Wohin geht die mediatisierte Reise in der Schule?

Ingrid Bounin
Mädchen mit Tablet

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Always on

Wir leben in einer mediatisierten Gesellschaft – sagt zumindest die Wissenschaft. „Fast alles, was wir heute tun ist mediatisierte Kommunikation“, erläuterte zum Beispiel Professor Andreas Breiter bei der Innovationswerkstatt „Lernen mit mobilen Endgeräten“ in Düsseldorf. Nahezu alle gesellschaftlichen und persönlichen Bereiche seien davon erfasst. „Always on“ sei nicht nur die neue Lebens- und Kommunikationsform im Alltag, sondern auch in Ausbildung und Beruf.

Doch in einem Bereich kommt die Mediatisierung offenbar allenfalls langsam voran, und das ist laut Professor Breiter die Schule. Erst jüngst hat die International Computer and Information Literacy Study (ICILS) erneut gezeigt, dass deutsche Schülerinnen und Schüler lediglich Mittelmaß sind im internationalen Vergleich bei computer- und informationsbezogenen Kompetenzen. Dort heißt es: „Achtklässlerinnen und Achtklässler in Deutschland erreichen mit einem Mittelwert von 523 Leistungspunkten ein Kompetenzniveau, das sich im internationalen Vergleich im Mittelfeld der Länderrangreihe  einordnet.“

Andreas Breiter beschrieb verschiedene Szenarien des schulischen Umgangs mit den Herausforderungen der digitalen Medien: manche versuchten beispielsweise den „Virus“ mit einem Handyverbot aus der Schule draußen zu halten, andere versuchten „zu impfen“, etwa mittels eines Internet-Führerscheins, wieder andere ließen sich auf Tests ein, zum Beispiel mit „Bring your own device“ (BYOD). Wobei Breiter dafür plädierte, dass Schulen BYOD durch „Bring your own application in the cloud“ (BYOAITC)“ ersetzen, denn das sei der Trend. „Und wenn Schulen diese Applikationen nicht anbieten, dann gehen die Anwender fremd.“ Beobachten könnten wir das heute schon, nämlich am Beispiel Facebook, das in Ermangelung eines ähnlichen Angebots inzwischen sicher „das beliebteste Learning Management System der Welt“ sei.

An der Notwendigkeit von Medienbildung und der Vermittlung von IT-Kenntnissen an Schulen ließ Breiter keinen Zweifel. Online-Lernen werde in jedem Fall zunehmen. Die Technik und Internet sollten künftig „anytime, anywhere“ zugänglich sein, das heißt: zeit- und ortsunabhängig.

Um Medienbildung voranzubringen, seien verschiedene Faktoren zu beachten:

  • Zunächst sicher die Ausstattung von Schulen/Lehrkräften zum Beispiel mit entsprechenden Arbeitsplätzen, einer E-Mail-Adresse für Lehrer und Schüler, einem sicheren und performanten Internetzugang etc.

  • Der technische, aber auch pädagogische Support muss gewährleistet sein.

  • Die medienpädagogische Kompetenz der Lehrkräfte muss aus- bzw. weitergebildet werden.

  • Es müssen verbindliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, wie Curricula, Bildungspläne und auch externe Evaluation.

  • Es ist eine Schulkultur zu entwickeln, die eine Offenheit gegenüber Neuem beinhaltet.

  • Und auch die Einstellungen und Orientierungen von Lehrkräften müssten sich gegenüber den digitalen Medien öffnen.

Wie die ICIL-Studie, die Initiative „Keine Bildung ohne Medien“ und viele andere forderte auch Professor Breiter, dass Medienbildung verpflichtend in die Lehrerausbildung aufgenommen werden müsse. „Hier gibt es vermutlich noch den größten Nachholbedarf“.

Richard Heinen, Mitarbeiter am Learning Lab der Universität Duisburg-Essen ergänzte diese Befunde durch eigene Erfahrungen mit dem Projekt School IT. Die Lernenden (in Nordrhein-Westfalen und Holland) greifen dabei über ihre Privatgeräte auf das gesicherte und mit einem Filter ausgestattete WLAN-Netz der Schule zu. Sollten einzelne Lernende privat kein entsprechendes Gerät besitzen, wird ihnen dieses von der Schule bereitgestellt. Die digitalen Geräte sollen von den Schülerinnen und Schülern während der Projektlaufzeit fachübergreifend und konsequent als Arbeitsmedien genutzt werden. Ziel ist es insgesamt, denkbare Maßnahmen und Konzepte zur Entwicklung hin zur Medienschule zu entwickeln. „‚Bring your own device‘ ist übrigens kein Sparmodell, wie manche Schulträger vielleicht hoffen. Vielmehr ergänzen die schülereigenen Geräte die schulische IT-Infrastruktur, ersetzt sie aber nicht“, so Richard Heinen. Aus seiner Sicht sind diese digitalen Geräte sehr sinnvoll,

  • um das kooperative Arbeiten zu fördern,

  • individuelles Lernen bzw. Lerntempo zu ermöglichen,

  • individuelle Förderung von einzelnen Schüler/innen zu leisten

  • in Inklusionsklassen, weil sie ein individuelles Vorgehen ermöglichen

„Alles beginnt bei der Schulleitung“, so Richard Heinen. Die Schulleitung müsse hinter einem solchen Ansatz stehen. Darüber hinaus empfiehlt es sich, eine Steuergruppe einzurichten, die den Prozess der Umsetzung des BYOD-Ansatzes koordiniert. Schließlich könnten freiwillige Pilotlehrkräfte loslegen, für die unbedingt Zeit für Austausch eingeplant werden sollte, um schließlich das ganze Kollegium einzubeziehen.

Erforderlich sind außerdem:

  • Offenes, sicheres Internet als Anfangsinvestition

  • Eine ausreichende WLAN-Vernetzung, ebenfalls eine Anfangsinvestition

  • Transparente Regeln z.B. für Handynutzung (einerseits schulweite Regeln, andererseits Klassenregeln)

  • Präsentationsmedien wie Beamer, ein Geräte-Pool zur Ausleihe, der das ergänzt, was die Kinder selbst mitbringen

  • Technischer Support und Finanzierung nötig, Richard Heinen erwähnte in diesem Zusammenhang die Niederlande, wo zwei festangestellte IT’ler an jeder Schule beschäftigt sind. Diese Aufgabe wird dort nicht von Lehrkräften übernommen.

  • Handyverbote müssten fallen, sonst sei das Klima noch immer medienfeindlich.

 

Weitere Informationen zum Lernen mit mobilen Endgeräten

Ingrid Bounin

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