Der heiße Draht zum Jugendmedienschutz

Jiří Hönes
Michael Wanninger

Seit 2012 berät Michael Wanninger Lehrkräfte und Eltern in Fragen zum Jugendmedienschutz und zur Medienpädagogik. | Jiří Hönes

Im Gespräch mit Michael Wanninger von der medienpädagogischen Beratungsstelle

Wie gehe ich damit um, wenn meine Schülerinnen und Schüler gewalthaltige Computerspiele zocken? Was lässt sich präventiv gegen Cybermobbing tun? Ab wann soll mein Kind ein eigenes Smartphone bekommen? Solche Fragen gehören zum Alltag in der medienpädagogischen Beratungsstelle am Landemedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ). Das Angebot entstand im Rahmen des Maßnahmenpakets nach dem Amoklauf von Winnenden-Wendlingen und hat sich seit 2011 zu einer festen Institution entwickelt. Das Team um Michael Wanninger bietet Lehrkräften, Eltern sowie außerschulischen Pädagoginnen und Pädagogen Antworten auf Fragen rund um die Medienbildung und den pädagogischen Jugendmedienschutz. Wir haben mit dem Pädagogen und langjährigen Mitarbeiter über seine Erfahrungen am Beratungstelefon gesprochen.

Herr Wanninger, was ist der pädagogische  Ansatz der medienpädagogischen Beratungsstelle? Wer ist die Zielgruppe?

Der Ansatz der medienpädagogischen Beratungsstelle ist es, Kinder wie auch Jugendliche dabei anzuleiten und zu unterstützen, sich souverän in der digitalen Welt zu bewegen. Eltern und Lehrkräfte beraten wir zur Medienerziehung bzw. dazu, wie sie Themen des Jugendmedienschutzes im Unterricht behandeln können.
Dabei geht es zum einen um konkrete Erziehungsfragen, etwa zu digitalen Spielen, sozialen Netzwerken, Smartphone-Nutzung etc. Die Eltern nutzen das Angebot in den letzten Jahren verstärkt für Hilfe bei ihren Sorgen und Nöten. Andererseits geht es um Angebote aus unseren Programme zum präventiven Jugendmedienschutz gerade für Schulen. Sie fragen meistens nach Workshops für Schülerinnen und Schüler oder auch nach Elternabenden. Lehrkräfte sind daher der Hauptteil der Nachfragenden.

Wie sehen Anfragen von Lehrkräften aus? Gibt es da Fragen und Themen, die sich häufen?

Da geht es in letzter Zeit häufig um die Nutzung digitaler Spiele, generell ist aber auch Cybermobbing ein Dauerthema. Oft dreht es sich um unangemessenes Verhalten in WhatsApp-Chats oder einfach die Frage, wie man als Lehrkraft damit umgehen soll, wenn es einen Klassenchat gibt. Dazu kommen viele Datenschutz- und Urheberrechtsfragen: „Darf ich einen Ausschnitt aus einer Netflix-Serie im Unterricht zeigen?“, „Was muss ich beim Einsatz von bestimmten Apps beachten?“ Oder Lehrkräfte erkundigen sich nach Expertinnen und Experten, die sie in den Unterricht einladen können.

Was raten Sie konkret einer Lehrkraft, bei der es Fälle von Cybermobbing gibt, etwa im Klassenchat auf WhatsApp?

Das ist für uns ein bisschen schwierig, weil wir einen präventiven Ansatz verfolgen, also Angebote machen möchten, bevor etwas passiert ist. Wir haben in unseren Programmen zum Beispiel Cybermobbing-Workshops im Angebot und empfehlen, dass Schulen diesen bereits in der fünften Klasse durchführen. Wir versuchen solche Fälle also eher im Vorfeld zu verhindern. Wenn sie dennoch eintreten, beraten wir natürlich auch, leiten aber in der Regel an entsprechende Beratungsstellen weiter, zum Beispiel schulpsychologische Beratungsstellen, Präventionsberater oder auch zum Programm „stark.stärker.WIR.“ vom Kultusministerium, das auch Kriseninterventionsangebote vermitteln kann.

Sie haben das Thema Games angesprochen. Was sind denn da aktuell die Themen, wo gibt es Probleme und Bedenken seitens der Lehrkräfte?

Teilweise sind das Fragen, die mehr und mehr von den Elternbeiräten an die Lehrkräfte herangetragen werden. Sie machen sich zum Beispiel Sorgen, dass die Schulleistungen nachlassen, weil exzessiv das Spiel „Fortnite“ gespielt wird. Das ist derzeit das beliebteste Spiel bei Jugendlichen. Außerdem kommen oft Anfragen von Schulen, weil sie die Vermutung haben, dass Schülerinnen und Schüler Spiele spielen, die nicht altersgerecht sind. Das heißt etwa, dass ein zwölfjähriges Kind „Call of Duty“ spielt, ein Kriegsspiel mit expliziter Gewaltdarstellung und USK-Empfehlung ab 18 Jahren. In solchen Fällen raten wir den Schulen, eine Informationsveranstaltung für Eltern durchzuführen. Das LMZ hat solche Elternabende im Angebot. Denn viele Eltern kennen die USK-Kennzeichnungen nicht oder wissen nicht, dass die USK nicht das Recht hat, Spiele-Apps zu beurteilen, sondern nur Spiele auf klassischen Datenträgern. Aber auch da gibt es im Internet Anlaufstellen, wo man Beurteilungen von Spielen bekommt, zum Beispiel den Spieleratgeber NRW. Zudem ermutigen wir Schulen dazu, das Thema auch im Unterricht anzusprechen, gerne auch von uns unterstützt. Schülerinnen und Schüler sollten sensibilisiert werden, ihre eigene Mediennutzung zu reflektieren und sich selber ein Urteil zu bilden, sich kritisch zu fragen, was an einem Spiel gut oder schlecht ist, und sich Zeitlimits zu setzen, damit es nicht zur Sucht wird.

