Veranstaltung „Hass, Hetze & Halbwahrheiten im Netz“ in Stuttgart

Madeleine Hankele-Gauß
Sebastian Seitner

Sebastian Seitner, Referatsleiter Medienpädagogische Unterstützungssysteme am LMZ, begrüßt die Besucher/-innen der Veranstaltung im Landesmuseum Württemberg | Foto: Christian Reinhold

Was können Lehrkräfte, Eltern & Pädagogen tun?

„Wahlen allein machen noch keine Demokratie“ (Barack Obama). Was macht also eine Demokratie aus? „Respekt, Vielfalt und Toleranz“, so Sebastian Seitner, Referatsleiter für Medienpädagogische Unterstützungssysteme am LMZ, bei der Eröffnung der Veranstaltung „Hass, Hetze & Halbwahrheiten im Netz“ im Landesmuseum Württemberg. Diese Grundlagen der Demokratie zu stärken ist das erklärte Ziel der Kampagne „Bitte Was?! Kontern gegen Fake und Hass“ der Landesregierung Baden-Württemberg, unter deren Dach die Veranstaltung am Dienstag, 19. Februar 2020 stattfand.

Der Fokus der Kampagne liegt auf den sozialen Medien. Laut Seitner begünstigten diese laute, radikale und negative Kommentare. Um dem entgegenzuwirken, müssten „wir alle“ Vorbild sein: „Regeln setzen, über Gefahren aufklären und den kreativen, selbstbestimmten Umgang mit sozialen Medien schulen.“

Cybermobbing: Die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verschwimmen

Wie man im Rahmen eines schulischen Projekttags über das Phänomen Cybermobbing aufklären kann, erläuterte Medienpädagoge Dr. Thorsten Junge von der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg im ersten Vortrag des Abends. Im Gegensatz zum „klassischen Schulhofmobbing“ wird beim Cybermobbing nicht nur zum Opfer, wer Schwäche zeigt. Da in den sozialen Medien jede/-r Nachrichten, Fotos oder Videos einfach und sogar anonym weiterleiten und kommentieren kann, ist die Hürde zur Täterschaft viel geringer.

„Sie sind manchmal sehr überrascht, wer die Täter und wer die Opfer sind“, stellte Junge fest. Laut der Studie „Cyberlife II“ war jede/-r fünfte Täter/-in schon einmal selbst Opfer von Cybermobbing. Die Formen des Cybermobbings reichen dabei von Beleidigungen und Beschimpfungen (Flaming) über Bloßstellen durch Veröffentlichung privater Fotos (Outing and Trickery) bis hin zur Übernahme der Identität des Opfers im Netz (Impersonation).

Dr. Thomas Junge

Dr. Thomas Junge, Medienpädagoge von der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg | Foto: Christian Reinhold

Schulischer Projekttag mit Tablets zur Prävention von Cybermobbing

Zur Prävention von Cybermobbing empfahl Dr. Thorsten Junge einen Projekttag an Schulen, bei dem die Schüler/-innen mit Tablets ein Medienprodukt erstellen und darin eine Konfliktsituation simulieren. Die Erfahrungen der PH Ludwigsburg mit solchen Projekttagen zeigen, dass Kinder und Jugendliche die Konfliktsituation häufig über das Eingreifen von Lehrkräften oder Eltern auflösen. Die Täter/-innen sollen meist nicht drakonisch bestraft werden.

Im Einklang damit riet Medienpädagoge Junge davon ab, beim Auftreten von Cybermobbing unmittelbar die Polizei zu involvieren oder rechtliche Schritte einzuleiten: „Sie als Lehrkraft sind zwar für die Opfer da, aber Sie sind auch für die Täter da.“ Entschlossen und unmittelbar handeln müssten Lehrer/-innen hingegen, wenn ein Kind oder ein/-e Jugendliche/-r durch Traurigkeit, Verängstigung oder den Wunsch, nicht mehr in die Schule zu gehen, auffällt. Der Grund für diese Gefühle könnte Cybermobbing sein.

Populistische Themen als Trittbrett für extremistische Radikalisierung

Welches Gefühl Extremistinnen und Extremisten in unserer Gesellschaft verbreiten wollen, verbildlichte Anja Franz gleich zu Beginn ihres Vortrags zu Extremismus und Rekrutierung im Netz. Die stellvertretende Referatsleiterin für Medienpädagogische Unterstützungssysteme am LMZ zeigte den weit aufgerissenen Mund des US-Präsidenten Donald Trump – der mit seinen populistischen Kommentaren online und offline zum Sinnbild für Hass und Hetze geworden ist.

Zwar könnten Populisten und Extremisten laut Franz keinesfalls gleichgesetzt werden. Doch Themen, die starke Gefühle hervorrufen und daher gern von Populisten aufgegriffen werden, nutzen Extremistinnen und Extremisten als „Trittbrettfahrer/-innen“, um andere zu radikalisieren. Dazu gehören beispielsweise Kindesmissbrauch, sexuelle Vielfalt oder Flucht und Migration.

Veranstaltungsbesucherin

Eine Besucherin der Veranstaltung stellt eine Nachfrage | Foto: Christian Reinhold

Extremistische Propaganda in modernem Gewand

Mit welcher Art von Propaganda Heranwachsende für extremistische Ideologien gewonnen werden sollen, verdeutlicht Anja Franz unter anderem am Beispiel des Islamismus. T-Shirts mit Aufdrucken wie „Jihad. Just do it“ in der Aufmachung der Sportmarke Nike richten sich ebenso gezielt an neue Anhänger/-innen wie Videos von Selbstmordattentaten, die im Stil von Ego-Shootern gestaltet sind. Mit subtilen Botschaften und schlichter Ästhetik wirbt die rechtsextreme Identitäre Bewegung. Im Online-Shop „Phalanx Europa“ findet sich z. B. ein T-Shirt mit der Aufschrift „Eat the universalists“. Auf diesem ist ein Packman-Symbol neben den Symbolen für den Islam, den Kommunismus und dem US-Dollarzeichen zu sehen.

Gefährdungspotenziale: Die Fünf Säulen der Identität

Welche Heranwachsende sind durch solche Propaganda besonders gefährdet? Einen Anhaltspunkt bietet das Modell „Fünf Säulen der Identität“ von Hilarion Petzold. Eine intakte persönliche Identität wird demnach von den Säulen „Körper und Geist“, „Soziale Beziehungen“, „Arbeit und Leistung“, „Materielle Sicherheit“ und „Werte“ getragen. Wackelt z. B. durch ein abwesendes Elternteil, schlechte Noten oder familiäre Gewalt eine dieser Säulen, kann eine Persönlichkeit ins Wanken geraten und anfälliger für extremistische Propaganda sein.

Aus der Sicht von Anja Franz können Lehrkräfte, Eltern und Pädagogen zwar keine Deradikalisierung leisten. Doch sie können Radikalisierung erkennen, professionelle Hilfe einholen und präventiv vorgehen, z. B. indem die jugendliche Persönlichkeit gestärkt, Zugehörigkeit vermittelt oder kritisches Denken gefördert wird. Professionelle Hilfe bieten die Fachstelle Extremismusdistanzierung (FEX), das Kompetenzzentrum gegen Extremismus Ausstiegsberatung (KONEX) oder im akuten Gefährdungsfall die Polizei.

Die Kampagne „Bitte Was?!“: Sofort gegen Hass und Hetze aktiv werden

Wie man sofort gegen Hass, Hetze und Halbwahrheiten im Netz aktiv werden kann, erläuterte Sebastian Seitner zum Abschluss der Abendveranstaltung anhand der Kampagne „Bitte Was?!“. Hierzu präsentierte er die vier Bausteine der Kampagne der Landesregierung Baden-Württemberg:

  1. ein Kreativwettbewerb für Kinder und Jugendliche in ganz Baden-Württemberg, der noch bis 31.03.2020 läuft,
  2. Schüler/-innen-Workshops, Fachtage für Lehrkräfte, Abendveranstaltungen für Eltern rund um die Themen Fake News, Hatespeech, Cybermobbing und Netzkultur,
  3. direkt einsetzbare Unterrichtsmaterialien für die Grundschule und die Sekundarstufe I sowie
  4. eine Informations- und Sensibilisierungskampagne mit dem Ziel, über Instagram und YouTube direkt mit den Jugendlichen zu kommunizieren.

Impressionen der Veranstaltung vom 18.02.2020

Madeleine Hankele-Gauß

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