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„Wir sind die Getriebenen“ – Wie das WWW die Medienpädagogik beeinflusst hat

Jiří Hönes
Ingrid Bounin

Ingrid Bounin | LMZ

Im Gespräch mit Ingrid Bounin

Die Euphorie der Anfangsjahre des Internet ist angesichts von Fake News und Hatespeech der Sorge um unsere Demokratie gewichen. Doch wir können es als Erfolg der Medienpädagogik werten, dass der souveräne Umgang mit dem Internet als ein wichtiges Thema in der Gesellschaft angekommen ist. Wir haben mit Ingrid Bounin gesprochen, die seit rund zehn Jahren für die medienpädagogischen Programme des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (LMZ) arbeitet und die Entwicklung miterlebt und mitgestaltet hat.

Rückblick: Welche Themen haben die Medienpädagogik beschäftigt, bevor es YouTube und Facebook gab?

Wenn ich mich recht erinnere, war es viel mehr aktive Medienarbeit als heute. Klar hat man auch vor Horrorfilmen oder Ähnlichem gewarnt und Medien kritisch betrachtet und beurteilt, aber es war viel eher genrebezogen: Radio, Film, Video, Textproduktion. Und das eben in sehr praktischen Settings. Medienpädagogik war schon auch sowas wie Ertüchtigung im Umgang mit den Gerätschaften, um ein Medienprodukt herzstellen. Dabei hat man natürlich viel darüber reflektiert, was so einen Film oder eine Radiosendung oder ein Interview ausmacht, was dahintersteckt, was man bei eigenen Produktionen berücksichtigen soll. Bernd Schorb hat ja einmal die aktive Medienarbeit als den „Königsweg der Medienpädagogik“ bezeichnet. Ich glaube das haben damals viele so gesehen.

Welche Impulse hat das Internet der Medienpädagogik gegeben?

Zunächst herrschte da der Ansatz vor: „Wir geben euch Informationen und Anregungen und ihr könnt sie im Internet abholen.“ Ein Beispiel dafür war sicher das „Online-Forum Medienpädagogik“. Das war ja toll, man konnte über das Internet Informationen zur Verfügung stellen, die man sonst nur mühsam über Printprodukte bereitstellen konnte. Aber es war immer noch das Prinzip Sender-Empfänger. Die Sender haben die Medienpädagogik gesendet und dann sollte es Pädagogen geben, die draußen in der Praxis etwas damit anfangen. Das waren so die ersten Schritte mit dem Internet. Oder dass die Medienpädagogik sehr viel über diese praktische Arbeit im Internet berichtet hat. Wie mache ich einen Film? Wie drehe ich ein Video? Wie ist das mit dem Achsensprung? Das war noch stark daran orientiert wie man Bücher gemacht hat, fast lexikalisch. Dass man Informationen angeboten hat: Was kann man mit Schülern machen, welche Technik braucht man dazu?

Das hat sich erst mit dem Web 2.0 verändert, mit diesen eher interaktiven Möglichkeiten. Wir haben festgestellt, dass nicht nur wir Informationen zur Verfügung stellen, sondern dass auch Leute Dinge im Internet publizieren, die wir vielleicht gar nicht so gut finden, etwa Pornografie und Gewaltvideos. Da gab es Erscheinungen, die wir erstmal nicht so im Blick gehabt und dann bemerkt haben: Da müssen wir etwas tun, dass Kinder und Jugendliche mit sich und diesem neuen Medium achtsam umgehen.

Also erstmal hat man sich des Mediums Internet bedient und erst durch Web 2.0 wurde es selbst zum Thema?

Ja, diese ganzen Diskussionen wie „Was macht jetzt das Internet mit uns?“ kamen erst später. Am Anfang herrschte Aufbruchsstimmung. Ich erinnere mich an Diskussionen, wo Wissenschaftler gesagt haben, das Internet sei jetzt DAS demokratische Medium, das die Teilhabe aller ermöglicht. Jeder konnte sich nun öffentlich äußern und selbst zum Produzenten von Inhalten werden und dazu auf eine nicht-hierarchische Weise. Es herrschte regelrechte Euphorie. Inzwischen trat in Bezug auf das Internet je eher Ernüchterung ein.