Welche Fragen treiben denn Eltern in Sachen Jugendmedienschutz um?

Das geht los bei Fragen wie „Ab wann ist es sinnvoll, dass mein Kind ein Smartphone erhält?“ oder „Wie schätzen Sie diese oder jene App im Hinblick auf den Datenschutz ein?“ bis zu größeren Problemen, etwa dass es wegen der Mediennutzung Streit in der Familie gibt. Auch kommt hin und wieder die Frage auf, ob ein Kind mediensüchtig ist, gerade wenn die Leistungen in der Schule nachlassen. Da möchten Eltern wissen, was sie tun können.

Was rät die Beratungsstelle auf die Frage, ab wann Kinder ein Smartphone besitzen sollen?

Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht. Wir stellen eher Gegenfragen: „Wozu braucht Ihr Kind ein Smartphone, was will oder soll es damit tun? Kennen Sie entsprechende Sicherheitssoftware, die Sie auf dem Smartphone installieren könnten? Gibt es Smartphone-Nutzungsregeln in Ihrer Familie an die sich alle – auch Erwachsene – halten? Welche Vorstellungen haben Sie dazu?“

Es ist zum Beispiel sinnvoll, dass alle während der Mahlzeiten das Handy zur Seite legen oder dass es abends ab einer bestimmten Uhrzeit auf Flugmodus gestellt wird. Von einer Anschaffung ohne Regeln raten wir allerdings ab. Und: Ich frage immer nach: „Wie ist die Familiensituation? Was macht das Kind neben der Mediennutzung? Ist es im Verein? Trifft es sich mit Freunden?“ Anhand des Gesamtbilds kann man den Eltern bessere Tipps geben, was für das Kind sinnvoll ist oder nicht.

In welchen Situationen befinden sich Familien, in denen es Probleme mit exzessiver Mediennutzung gibt?

Im Gespräch wird zuerst immer das konkrete Problem benannt: „Mein Kind spielt zu oft dieses oder jenes Spiel, Tag für Tag hängt es am Smartphone.“ Im weiteren Verlauf kommt dann zum Beispiel heraus, dass eine Trennung der Eltern vorliegt und das Kind Probleme hat, sich in diesem neuen Gefüge zurechtzufinden. Also dass viele andere Faktoren hineinspielen, bei denen wir dann aber nicht der richtige Ansprechpartner sind. In diesen Fällen nennen wir weitere Familienberatungsstellen, etwa die der Caritas, wo sie sich vor Ort weiter beraten und helfen lassen können. In Fällen, wo wirklich ein Verdacht auf Mediensucht vorliegt, empfehlen wir Kliniken, die entsprechende Therapien anbieten.

Spiegeln sich denn auch Themen wie der Kettenbrief „Momo“ oder die „Blue Whale Challenge“, die große mediale Aufmerksamkeit erlangten, in den Anrufen bei der Beratungsstelle wider?

Ja tatsächlich. Die „Blue Whale Challenge“ war ja eine Liste mit zehn Aufgaben, deren letzte es war, Selbstmord zu begehen. Da gab es einen tragischen Fall, bei dem ein Schüler einen Suizidversuch unternommen hat. Es stand der Verdacht im Raum, dass dies mit der „Blue Whale Challenge“ zusammenhängt. Das war allerdings nicht so und die Challenge an sich hat sich ja letztendlich als Hoax herausgestellt. Aber natürlich – und das ist absolut verständlich – fragen sich Eltern und Lehrkräfte da, ob es einen Zusammenhang mit solchen Phänomenen gibt.

Bei Kettenbriefen wie „Momo“ verweisen wir gerne auf die Seite www.mimikarma.at. Diese klärt über solche Phänomene wie Falschmeldungen auf. Zudem raten wir, Kettenbriefe nicht weiterzuleiten, auch wenn gerade das unter Androhung schlimmer Konsequenzen verlangt wird. Damit sollte man Kinder nicht alleine lassen, sondern ihnen die Sicherheit vermitteln, dass sie sich Hilfe bei Erwachsenen holen können. Die Schülerinnen und Schüler sollten außerdem die Nummern, von denen solche Nachrichten kommen, schnell sperren.

Wie sind denn die Rückmeldungen zu den Beratungsgesprächen?

Das Feedback ist in der Regel sehr positiv. Das motiviert uns, beim Medienthema weiter am Ball zu bleiben. Viele Einrichtungen, die sich bei der Beratungsstelle melden, organisieren zusammen mit dem LMZ Veranstaltungen im Rahmen von 101 Schulen oder dem Eltern-Medienmentoren-Programm.

Michael Wanninger hat Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Medienbildung an der Universität Landau studiert und arbeitet seit 2012 bei der Medienpädagogischen Beratungsstelle des LMZ.

 

Zur Beratungsstelle

Jiří Hönes

E-Mail senden

Diese Seite teilen: