Dark Social

Ulrike Boscher
Waldrand

Wald als Metapher für Dark Social: Geheimnisvoll, still und abgeschottet | GettyImages/ Cathleen_Abers-Kimball

Dunkel und geheimnisvoll?

In jüngster Zeit ist in den Medien immer häufiger die Rede vom „Dark Social“. So titelte die Süddeutsche Zeitung nach Robert Habecks Twitter-Rücktritt „DarkSocial – Ich poste was, was Du nicht siehst“ und Johannes Kuhn, Journalist der SZ, verglich die Netzwelt des Dark Social mit einem „dunklen Wald“, von außen still, geheimnisvoll und verborgen, jedoch im Inneren voller Aktivität. Und die „dunklen Wälder wachsen“, schrieb Kuhn in seinem SZ-Artikel über das Dark Social. Doch was meint er mit dieser Metapher? Was steckt hinter dem Begriff?

Alexis C. Madrigal, Chefredakteur des The Atlantik, prägte diesen Begriff erstmals im Jahr 2012. Er vertrat die These, dass die meisten Beiträge nicht über die sozialen Medien (wie Facebook) geteilt werden, sondern über nicht einsehbare Dienste, wie zum Beispiel über die klassische E-Mail, oder Instant Messenger Dienste (wie WhatsApp oder Telegram). Damit sehen die Betreiber von Webseiten häufig nicht, woher ihre Besucher kommen, wenn sie Links in privaten Gruppen anklicken. Viele Interaktionen im Netz bleiben also im Verborgenen und können nicht für Statistiken, Marketing- und Werbemaßnahmen ausgewertet werden.

Trend: Rückzug in digitale Privaträume

Sieben Jahre später scheint sich das Phänomen Dark Social weiter zu verstärken. Immer mehr Menschen wenden sich von den offenen Social Media Plattformen (wie Facebook) ab und wechseln in digitale Privaträume. Dort treffen sie eher auf politisch Gleichgesinnte, Freunde und Vertraute. Privatheit im Web und Vertrauenswürdigkeit scheinen vielen Menschen wieder wichtiger zu werden. Aber warum ist das so? Nach Ansicht des Politberaters Martin Fuchs sind viele Social-Media-Nutzer durch die zahlreichen Datenskandale von Facebook und Co verunsichert (vgl. bento). Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Personen einen persönlicheren Austausch im Netz. Sie nutzen deswegen alternative Messenger Dienste (wie WhatsApp oder Telegram), die auch geschlossene Gruppen und geheime Chats bieten. Auch in diesen Kanälen des Dark Social lassen sich Botschaften, Kettenbriefe und Links in privaten Gruppen schnell und mit großer Wirkung verbreiten, wie beispielsweise die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich und der brasilianische Präsidentschaftswahlkampf gezeigt hat.

Telegram: Dunkler Kanal der Rechten?

Zu den bekannten Messengerdiensten gehören WhatsApp, Signal und Telegram. Insbesondere Telegram machte in jüngster Zeit negative Schlagzeilen, weil er unter anderem als Kommunikationskanal der Rechtsextremen genutzt wird. Im vergangenen Jahr sperrten Facebook und Instagram viele Konten der Identitären Bewegung (IB), einer Bewegung der Neuen Rechten, die der Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft. Martin Sellner, Chef der IB in Österreich wechselte darauf hin zu Telegram und rief vor kurzem 70 lokale Chat-Gruppen zur Vernetzung auf.

Telegram wurde von den Russen Nikolai und Pawel Durow entwickelt. Die Brüder versprechen ihren Mitgliedern vor allem Eines: Datenschutz und Privatsphäre! In der Tat: Telegram gilt als besonders sicher. Freie Meinungsäußerung ist wichtig – ganz egal, in welche Richtung diese auch gehen mag. Bei Telegram gibt es keine Kommission, die mitliest, auswertet, kritische Inhalte meldet oder löscht. Zensur ist tabu. Telegram bietet geheime Chats mit einer „Ende-zu-Ende-Verschlüsselung“, wodurch Nachrichten, Bilder und Videos nur von Sendern und Empfängern gelesen werden können. Mit einer Selbstzerstörungsoption lassen sich Nachrichten nach kurzer Zeit automatisiert löschen. So bleiben keine Spuren zurück. Das ermutigt zu posten und die eigene Meinung zu vertreten. Wer einem Kanal folgt, bekommt einen weiteren, ähnlichen Kanal angeboten. Auf diese Weise treffen sich Gleichgesinnte, die sich in ihren Positionen bestärken, aufpuschen und radikalisieren können, meint Miri Dittrich von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Er sieht dabei die Gefahr von einem kollektiven Wahn mit einem menschenverachtenden Weltbild.

Die Initiatoren Durow haben damit kein Problem, die Brüder hatten einst das beliebte Netzwerk Vk.com gegründet, das (nach Angaben der Süddeutschen Zeitung) besonders bei Rechten und Faschisten besonders beliebt ist.

Ulrike Boscher

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