagen oder Handlungen insgesamt schneller und leichter auszutauschen, was die Gefahr einer kommunikativen Abwärtsspirale erhöht. Der Onlinekommunikationskontext bedingt dabei oftmals auch den Einbezug eines umfangreicheren, ortsunabhängigen Publikums und erhöht das Risiko, dass persönliche und vertrauliche Informationen ungewollt an eine Vielzahl anderer Personen weitergeleitet werden.

Phänomene wie Hatespeech untermauern zusätzlich, dass sich nicht nur individuelle Konflikte mehr und mehr (auch) ins Netz zu verlagern scheinen, sondern auch Ausgrenzungen und Anfeindungen ganzer Gruppen von Personen zunehmend online kommuniziert werden. Auch wenn keine belastbaren Daten existieren, legt zumindest die Anzahl an gemeldeten menschenverachtenden Beiträgen einen Anstieg von Hatespeech in den letzten Jahren nahe. Als Grund wird dafür auf einer gesellschaftlichen Ebene neben den oben beschriebenen Anonymisierungsmöglichkeiten und Beschleunigungsprozessen von Kommunikation online auch das zunehmende Ringen um Aufmerksamkeit durch Selbstinszenierung in einer immer diffuseren Onlinewelt genannt.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Artikel „Kommunikation im Netz“, der für die Online-Veröffentlichung aufbereitet wurde. Dr. Ruth Festl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nachwuchsgruppe Soziale Medien am Leibniz-Institut für Wissensmedien (Tübingen) und erforscht die Nutzung und Wirkung von digitalen Medien, insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und in Familien.

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