Was die Deutschen über Digitalisierung denken

Ulrike Boscher
Digitalisierung in Industrie und Wirtschaft

Digitalisierung in der Wirtschaft. | GettyImages/gopixa

Deutsche sehen weniger Chancen als andere Nationen

Deutschland gehört zu den weltweit führenden Technologie- und Innovationsstandorten. Die Deutschen arbeiten an neuen Erfindungen, nutzen moderne Technologien und gelten als eine sehr technikfreundliche Gesellschaft. Umso mehr überrascht nun eine Studie, wonach die Deutschen dem digitalen Wandel deutlich verhaltener gegenüberstehen als man vielleicht angenommen hätte. Im Vergleich zu einigen anderen europäischen Ländern zeigen sich Deutsche häufig weniger optimistisch, wenn es darum geht, die künftigen Chancen der Digitalisierung zu bewerten. Zwar ist die Digitalisierung nach deren Ansicht ein enorm wichtiger Motor für die Wirtschaft (82 Prozent), allerdings glauben nur 54 Prozent der befragten Deutschen, dass die Digitalisierung auch positive Auswirkungen für die Gesellschaft und die individuelle Lebensqualität hat. Mit dieser differenzierten Einschätzung zum digitalen Wandel liegen die Deutschen mit zehn Prozentpunkten unter dem europäischen Durchschnitt (64 Prozent). Das ergab die repräsentative Umfrage TechnikRadar 2019 von acatech - der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften sowie der Körber-Stiftung in einer jährlichen Analyse, die vor wenigen Tagen in Berlin vorgestellt wurde. Mit der Erhebung wollte acatech herausfinden, was die Deutschen über die Digitalisierung denken und welche Chancen sie für die Wirtschaft, die Gesellschaft und ihr eigenes Leben sehen.

Erwartungen an die Digitalisierung – Euphorie nicht spürbar

In Europa sind die Erwartungen an die Digitalisierung ganz unterschiedlich. Plakativ gesprochen könnte man sagen: Die Skandinavier sind sprühende Optimisten, die Südeuropäer verhaltene Skeptiker und die Deutschen gemäßigte Anhänger. Sie rangieren mit ihren Einstellungen zur Digitalisierung im EU-Durchschnitt und belegen das Mittelfeld zwischen den nördlichen und südeuropäischen Ländern.

Insgesamt zeigen sich die europäischen Bürgerinnen und Bürger aufgeschlossen gegenüber dem digitalen Wandel. 75 Prozent erwarten einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft. Zwei Drittel der Befragten glauben, dass die Digitalisierung auch positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben wird (64 Prozent) und 67 Prozent gehen von einem positiven Einfluss auf die Lebensqualität aus. Die Skandinavier haben die höchsten Erwartungen an die Digitalisierung und glauben, dass alle Bereiche (Wirtschaft, Gesellschaft und das eigene Leben) von der Digitalisierung profitieren.

Frau vor Notebook mit Kopfhörer im Dunkeln

Der digitale Wandel wird alle Lebensbereiche betreffen. | GettyImages/Willlie. B. Thomas

Weniger Selbstvertrauen in die eigene Medienkompetenz

Wer sich fit fühlt im Umgang mit digitalen Medien, traut sich mehr zu, ist eher aufgeschlossen, Neues auszuprobieren und wird Veränderungen im Zuge der Digitalisierung eher akzeptieren. Menschen mit digitaler Souveränität blicken optimistischer in die Zukunft. Sie gestalten einerseits den digitalen Wandel mit und können andererseits Risiken der Digitalisierung eher einschätzen und bewältigen. Selbstvertrauen und Nutzungskompetenz sind deswegen wichtig. Für die Umfrage stellte acatech deswegen folgende Frage: „Halten Sie sich für ausreichend kompetent, im täglichen Leben digitale Medien zu nutzen?“

Mit 73 Prozent liegt das Vertrauen der Deutschen in die eigene Kompetenz im Bereich des europäischen Durchschnittswerts. Die Niederländer schätzen ihre digitale Kompetenz wesentlich höher ein (insgesamt 90 Prozent), ebenso die Schweden (89 Prozent) und die Dänen (88 Prozent). „Im europäischen Vergleich liegt Deutschland hinter Skandinavien und Großbritannien, aber vor den Mittelmeerländern.“ (TechnikRadar 2019, S. 6).

Digitalisierung und Arbeitsplätze: Verlustängste vor allem in Südeuropa, aber auch in Deutschland

Digitalisierung ist gut für die Wirtschaft und schlecht für die Arbeitsplätze. Das glauben drei von vier Europäer/-innen. Auch die Deutschen haben überdurchschnittlich große Angst vor Arbeitsplatzverlust durch Roboter und Künstliche Intelligenz. Immerhin drei Viertel der Befragten (74 Prozent) äußerten solche Befürchtungen. Die südeuropäischen Länder zeigen sich besonders pessimistisch: Zwischen 80 und 90 Prozent der Befragten sorgen sich um den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes. Trotzdem gibt es in Europa große Unterschiede zwischen den Ländern: Niederländer (46 Prozent), Dänen (53 Prozent) und Finnen (59 Prozent) sehen wie immer optimistisch in die Zukunft – sie haben am wenigsten Angst vor Arbeitsplatzverlust.

Die ausführliche Studie der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Körber Stiftung zur Umfrage finden Sie hier:

Ulrike Boscher

Diese Seite teilen:

Weitere Informationen

Kategorien: