FOMO – Die Angst etwas zu verpassen

Ulrike Boscher
Trauriges Mädchen nachdenklich am Handy.

"Warum wusste ich mal wieder nichts von dieser Party? Die hätten mir ja eine kurze News schreiben können". Immer mehr Jugendliche glauben, sie verpassen zu viel. Befeuert wird dieser Irrglaube von Social-Media. | GettyImages/ Graham-Oliver

Fear of Missing out: Die Social-Media-Krankheit FOMO

FOMO steht für „Fear of Missing out“ und gilt als „Social-Media-Krankheit“, bei der Menschen davor Angst haben, etwas zu verpassen. Betroffen sind vor allem jüngere Menschen. Sie fürchten, dass sie wichtige Ereignisse (im Freundeskreis, in der Schule oder bei der Arbeit) nicht mitbekommen oder nicht miterleben können. Das kann eine angeblich legendäre Party, ein Konzert oder eine schlichte Verabredung mit einem Partner sein. FOMO-gefährdete Menschen schauen ständig auf das Leben anderer, vergleichen sich mit dem was andere tun und werden schnell von Gewissensbissen geplagt, wenn sie das Gefühl haben, dass wichtige Dinge an ihnen vorbeiziehen.

Doch ist dieses Phänomen wirklich neu? Jeder von uns hat sicherlich schon einmal gedacht: „Das hätte ich auch gerne erlebt“ oder „Mist, warum haben die mich nicht mitgenommen?“ oder „Wahnsinn, wie viel Länder die schon bereist haben!“ Dieses Gefühl ist menschlich.

FOMO – Nebenwirkung der digitalen Gesellschaft?

Ich erinnere mich noch gut, als mir meine Eltern schweren Herzens verkündeten, ich könne leider nicht an der Studienfahrt nach Florenz teilnehmen. Ebbe in der Familienkasse. Das Eigenheim (noch im Rohbau) hatte zu viel Geld verschlungen. Das war Anfang der 80er Jahre, das Handy- und Social-Media-Zeitalter lag noch in Ferne. Damals verspürte ich auch eine Art FOMO-Gefühl. Schon Wochen vor der Abreise der anderen durchzog mich Neid und Verzweiflung. Während ich in diesem schwäbischen Kaff ausharren sollte, durften meine Mitschüler/-innen in der Kunst-Metropole Florenz den Michelangelo portraitieren, über die Ponte Vecchio schlendern, Cappuccino trinken und abends durch die Gassen ziehen. „Oh Gott, was würde ich nur verpassen? Das konnte mir keiner mehr im Leben zurückgeben“. Damals wartete ich geduldig eine Woche ohne ein Zeichen, dann meldeten sich meine Freundinnen zurück. „Wir sind wieder da. Hast Du Zeit?“ Nach ihren Erzählungen, die weitaus lustiger waren, als jeder erdenkliche Facebook-Post, war erneut Geduld gefragt, denn die Fotos der Klassenfahrt mussten erst entwickelt werden.

Heute in Zeiten von Social Media gibt es einen solchen Spannungsbogen nicht mehr, denn wir erleben fast alles in Echtzeit, auch wenn wir nicht vor Ort sind. Jede Reise, jeder Sport-Event, jedes Treffen wird fotografisch festgehalten, gepostet und geteilt. Da grinsen lachende Selfies um die Wette, versprühen Lebensfreude, Schönheit und einzigartige Momente. Freunde und Bekannte dürfen via Internet daran teilhaben und alles kommentieren.

Bei manchen Menschen wird das Lesen und Schreiben von Posts in den Kanälen des Social Media Dschungels zum absoluten Zeitfresser. Klick da, Klick dort, immer auf der Suche nach einer wichtigen Neuigkeit und immer unter Druck, ja nichts zu verpassen. Innere Ruhelosigkeit und Stress beginnen langsam an ihnen zu nagen. Irgendwann fühlen sich Betroffene niedergeschlagen, weil sie scheinbar immer schlechter abschneiden als der Rest der Welt. Reale und virtuelle Welt verwischen zunehmend. Der „digitale Burn-Out“ zeigt seine Wirkung.

Doch wer ist tatsächlich von FOMO gefährdet? Und wie kann man selbst Warnsignale erkennen?

Nachdenkliches Mädchen über Handy

Ständig am Handy: FOMO-Getriebene Menschen finden es schlimm, wenn sie nicht wissen, was Freunde gerade treiben. Auch im Urlaub sind sie ständig damit beschäftigt, sich darüber zu informieren, wie Freunde ihre Freizeit verbringen. Dabei bleibt das reale Leben oft auf der Strecke. | GettyImages/ Martin Dimitrov

FOMO rechtzeitig erkennen

Über das FOMO Phänomen wird zunehmend geforscht. Der Psychologe Professor Andrew Przybylski entwickelte hierfür einen Fragebogen. Die YouTuberin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim fasste die wichtigsten Fragen der Evaluation für Jugendliche auf dem Kanal mailab leicht verständlich zusammen. Dabei kann man überprüfen, ob folgende Aussagen auf einen zutreffen.

