Stuttgarter Tage der Medienpädagogik: Referenten fordern redaktionelle Gesellschaft und Fach Medienbildung

Jiří Hönes
Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen: „Die Ideale des guten Journalismus müssen die Ideale der Gesellschaft werden.“ | Jiří Hönes

„Alles Fake?! Medien – Desinformation – Bildung“

Wie gehen wir als Gesellschaft mit der veränderten Informationsarchitektur um, die sich durch die neuen Medientechnologien ergeben haben? Wie sollte die Pädagogik auf Herausforderungen durch Fake News und Desinformation reagieren? Welche Rolle hat der Journalismus in einer Zeit, in der jeder zum Sender und Verbreiter von Informationen werden kann? Diesen Fragen gingen die Referentinnen und Referenten bei den 42. Stuttgarter Tagen der Medienpädagogik nach, die vor kurzem in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Stuttgart-Hohenheim stattfanden.

Mit Beispielen aus dem analogen Zeitalter erinnerte Moderator Josef Karcher daran, dass Fakes in den Medien kein neues Phänomen sind. Sowohl die gefälschten Hitler-Tagebücher als auch die Brutkastenlüge im Vorfeld des Zweiten Golfkriegs waren gezielte Falschinformationen mit weitreichenden Folgen. Doch während es damals aufwändige Einzelfälle waren, sind Fake News heute so alltäglich geworden, dass manche bereits vom „postfaktischen Zeitalter“ sprechen.

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, sieht diese Zuschreibung dennoch eher kritisch. In seinem Vortrag „Die neue Macht der Lüge“ konstatierte er zwar tiefgreifende Veränderungen unserer Informationsarchitektur durch Smartphones und soziale Medien, ein „postfaktisches Zeitalter“ setze jedoch voraus, dass es zuvor einmal ein „Zeitalter der Wahrheit“ gegeben habe. Dem sei jedoch nicht so. Zudem seien solche Zeitalter-Diagnosen immer sehr schnelllebig. Es sei dagegen nötig, einen tieferen Blick auf die gegenwärtigen Umbrüche zu werfen, um adäquat auf sie zu reagieren.

„Neue Ungewissheit im digitalen Zeitalter“

Diese Umbrüche äußern sich Pörksen zufolge in einer neuen Geschwindigkeit der Berichterstattung, die durch das mobile Internet möglich ist. Die Spannung zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit beim Publizieren nehme dadurch enorm zu. Hinzu komme eine „neue Ungewissheit im digitalen Zeitalter“. Er erinnerte an die Panik in München, nachdem ein Jugendlicher 2016 mehrere Menschen im Olympia-Einkaufzentrum erschossen hatte. Trotz oder gerade wegen zahlreicher Live-Berichte hatte in der ganzen Stadt stundenlang Ungewissheit und Panik geherrscht, bei der sogar Menschen zu Schaden kamen.

Ein weiterer Grundkonflikt beim Publizieren bestehe zwischen Interessantheit und Relevanz. Durch die genaue Messbarkeit von Klickzahlen würden heute spektakuläre Meldungen gegenüber hintergründigen enorm begünstigt: „Was interessiert die Menschen wirklich? Neue Ansätze der Konfliktlösung im Nahen Osten oder ein Riesentintenfisch in einem japanischen Hafenbecken“, so Pörksen. Es läge nahe, dass Redaktionen dazu neigen, im Rennen um Klicks entstehende Hypes schnell aufzugreifen.

Ebenfalls neu seien die umfassenden Manipulationsmöglichkeiten, die mittlerweile jedem zur Verfügung stünden, der die entsprechende Software beherrsche. Angesichts ganzer „Troll-Armeen“ und Social Bots, die Meinungen in sozialen Medien steuern, sei Manipulation allgegenwärtig geworden. Nicht zuletzt sei das Smartphone eine „indiskrete Technologie“, die zu einer „neuen Sichtbarkeit“ führe. Kaum etwas lasse sich mehr verbergen, da immer jemand zur Stelle sei, der filme oder fotografiere. Soweit Pörksens Bestandsaufnahme.

Eine „redaktionelle Gesellschaft“ als Vision

Was folgt nun daraus für die Medienpädagogik? Pörksen verwies auf zwei vorherrschende, konträre Reaktionsmuster. Während die einen in Euphorie schwelgten und unendliche Möglichkeiten sähen, sich von der althergebrachten Macht der Redaktionen, Parteien und Verbände zu lösen, sähen die Apokalyptiker das Ende der Rationalität herannahen. „Ich suche selbst noch meinen Platz zwischen dem ‚Digital first, Bedenken second‘ der FDP und dem ‚Medien machen dumm und dick‘ eines Manfred Spitzer und möchte mich keiner dieser Fraktionen anschließen“, so Pörksen. Es gebe Forderungen nach einem Ministerium zur Abwehr von Desinformation oder gar nach einer Epistokratie, der Herrschaft der Wissenden. Es habe sogar schon den Vorschlag gegeben, dass Wähler vor dem Urnengang einen Wissenstest bestehen müssten. „Doch wollen wir unser Ideal von Mündigkeit so leichtfertig aufgeben“, fragte er. Man müsse vielmehr die Mündigkeit der Bürger, die der Demokratie erst die Würde gebe, erhalten. Die Antwort auf Hasspropaganda und Desinformation könne nur Bildung sein.

Pörksen skizzierte seine Vision einer „redaktionellen Gesellschaft“, in der die Ideale des guten Journalismus zu den Idealen der Gesellschaft werden: „Höre auch die andere Seite, sei kritisch, prüfe nach!“ Das müssten Grundsätze sein, die für alle gelten. Um dahin zu gelangen, nannte er drei Bausteine.

  1. Ein eigenes Schulfach: Es brauche ein eigenes Schulfach Medienbildung, in dem Medien als Werkzeug vorgestellt würden, in dem Medienpraxis und Medienkritik ihren Platz haben, in dem gelernt werde. „Wie publiziert man? Wie erzählt man?“
  2. Der Journalismus muss sich ändern: Es habe sich durch die Öffentlichkeit in den sozialen Medien eine „fünfte Gewalt“ etabliert, mit der der Journalismus einen „Dialog auf Augenhöhe“ suchen müsse. Er müsse stets so handeln, dass das Publikum die Qualität seiner Arbeit nachvollziehen und somit schätzen könne.
  3. Social-Media-Plattformen müssten reguliert werden. Pörksen schlug dazu einen unabhängigen „Plattformrat“ vor, der diese Plattformen zu Transparenz zwinge: Wer wirbt hier mit welchen Mitteln?
Petra Grimm und Josef Karcher

Petra Grimm stellt bei angehenden Studierenden Nachholbedarf bei der Informationskompetenz fest. | Jiří Hönes

Petra Grimm: „Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Plattform“

Noch weiter ging Petra Grimm, Professorin für Medienethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart. In ihrem Vortrag „Desinformiert in einer informierten Gesellschaft?“ machte sie den Vorschlag einer alternativen Social-Media-Plattform auf öffentlich-rechtlicher Basis mit privatwirtschaftlicher Beteiligung. Diese solle möglichst gesamteuropäisch realisiert werden und könne so ein Gegenstück zu den kommerziell betriebenen Netzwerken wie Facebook sein, die sich aus den Daten ihrer Nutzer finanzieren.

Pörksens Forderung nach einem Schulfach unterstützte sie ebenfalls. Angesichts der mangelnden Informationskompetenz von Jugendlichen sei hier ein großer Bedarf in der schulischen Bildung. „Viele Jugendliche haben großes Vertrauen in Video- und Bildquellen und sind sich nicht bewusst, dass diese manipuliert sein können“, so Grimm. Es mangle an Recherche- und Quellenkompetenz, Jugendliche könnten oft gesponserte Artikel nicht von redaktionellen Inhalten unterscheiden. Das zeige sich auch an den Studierenden, denen heute oft die Kompetenz fehle, einen Text zu analysieren: „Welche Intention verfolgt ein Text?“ Informationskompetenz sei jedoch der „Dreh- und Angelpunkt im Kampf gegen Desinformation“, so Grimm.

Clemens Bratzler

Clemens Bratzler: „Journalismus musse sich trauen, wieder langsamer zu werden.“ | Jiří Hönes

Clemens Bratzler: Kriterien für den Qualitätsjournalismus

Einblicke aus der journalistischen Arbeit gab Clemens Bratzler, Moderator und Journalist beim SWR und bekannt aus der Sendung „Zur Sache Baden-Württemberg“. Er nannte Kriterien für den Qualitätsjournalismus, die gerade heute, wo man sich häufig der Kritik ausgesetzt sehe, von besonderer Bedeutung seien. So müsse der Journalismus klar zwischen Nachricht und Meinung unterscheiden. Objektivität sei gerade das, was in den Posts in sozialen Netzwerken fehle. Journalismus müsse Orientierung geben, anstatt reflexhaft zu handeln, so Bratzler. Man dürfe sich nicht von der „Daueraufregung in den sozialen Medien“ treiben lassen und müsse sich trauen, wieder langsamer und zurückhaltender zu werden.

Bratzler griff Bernhard Pörksens Punkt von Interessantheit und Relevanz auf. Qualitätsjournalismus dürfe sich nicht von Klicks und Likes leiten lassen, auch wenn dies sehr verlockend sei. „Die Nutzer sind brutal in ihren Vorlieben“, so der Journalist. Unter den meistgeklickten Meldungen im Online-Angebot waren demnach lauter Tierthemen: eine neue Riesenzecken, ein Luchs auf einer Wildbrücke und ein verstorbener Papagei.

Auch in den folgenden Punkten deckten sich Bratzlers Kriterien mit den Vorstellungen Pörksens. Qualitätsjournalismus müsse seine eigene Arbeit transparent machen und eigene Fehler als solche benennen und sie korrigieren, auch wenn das schwerfalle. Es gelte, Falschmeldungen aufzudecken, ohne ihnen unnötig Gewicht zu verleihen und zuletzt sei der Dialog mit dem Publikum essenziell.

Dieser fand auch auf der Tagung ausgiebig statt. In den anschießenden Fragerunden beteiligten sich die Gäste rege. Insbesondere der Vorschlag nach einer öffentlich-rechtlichen Social-Media-Plattform wurde von vielen als ambitioniert, doch kaum realisierbar angesehen. Ein Teilnehmer merkte an, dass es nur schwer möglich sei, die Kinder und Jugendlichen auf eine solche Plattform zu locken.

Nach dem Vortragsteil gab es am Nachmittag konkrete Anregungen für die pädagogische Praxis in verschiedenen Workshops zu Fake News, Hatespeech, zum Hacking und zu Algorithmen.

Die Stuttgarter Tage der Medienpädagogik wurden veranstaltet von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Medienhaus, der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK), dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ), der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB), der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) und dem Südwestrundfunk (SWR).

Jiří Hönes

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