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30 Jahre WWW – Tim Berners-Lee und die Anfänge des World Wide Web

Jiří Hönes
Tim Berners-Lee (2014)

Tim Berners-Lee (2014) | Paul Clarke/Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Informationschaos am CERN

Heute vor 30 Jahren wurde die Idee für das geboren, was wir heute gemeinhin „das Internet“ nennen, das World Wide Web. Innerhalb dieser drei Jahrzehnte hat das WWW grundlegend verändert wie wir kommunizieren, uns Informationen beschaffen, wie wir einkaufen und wie wir unsere Kontakte pflegen. Doch vieles von der ursprünglichen Euphorie ist verflogen, das WWW ist erwachsen geworden. Nach dem Wildwuchs der 1990er-und 2000er-Jahre geben heute Plattformen großer Konzerne den Ton an, in vielen Ländern ist das freie Internet gar von staatlicher Seite bedroht. Es kann nicht schaden, sich heute wieder den Idealismus vor Augen zu führen, den die Begründer seinerzeit an den Tag legten.

Der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee befasste sich in den späten 1980er-Jahren am europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf mit Informationsmanagement, mehr aus eigenem Antrieb als mit einem offiziellen Forschungsauftrag. Die Situation, die er damals vorfand, kennen wir vielleicht selbst aus mancher Organisation. Personal wechselte schnell, es gab Parallelstrukturen verschiedener Ablagestrukturen für Daten, dazu kamen damals verschiedene Betriebssysteme für Computer und zu allem Übel erstreckte sich das Gelände auf zwei Staaten, die Schweiz und Frankreich. Vieles wurde zwar aufgezeichnet, später aber nicht mehr gefunden: „Die technischen Details vergangener Projekte sind manchmal für immer verloren oder können nur nach detektivischen Untersuchungen in Notfällen wiedergefunden werden“, so Berners-Lee in dem wegweisenden Papier vom 12. März 1989, in dem er seinerzeit seine Idee eines Hypertext-Netzwerks skizzierte.

Er sah die Notwendigkeit eines Informationsnetzes, das wachsen und sich mit den wachsenden Informationen weiterentwickeln kann. Die bis dahin meist genutzten hierarchischen Baumstrukturen sah er als unzureichend an. Die meisten Menschen würden komplexe Systeme eher mit Kreisen und Pfeilen skizzieren als in Form eines Baumdiagramms, führte er aus. Daher sei ein Netz („web“) von Informationen mit Querverweisen nützlicher. Das war die Geburt der hypertextbasierten Netzstruktur, die das WWW bis heute prägt.

Der erste Webserver auf einem NeXTCube

Der erste Webserver auf einem NeXTCube | coolcaesar/Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Ein Informationsnetz, Unabhängig vom Betriebssystem

Berners-Lee war es darüber hinaus wichtig, dass dieses Netz von Rechnern mit unterschiedlichen Betriebssystemen aus erreichbar und dezentral organisiert sein sollte. Ein neues Informationssystem müsse ohne eine zentrale Kontrolle oder Koordination mit bestehenden Datenbeständen verknüpfbar sein. Diese Dezentralität bestimmt bis heute das World Wide Web. Was heute selbstverständlich klingt, war damals so weit von den üblichen elektronischen Informationssystemen entfernt, dass nur wenige Fachleute Berners-Lee überhaupt folgen konnten. Es gilt als Glücksfall, dass sein Chef am CERN zu diesen Menschen gehörte. Mike Sendall sagte später, dass er sich zwar nicht genau vorstellen konnte, was Berners-Lee ihm da vorgelegt hatte, doch er dachte sich, dass es großartig sein müsse. „Vage, aber faszinierend…“ schrieb er daher auf das Deckblatt. Er gab ihm die Freiheit, seine Idee weiterzuverfolgen.

Das Gerät, auf dem Berners-Lee seine Idee nun umsetzte, war ein Computer der Firma NeXT namens NeXTCube. Das heute kaum noch bekannte Unternehmen war von Steve Jobs gegründet worden, nachdem er Apple 1985 im Streit verlassen hatte. NeXT-Computer galten damals als wegweisend, insbesondere wegen der grafischen Benutzeroberfläche des Betriebssystems NeXTStep. Der hohe Anschaffungspreis verhinderte jedoch, dass sie sich bei Privatanwendern durchsetzen konnten und so fanden sie vor allem an Hochschulen Absatz. Als 1989 der erste NeXTCube am CERN angeschafft wurde, pilgerten die Nerds reihenweise in das entsprechende Büro, um das Gerät in Augenschein zu nehmen, so auch Berners-Lee. Er war überzeugt, hier die richtige Hardware für sein Vorhaben gefunden zu haben. Mit Unterstützung seines Kollegen Ben Segal versuchte er, Sendall zu überzeugen, ihm die Anschaffung zweier NeXT-Computer zu genehmigen. Zu ihrer Überraschung stimmt dieser ohne weitere Nachfrage zu und rief Tim noch hinterher: „Warum probierst du nicht die Programmierung deines Hypertext-Dings darauf aus?“

Es dauerte noch einige Monate, bis die Geräte geliefert wurden. Durch Umstrukturierungen war Sendall schon nicht mehr Berners-Lees Chef, doch auch Ben Segal setzte sich für ihn und seine Ideen ein. Von September 1990 an arbeitete Berners-Lee an der Umsetzung seiner Idee und hatte an Weihnachten den Prototypen seines ersten Webbrowsers zusammenstellt, den er zunächst „WorldWideWeb“ nannte. Dieser war noch ein Hybrid aus Browser und Editor. Beim Klick auf einen Link öffnete sich ein neues Fenster. Es gab keine im Text eingebetteten Bilder, sondern diese wurden in separaten Fenstern betrachtet, während die Nutzer im Textfenster weiterscrollen konnten. Es gab aber noch nichts als eine einzige Website, die auf dem einzigen Server lag, Berner-Lees NeXTCube.

Robert Cailliau (1995)

Robert Cailliau (1995) | en:CERN/Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Projektantrag abgelehnt

Mehr als eine Idee war das alles also zu dieser Zeit noch nicht. Um daraus ein offizielles Projekt mit Budget zu machen, brauchte es einen Projektantrag. Hier kommt ein weiterer Kollege ins Spiel, der belgische Informatiker Robert Cailliau. Er stand ebenfalls vor dem Problem, dass er Daten nicht systemübergreifend verwenden konnte und dachte über Lösungen nach. Als Sendall ihn mit Berners-Lee bekannt machte, wurde ihm schnell klar, dass dieser mit seiner Arbeit schon viel weiter war. Es begann eine bemerkenswerte Kooperation, in der Berners-Lee die Entwicklungsarbeit fortführte und Cailliau sich um Anträge die Beschaffung von Fördermitteln kümmerte. Er gilt daher gewissermaßen als „Geburtshelfer“ des WWW. Mike Sendall bezeichnete die beiden als gute Ergänzung, als „brillant, enthusiastisch, innovativ und insgesamt unkontrollierbar“. Ein gemeinsamer Projektantrag wurde zwar zunächst abgelehnt, doch sie ließen sich nicht entmutigen, zumal Sendall sie weiter in ihrem Vorhaben bestärkte. Der zweite NeXT-Computer stand fortan in Cailliaus Büro und ab Ende 1990 verwalteten sie ihr Projekt sozusagen über eine Vorform des Web.

Es entstanden damals die Grundlagen für das WWW, wie wir es heute kennen. Neben dem Browser war es das Hypertext Transfer Protocol (HTTP), das Protokoll zur Übertragung von Daten, sowie der Uniform Resource Identifier (URI), der der eindeutigen Identifizierung eines Dokuments im Netz dient. Heute kennt man vor allem die Unterart Uniform Resource Locator (URL). Tim Berners-Lee war es auch, der die Grundlagen der Textauszeichnungssprache Hypertext Markup Language (HMTL) entwickelte, deren erste Version Ende 1992 erschien.