  1. Ich habe Angst, dass andere tollere Sachen erleben als ich.
  2. Ich habe Angst, dass meine Freunde tollere Sachen erleben als ich.
  3. Ich mache mir einen Kopf, wenn meine Freunde ohne mich Spaß haben.
  4. Ich kriege die Krise, wenn ich nicht weiß, was meine Freunde gerade tun.
  5. Es ist mir wichtig, Insider-Witze meiner Freunde zu verstehen.
  6. Manchmal frage ich mich, ob ich zu viel Zeit damit verbringe, immer auf dem Laufenden zu sein.
  7. Ich finde es schlimm, eine Gelegenheit zu verpassen, meine Freunde zu treffen.
  8. Wenn ich Spaß habe oder eine tolle Erfahrung mache, dann möchte ich sie auch online teilen.
  9. Wenn ich ein geplantes Treffen verpasse, dann stört mich das ziemlich.
  10. Wenn ich im Urlaub bin, halte ich mich auf dem Laufenden über das, was meine Freunde zuhause machen.

Den Link zum Fragebogen finden Sie hier. Zur Auswertung legte Przybylski einen Orientierungswert, den FOMO-Scale fest. Dabei muss jede Frage auf einer Skala von 1-5 beantwortet werden. Bei einem Wert von über 34 ist FOMO wahrscheinlich stark vorhanden. Dann könnten sich auch folgende Symptome zeigen.

Wer ist besonders gefährdet?

Nach Ansicht der Psychologen leiden Menschen mit FOMO häufig unter einem geringen Selbstbewusstsein, geringerer Selbstzufriedenheit und einem allgemein schlechteren Gemütszustand. Betroffene sind nervös, wenn sie nicht wissen, was ihre Freunde treiben. Sie lassen sich ständig ablenken und leiden unter Konzentrationsschwächen, was sich negativ auf Schule, Studium und Job auswirken kann. Sie checken und aktualisieren ständig den Newsfeed – das beginnt nach dem Aufwachen und endet vor dem Einschlafen. Das Smartphone gehört zum Essen und beim Autofahren spüren FOMO-Getriebene ständig den Drang aufs Handy schauen zu müssen.

„Das FOMO-Opfer klickt sich durch seine Accounts, um anderen Menschen näher zu sein und fühlt sich am Ende nur noch schlechter“, schreibt die Autorin Iris Soltau in einem Artikel für die Techniker Krankenkasse. Wer unter FOMO leidet, kann die Dinge nicht für sich genießen, sondern hechelt dem Aktionismus anderer hinterher. In schweren Fällen führt das zu Schlafstörungen und Depression. Wie bei der Internetsucht oder der Computerspielsucht ist nicht jeder FOMO-gefährdet. Vielmehr führen „… unterschiedliche psychologische Voraussetzungen zu FOMO und FOMO wiederum zur stärkeren Verwendung von Social Media“, schreibt Philippe Wampfler in seinem Artikel „Fear of Missing out“. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis: Durch die negativen Erfahrungen wird Social Media immer intensiver genutzt, wodurch sich die negativen Gefühle durch FOMO weiter verstärken.

 

Selfie eines verliebten Paares in Florenz

In Erinnerung schwelgen und den Moment nur für sich genießen – ohne Social Media: Nicht jedes Urlaubsfoto muss in die globale Welt hinaus geschossen werden. | GettyImages/ piola666

FOMO überwinden: Aus FOMO wird JOMO (Joy of missing)

Auch wenn FOMO noch nicht als psychische Krankheit anerkannt ist, sprechen Mediziner von einer psychischen Auffälligkeit, die Übergänge von einer fast normalen bis krankhaften Abhängigkeit von Social Media aufweisen kann. Auf jeden Fall ist FOMO behandlungsbedürftig, so die Ansicht der Ärzte. Betroffene Personen sollten spätestens dann zum Arzt gehen, wenn sie eine dauerhafte Traurigkeit oder Frustration im Alltag verspüren. „Die Beschwerden der Krankheit verschwinden in der Regel nicht wieder von alleine“, meint der Arzt Dr. med. Sonnenmacher. Bei therapeutischer Begleitung sind die Aussichten auf Genesung sehr gut. Infos zu Behandlung, Therapie, Aussicht und Prognose finden Sie hier. Die Techniker Krankenkasse hat die App TK Smart Relax herausgebracht, die begleitend für mehr Entspannung sorgen soll.

Am Ende einer Therapie sollte das Ziel stehen, das reale Leben digital zu entgiften. Betroffene müssen lernen, dass die meisten Posts völlig unbedeutend für das eigene Leben sind. Sie sollen das reale Leben wieder mehr genießen ohne gleich auf Social Media darüber berichten zu müssen.

Und wenn gar nichts passiert? Auch gut! In dieser schnelllebigen Gesellschaft dürfte jeder über eine kurze Auszeit dankbar sein. Vielleicht dreht sich der Trend dann irgendwann um und aus FOMO wird JOMO („Joy Of Missing Out“): Aus der Angst, etwas zu verpassen wird Freude, etwas zu verpassen.

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