Wölfe im Schafspelz – rechtsextreme Propaganda im Netz

Anja Lochner
Aytekin Celik

Aytekin Celik | Annette Friedrichs

Der Trend geht zum Netzwerk

Im Netz finden sich zahlreiche rechtsextreme Inhalte. Dabei geht der Trend weg von den klassischen Webseiten hin zu Auftritten auf sozialen Plattformen wie Facebook oder Youtube, wo sie populistische Themen aufgreifen und mit vermeintlich harmlosen Parolen für rechte Hetze sorgen. Bei den Stuttgarter Tagen der Medienpädagogik, die am 15. März 2016 in Stuttgart-Hohenheim stattfanden, sprach Aytekin Celik über diverse Strategien der rechtsextremen Szene im Netz und gab Tipps, wie man sich medienpädagogisch mit diesem Thema auseinandersetzen kann. Celik ist beim Stadtjugendring (SJR) sowie als medienpädagogischer Referent für das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) tätig und lehrt an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Sozialinformatik und Medienpädagogik.

„Das Problem beim Internet ist nicht, dass alle mitmachen, posten und ihre Meinung äußern dürfen“, eröffnete Celik seinen Vortrag. „Das Problem sind missbrauchte Technologien.“ Als Beispiele nannte er Kinderpornografie, Waffenhandel, Menschenhandel oder eben Rechtsextremismus. Dabei sind rechtsextreme Inhalte im Internet beinahe so alt wie das Netz selbst. Nutzten Rechtsextreme in den 1980er-Jahren diverse Newsgroups im Usenet, fand man entsprechende Einträge Mitte der 1990er-Jahre auf Webseiten. Zurzeit gewinnt Social Media an Bedeutung, konstatiert Celik: „In den sozialen Netzwerken werden die Inhalte gepostet und geteilt. Die Webseiten werden inzwischen als Archive verwendet.“

Rechte Seiten, Angebote, Gruppen: ein Überblick

Auf Facebook beispielsweise sind „alle rechtspopulistischen Parteien vertreten, auch die NPD“, so Celik, „die werden zwar zwischenzeitlich abgeschaltet, tauchen aber immer wieder auf.“ Die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (kurz: Pegida) hetzen auf Facebook gegen Einwanderung, den Islam und die Medien, die Engagierten Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas (EnDgAmE). Die AfD feierte jüngst 250.000 Likes, und auch Die Rechte sowie Der III. Weg, eine „klar neonazistische Partei“, findet man hier. Manche Rechtsradikale lehnen Facebook allerdings aus antisemitischen Gründen ab, da dessen Gründer Mark Zuckerberg jüdische Wurzeln hat. Eine Alternative zu Facebook stellt für diese Leute das Netzwerk vk.com dar, das im russischsprachigen Raum entwickelt wurde und zur Mail.ru Group gehört. Da im größten europäischen Netzwerk relativ wenig zensiert wird, ist vk.com mittlerweile zum Sammelbecken für Rechte avanciert. Dort findet sich beispielsweise Facebook-Hetze gegen Mark Zuckerberg im Sinne von „Was macht ihr in dem jüdischen Netzwerk?!“ Ein anderes Netzwerk, Fumano.com, wirbt gezielt mit Meinungsfreiheit und blockiert bzw. zensiert gar nichts. Hier postet u.a. die rassistische White-Power-Bewegung. Auf der Videoplattform youtube findet die Kommunikation von Rechtsradikalen ganz offen über die Kommentarfunktion statt, z.B. bei Videos der Böhsen Onkelz, von Freiwild, Kategorie C oder Landser.