An die Öffentlichkeit ging er mit seiner Idee 1991. Das Bahnbrechende war nun, dass er auf Patentierung oder Lizenzzahlungen verzichtet und seine Erfindung der Allgemeinheit zur Verfügung stellte. Darin liegt wohl der Schlüssel zum Erfolg, den das WWW in den folgenden Jahren hatte. Am 6. August 1991 wurde schließlich mit info.cern.ch die erste Website der Welt veröffentlicht. Ende 1991 waren weltweit zwölf Server in Betrieb, darunter einer in den USA.

Ein US-Browser führt zum Durchbruch

Im Laufe des Jahres 1992 hatten Cailliau und Berners-Lee die Idee, eine Firma zu gründen, um an Ressourcen zu kommen, die ihnen das CERN nicht zur Verfügung stellte. Doch nach reichlicher Überlegung wurde der Plan wieder begraben. Für Berners-Lee hätte es bedeutet, seine Ideale zu verraten, das WWW wäre vermutlich nie zu dem freien und offenen Standard geworden, wie wir es heute kennen. Er hatte befürchtet, es wäre wegen konkurrierender Firmen am Ende nötig gewesen, zehn unterschiedliche Softwareprogramme zu benutzen, um im Netz zu surfen. Cailliau dagegen glaubt angesichts der zahlreichen Plugins, die heute nötig sind, dass diese befürchtete „Balkanisierung des Web“ dennoch eingetreten ist.

So oder so, den Siegeszug des WWW konnten weder der abgelehnte Projektantrag noch unterschiedliche Ansichten über freie Standards aufhalten. 1993 entstand an der Universität von Illinois in Urbana-Champaign der Browser „Mosaic“, der für zahlreiche Betriebssysteme verfügbar war und zu einem explosiven Wachstum des Web führte. Mit „GeoCities“ gab es ab 1994 eine erste Vorform sozialer Netzwerke, einen Freehoster, bei dem sich private Nutzer/-innen eigene Seiten anlegen konnten. 1995 wurde eBay gegründet. Im Gegensatz zu vielen anderen Konzernen aus dieser frühen Phase des WWW gehört das Online-Auktionshaus noch heute zu den großen Playern, was für AOL, Netscape Communications, Yahoo und andere nicht gilt.

Das freie WWW in Gefahr

Heute, 30 Jahre nach der Initialzündung, beherrschen wenige große Konzerne das Internet-Business: Facebook, Amazon, Google, Apple, dazu kommen regionale Unternehmen wie die Alibaba Group in China oder Yandex in Russland. Repressive Regimes schränken die Nutzung des WWW für ihre Bürger/-innen ein und in Europa läuft aktuell eine heiße Diskussion um die Reform des Urheberrechts und drohende Uploadfilter. In den USA ist die Netzneutralität, also die Geichbehandlung von Daten bei der Übertragung im Internet, im vergangenen Jahr zumindest auf gesetzlicher Ebene gefallen und in Russland träumt man von einem „autonomen Internet“ – alles Entwicklungen, die den Gedanken Berners-Lees entgegenlaufen.

Wenn Sie angesichts dessen einen nostalgischen Blick zurückwerfen möchten, können Sie dies mit dem Nachbau des ersten Browsers „WorldWideWeb“ von Tim Berners-Lee tun. Sie können damit jede beliebige URL aufrufen, doch ganz so einfach wie mit Firefox oder Chrome geht das nicht. In Worldwideweb müssen Sie zuerst in der Seitenleiste „Document“ und in dem folgenden Menü auf „Open from Document Reference“ klicken. Danach öffnet sich ein Fenster, in dem Sie die Adresse der Website eingeben und bestätigen können. „http://“ oder „https://“ nicht vergessen! Viel Spaß!

Die ganze Geschichte lesen Sie in „Die Wiege des Web“ von James Gillies und Robert Cailliau, Heidelberg 2002.

CERN 2019 WorldWideWeb Rebuild

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