Bleistift oder Tablet? Wie lernen Kinder leichter Lesen und Schreiben?

Ulrike Boscher
Candid portrait Of Little Boy Writing On Blank Paper On Desk

Mit der Handschrift schreiben sich Spuren in das Gedächtnis | GettyImages/selimaksan

Ulmer Studie mit Vorschulkindern

Wie lernen Kinder besser Lesen und Schreiben? Ganz klassisch mit Stift und Papier oder besser digital mit Tablets? Das haben Wissenschaftler der Universität Ulm mit 147 Vorschulkindern untersucht und kamen zu dem Ergebnis: Die Handschrift bleibt eine unschlagbare gute Lernmethode, um Buchstaben zu lernen und abzuspeichern. Aber auch Tablets haben Vorteile bei der Worterkennung. Die Zukunft liegt demnach im analogen und digitalen Mix.

Wer kennt die Diskussion nicht? Die einen wünschen sich schon Tablets für die Kleinsten in der Grundschule, die anderen fordern eine stärkere Konzentration auf wirklich wichtige Aufgaben, nämlich auf das Lesen und das handschriftliche Schreiben. Das Schreiben ist eine wichtige Kulturtechnik, aber nicht jedem Kind geht das Schreiben mit Stift und Füller gleichermaßen leicht von Hand. Das stellen auch Pädagogen seit Jahren mit Bedauern fest. Sie bemängeln, dass Feinmotorik und Kognition im Kindergarten und in der Grundschule zu wenig gefördert würde. Es gibt aber auch Gegenpositionen: „Wozu soll ein Kind zwanghaft mit Stift arbeiten, wenn es ihm kognitiv schwerfällt, einen Stift zu halten? Wozu Schreibschrift, wenn man auch mit Tastatur arbeiten kann?“ Könnten Tablets eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung bieten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich auch ein Forscherteam aus Ulm.

Analog oder digital? Drei Gruppen im Test

Der Psychologe Professor Markus Kiefer und die Biologin Dr. Petra Arndt wollten herausfinden, welchen Einfluss analoge und digitale Schreibwerkzeuge auf die frühe Lese- und Schreibkompetenz von Kindern haben. Für ihre Interventionsstudie wählte das Ulmer Team 147 Kindergartenkinder im Vorschulalter aus und teilte sie in drei Gruppen ein:
Gruppe 1 arbeitete klassisch mit Bleistift und Papier. Die Kinder der Gruppe 2 arbeiteten mit Tablets und virtueller Tastatur. Die Kinder der Gruppe 3 erhielten ebenfalls Tablets und verwendeten zum Schreiben einen Stift für den Touchscreen.
Drei Teams mit unterschiedlicher Ausstattung:

  1. Gruppe: Bleistift + Papier
  2. Gruppe: Tablet + virtuelle Tastatur
  3. Gruppe: Tablet + digitaler Stift

In aufwändigen Voruntersuchungen waren die Kinder nach bestimmten Kriterien ausgewählt worden, um vergleichbare Lernvoraussetzungen (hinsichtlich Körperlichkeit, Sprache und Kognition) sicherzustellen. Über sieben Wochen trainierten die Kinder spielerisch 16 Buchstaben, danach sollten sie kurze Wörter bilden, lesen und schreiben. In weiteren vier bis fünf Wochen testeten die Forscher die Lese- und Schreibleistung mit standardisierten Tests. Dabei wurden auch die räumlich-visuellen Fähigkeiten beurteilt.

In aufwändigen Voruntersuchungen waren die Kinder nach bestimmten Kriterien ausgewählt worden, um vergleichbare Lernvoraussetzungen (hinsichtlich Körperlichkeit, Sprache und Kognition) sicherzustellen. Über sieben Wochen trainierten die Kinder spielerisch 16 Buchstaben, danach sollten sie kurze Wörter bilden, lesen und schreiben. In weiteren vier bis fünf Wochen testeten die Forscher die Lese- und Schreibleistung mit standardisierten Tests. Dabei wurden auch die räumlich-visuellen Fähigkeiten beurteilt.

Mädchen mit Tablet

Mädchen lernt mit Tablet. | GettyImages/ mphillips007

Handschrift liegt vorne, aber auch Tablets mit Tastatur können mithalten

Die Kinder der „Bleistift-Gruppe“ konnten Buchstaben am besten erkennen, außerdem verbesserten die Kinder ihre visuell-räumlichen Fähigkeiten am stärksten. Die „Tablet-Tastatur-Gruppe“ schnitt beim Lesen und Schreiben ganzer Worte besser ab. Zwischen beiden Gruppen gab es zwar Unterschiede, die waren aber statistisch nicht signifikant groß.

Die schlechteste Beurteilung erhielt die „Tablet-Stift-Gruppe“ – damit hatten die Forscher gar nicht gerechnet. Kiefer und Arndt können nur vermuten, dass die Touchscreen-Oberfläche (im Vergleich zu Papier) zu rutschig war und den Kindern zu viel Anstrengung beim Schreiben abverlangte.

Handschrift: Zwei Spuren graben sich besser ins Gedächtnis

Fazit: Nach Ansicht der Forscher bringt das Schreiben mit Stift und Papier die meisten Vorteile und die wenigsten Nachteile, sie sind didaktisch zielführend, günstig und technisch weniger störanfällig als digitale Geräte, meint Professor Markus Kiefer. Seiner Ansicht nach bestätigen die Ergebnisse auch, dass Handbewegungen helfen, Buchstaben und Worte zu lernen und einzuprägen. Bei der Handschrift laufen zwei Spuren ab: Die visuelle Gedächtnisspur wird von der motorischen Gedächtnisspur unterstützt. Dabei verknüpft das Gehirn die Form eines Buchstabens mit der passenden Handbewegung, erklärt Kiefer. Die Studie zeigte aber auch die Stärke von digitalen Geräten, mit denen man sehr gut Worte lesen und schreiben kann. Die Wissenschaftler raten deswegen zu einem gesunden Mittelweg. Man sollte im Zuge der Digitalisierung nicht alle Lernmethoden über Bord werfen, sondern an Bewährtem (wie der Handschrift) festhalten und sich gleichzeitig für neue Techniken öffnen. Dabei kann das Tablet eine gute Ergänzung sein. Unsere Kinder werden dankbar sein, wenn sie beides beherrschen.

Mayer, C., Waller, S., Budde-Sprengler, N., Braunert, S., Arndt, P. A., Kiefer, M. (2020). Training of Kindergarten Children With Pencil, Keyboard or Tablet Stylus: The Influence of the Writing Tool on Reading and Writing Performance at the Letter and Word Level. Veröffentlicht in: frontiers in Psychology.

Original Research Article (Studie im Original)

Ulrike Boscher

Diese Seite teilen:

Weitere Informationen

Kategorien: