Wege zum Dokumentarfilm in der Schule – Bericht vom Filmpädagogischen Fachtag 2019

Constantin Schnell

„Der Krieg und ich“ im Kino

Im Rahmen des SWR-Dokufestivals fand am 28. Juni 2019 der zweite Fachtag Dokumentarfilm in Stuttgart statt. Unter dem Motto „Wege zum Dokumentarfilm in der Schule“ war die ganztägige Veranstaltung für Lehrerinnen und Lehrer sowie Filmpädagogen/-pädagoginnen zur Weiterbildung konzipiert.

Am Vormittag wurden im Metropol-Kino zwei Folgen von „Der Krieg und ich“ gezeigt, im Anschluss daran erzählte die SWR-Redakteurin Lene Neckel sehr kurzweilig, wie es zu dieser internationalen Koproduktion kam und was die Überlegungen bei der Herstellung waren. Die acht Folgen à 25 Minuten zeigen den zweiten Weltkrieg aus Sicht von Kindern und sind ab 4. Klassen einsetzbar. Lene Neckel begründetet sehr gut, warum Filme über den zweiten Weltkrieg auch für jüngere Kinder sinnvoll sein können: Wörter wie „Jude“, „Hitler“, „Nazi“ haben die Kinder auch im jüngeren Alter schon gehört – nur können sie sich darunter nichts vorstellen. Kindgerecht aufbereitet, führt die „Der Krieg und ich“-Reihe an die Thematik heran, und verhindert so, dass diese Wörter mit falschen Vorstellungen und Bildern besetzt werden. Die Filme werden im KiKa (ab 31. August, samstags und sonntags 20 Uhr) und im SWR-Schulfernsehen (ab 10. September) ausgestrahlt. Dazu gibt es natürlich begleitendes Schulmaterial auf Planet Schule. 

Dokumentarfilm und die Frage nach der Wahrhaftigkeit

Im Vortragsteil am Nachmittag holten sich die rund 40 Teilnehmer/innen Inspiration zum Einsatz von Dokumentarfilmen im Unterricht. Dr. Ines Müller-Hansen, Professorin für KulturMedia Technologie an der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft, und Verfasserin unter anderem von „Filmbildung in der Schule. Ein filmdidaktisches Konzept für den Unterricht und die Lehrerbildung“ steckte die Möglichkeiten von dokumentarischem Film in der Schule in ihrem Einführungsvortrag ab. Dokumentarfilm, so Müller-Hansen, steht immer im Spannungsfeld von Wahrhaftigkeit und Inszenierung. Die drei entscheidenden Dimensionen sind dabei Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Authentizität. Ein handlungsorienter Ansatz ist dabei das Dokumentarische Beobachten mit der Kamera, der sich in sechs bis acht Unterrichtsstunden durchführen lässt (und zu dem im Herbst eine Weiterbildung in Zusammenarbeit von LMZ und SWR angeboten werden wird).

Ganz schulpraktisch wurden anschließend Jonas Riedel und sein Lehrer Gregor Delvaux de Fenffe vom Friedrich-Gymnasium in Freiburg. Dort bietet Hr. Delvaux schon seit vielen Jahren einen Seminarkurs an, in dem die Schüler/-innen einen historischen Dokumentarfilm erstellen. Ein absolutes Leuchtturmprojekt, bei dem filmisches Arbeiten, geschichtliche Aufarbeitung und der intergenerationelle Dialog perfekt harmonieren.

Bericht auf der Seite des Friedrich-Gymnasiums

Präsentation von Hr. Delveaux (PDF)

Junge Frauen auf dem Surfboard

Ähnlich spannend war auch der Vortrag von Martin Kratschmayer, Religionslehrer in Stuttgart und Bernd Wolpert vom Evangelischen Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF). Sie zeigten auf, wie mit den Filmen der Reihe „Chicks on Board“ in der Schule gearbeitet werden kann. In dieser Doku-Serie begibt sich die ARTE-Moderatorin und Surferin Dörthe Eickelberg auf eine Reise zu jungen Frauen in aller Welt, die sich trotz ihrer Religion, Hautfarbe oder Tradition durch Surfen ein Stück Freiheit erobern. Handlungsorte der einzelnen Filme (à 25 Minuten) sind Indien, Südafrika und Palästina, und so kann je nach Lernziel aus verschiedenen kulturellen Kontexten gewählt werden. Hr. Kratschmayer stellt beispielhaft für die Arbeit im Unterricht Mindmaps (PDF) vor, die seine Schüler/-innen zum Film „Chicks on Boards - Sabah aus Gaza City“ erstellt haben. Die Filmreihe ist über EZEF ausleihbar bzw. erwerbbar. Hier finden Sie außerdem umfangreiches Material zur Filmreihe.

Der Leiter der Landesfilmsammlung, Dr. Reiner Ziegler, stellte abschließend das Haus des Dokumentarfilms (HDF) vor, eine in Europa einmalige Institution zur Förderung, Erforschung und Archivierung des dokumentarischen Films, die in Stuttgart in der Teckstraße 62 beheimatet ist. Im Filmarchiv befinden sich aktuell mehr als 10.000 Filme aus 80 verschiedenen Archiven, beginnend im Jahr 1904 bis heute. Eine Archivierung hänge dabei, so Ziegler, nicht unbedingt vom Alter, sondern vom kultur- und filmhistorischen Wert des Filmmaterials ab. Sehr schätzenswert ist es, dass die Sammlung des HDF für Schulen offen ist. So bietet das Haus ein umfangreiches Online-Angebot auf den Plattformen hdf.de, dokumentarfilm.info und doksite.de sowie spannende Filmabende und medianpädagogische Workshops für Schulen. Lehrerinnen und Lehrer, die mit Schülerinnen und Schülern einen Dokumentarfilm drehen und dabei Archivmaterial verwenden wollen, können sich an Dr. Rainer Ziegler wenden. Eine Freigabe für Archivmaterial, so die gute Botschaft zum Schluss der Tagung, sei im schulpädagogischen Kontext häufig kostenlos möglich.

"Chicks on Board" bei EZEF

Zur Online-Recherche der Landesfilmsammlung

Material für den Unterricht

Ganz kurz stellten zwei Institutionen auf dem Fachtag ihr Angebot vor – dahinter steckt allerdings ein immenser Fundus an Filmen und Unterrichtsmaterialen. Gemeint sind Planet Schule und das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. Planet Schule, dessen Redaktion beim SWR (und beim WDR) sitzt, bietet für jedes Schulfach umfangreiches Material, sei es als Film, Multimedial oder als Unterrichtsmaterial. Außérdem einen Wissenspool, Schwerpunktthemen und Weiterbildungen. Auch über das Landesmedienzentrum, genauer gesagt desssen Distributionsplattform SESAM, sind Filme und Unterrichtsmodule erhältlich. Ein Schwerpunkt ist darüberhinaus die Filmbildung, die mit Filmen und Unterrichtsmaterial auf den aktuellen Bildungsplan Deutsch ausgerichtet ist.

Zu Planet Schule

Zur Filmbildung des LMZ

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