Was jedoch toll ist, sind die ganzen Anwendungen, die sich daraus entwickelt haben. Es wurde viel leichter, Medienproduktionen zu erstellen, wovon natürlich die Medienpädagogen der aktiven Medienarbeit profitiert haben. Es war nun viel einfacher, eigene Produktionen zu erstellen, auch mit kostenloser Software. Mit Smartphones und Apps hat sich das natürlich nochmal vereinfacht. Das hat der Medienproduktion in der Bildung ungemeinen Auftrieb gegeben.

Wie hat die Medienpädagogik dann auf die problematischen Inhalte im Internet reagiert?

Ich muss schon sagen, mich gruselte es bereits vor einem Jahrzehnt, was da an – etwas altmodisch ausgedrückt – Schmutz und Schund vor unser aller Augen getreten ist. Und leider auch vor die Augen von Kindern und Jugendlichen. Als wir damals die Handreichung zur Internetpornografie gemacht haben, war ich schon sehr geschockt darüber, was alles wie leicht zu haben ist und was da für Menschenbilder dahinterstecken. Was das insbesondere mit den Mädchen macht. Bei den Jungs wiederum ist es eher die Gewalt. Nicht nur in Spielen, sondern dass ich mir die Videos von Hinrichtungen des IS anschauen kann, das finde ich schrecklich. Und angesichts der neueren Entwicklungen mit Hatespeech und Fake News denke ich, dass da mehr in Gefahr ist, als nur das Wohlbefinden der bürgerlichen Mittelschicht. Da ist unsere Demokratie in Gefahr und ich glaube, das haben wir insgesamt noch nicht so richtig erfasst. Wir müssen da genau schauen, wie wir mit diesen Medienphänomenen umgehen. Das müssen wir uns alle überlegen, weil wir eine Mediengesellschaft geworden sind. Da kann niemand mehr sagen: „Da muss ich mich nicht damit beschäftigen.“ Wir müssen leider hinschauen, auch wenn es nicht so angenehm ist.

Welchen Themen muss sich die Medienpädagogik aktuell verstärkt widmen?

Es gibt mittlerweile ja schon sehr viele Projekte, Programme, Angebote jeglicher Art, wo es darum geht, sich darüber klar zu werden: „Was mache ich mit den Medien und was machen die Medien vielleicht auch mit mir? Wie entwickle ich einen reflektierten und souveränen Umgang damit?“ Auch in der Politik und in der Wirtschaft ist man sich mittlerweile klar, dass man da etwas tun muss. Ich glaube jedoch, den Themen Künstliche Intelligenz und Algorithmen müssen wir uns verstärkt zuwenden. Und wo wir in Baden-Württemberg noch zu wenig tun, ist sicher der Bereich Kindertagesstätten. Da haben wir noch Nachholbedarf.

Wie Sie schon sagten, die Aufbruchsstimmung der frühen Web-2.0-Jahre ist angesichts von Fake News und Datenskandalen mittlerweile eher einer kritischen Haltung gewichen. Die Medienpädagogik agiert sehr reaktiv. Sehen Sie auch wieder Raum für Themen, die man optimistischer sehen und aktiv angehen kann?

Ich glaube nicht. Also ich vermute, – aber das können Zukunftsforscher sicher besser voraussagen – dass wir von der technologischen Entwicklung immer mehr getrieben sein werden und deswegen reaktiv agieren müssen. Es wird immer mehr Punkte geben, an denen wir uns ganz klar sein müssen: Wer verfolgt welche Interessen? Also etwa klar zu benennen, dass Google, Amazon etc. bestimmte wirtschaftliche Interessen haben und deswegen in einer bestimmten Weise agieren. Das ist vielen Kindern und Jugendlichen nicht klar. Wenn ich das dann durchschaut habe, kann ich den Transfer leisten, dass auch Firmen, die gerade zum Beispiel an Künstlicher Intelligenz arbeiten, ebenfalls wirtschaftliche Interessen verfolgen. Das bedeutet, sie werden nicht von selbst sorgsam mit meinen Daten umgehen. Wenn man nach China auf das Social-Ranking-System schaut, sind wir auch wieder bei den Themen Demokratie und Selbstbestimmung. Aus meiner Sicht stellen sich da ganz viele ethische Fragen, und das ist für mich die Hauptrichtung, in die sich die Medienpädagogik entwickeln muss. „Will ich das oder will ich das nicht? Wollen wir das als Gesellschaft oder nicht?“

Jiří Hönes

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