Strategien der Rechten

Weil die Facebook-Community recht schnell auf offenkundig rechtsradikale Äußerungen reagiert und diese meldet, weichen Rechtsextreme verstärkt auf (rechts-)populistische Aussagen und Kampagnen aus. Celik sieht einen aktuellen Trend der rechtsextremen Szene darin, dass sie populäre Themen besetzt, die viele Menschen beschäftigen: D-Mark statt Euro, Islamkritik, Schutz von Frauen, Kinder und Familie oder Umweltschutz in Verbindung mit Heimatschutz. Informationen werden so aufbereitet, dass sie sich am Rande der Legalität befinden: „Oft werden gesellschaftlich wichtige Fragestellungen unter dem Deckmantel z.B. des Umweltschutzes, des Kinderschutzes, der Friedenssicherung oder der Tierrechte dazu missbraucht, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu erreichen.“ Diese Themen werden strategisch „so in Szene gesetzt, dass man nebenbei noch hetzen kann, z.B. mit Parolen wie ‚Todesstrafe für Kinderschänder!‘“, kritisiert Celik. Sätze wie „Stoppt Tierversuche, nehmt Kinderschänder!“ werden beispielsweise in veganen Gruppen „ernsthaft diskutiert, eingespeist von Neonazis“. Der Zweck dieser Parolen ist klar: Emotionen ansprechen, Ängste schüren. Dass mit derartigen Aussagen das Grundgesetz angegriffen wird, ist vielen Leuten nicht bewusst. Celik warnt: „So funktioniert Populismus: Das Einfache wird geglaubt. Unterschätzen Sie niemals die Macht der einfachen Worte und der Bequemlichkeit. Oder frei nach Tucholsky meinte: Unterschätzen Sie niemals die Macht von Dummen Menschen in großen Gruppen.“

Auch der Schutz von Mädchen und Frauen wird gerne von Rechten benutzt, um sich zu inszenieren. So sieht sich beispielsweise die islamfeindliche und äußerst gewaltbereite Vereinigung Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) als Beschützer und Retter von Frauen – oder auch Obdachlosen: „Ausgerechnet die, die sich früher weder für Frauenrechte noch für Obdachlose interessiert haben, verteidigen sie jetzt.“ Bilder und Videos von eskalierenden Kundgebungen und Ausschreitungen landen dann in den sozialen Netzwerken. Für Celik stehen dabei vor allem das aggressive Männlichkeitserlebnis und die martialische Selbstinszenierung im Vordergrund: „Die Bilder sind notwendig, die Art des Vernetzens ist wichtig: Es geht um die Inszenierung.“

Zudem übernehmen einige rechtsextreme Gruppen auch das optische Erscheinungsbild oder Symbole von anderen Gruppierungen, oder aktuell kursierende Meme. Die sogenannte Identitäre Bewegung beispielsweise, die ihre Wurzeln in Frankreich hat (Génération identitaire), greift Motive wie Jugend, Freiheit, Zugehörigkeit und Selbstverwirklichung auf, versieht sie mit popkulturellen Elementen und besetzt sie rechtspopulistisch. Die zentrale Idee ist die „Reinhaltung“ der nationalen bzw. europäischen Identität. Menschen werden demnach als Zugehörige oder Fremde in Bezug zu einer Kultur gesetzt, wobei Fremde als Bedrohung für die eigene Identität gesehen werden. Diese relativ neue völkische, rassistische, demokratie- und islamfeindliche Ideologie betont gleichzeitig in ihren Werbefilmen: „0 % Rassismus“. Die Hacker-Bewegung Anonymous samt ihren Guy-Fawkes-Masen wiederum wird vom rechtsextremen Anonymous.Kollektiv okkupiert: Die Facebook-Seite „Anonymous“ ist ein rechter Fake. Auch das Meme „Keep calm and carry on”, ursprünglich eine Durchhalteparole des britischen Empires im Zweiten Weltkrieg, erfährt aktuell nicht nur eine Renaissance im popkulturellen Zusammenhang („Keep calm and eat a cookie“, „Keep calm and be a unicorn“, „Keep calm and listen to robbie Williams“ usw.), sondern wird leider auch besetzt von Rechtsextremen, wie z.B. im Fall von „Keep calm and Sieg Heil“ und „Keep calm and listen to Landser“ (Landser ist eine rechtsextreme Band).

Medienpädagogische Aktionen gegen Rechts

Celik stellte außerdem einige medienpädagogische Aktionen vor, mit denen sich Rechtsextremismus mit Jugendlichen bearbeiten lässt. Die AfD bediente beispielsweise beim jüngsten Wahlkampf das Motiv der Frauenretter: Auf einem Plakat war ein weinendes Mädchen zu sehen, im Hintergrund zahlreiche dunkle, bedrohliche Männergestalten. Der Slogan dazu lautete: „Mehr Sicherheit für unsere Frauen und Töchter!“ Hilfreich für eine Bildrecherche sind Fragen wie: „Was sind das für Bilder? Wo kommen die her? Wurden die verändert?“ In diesem Fall kommt dabei heraus, dass es sich um Stockfotografie handelt, wobei dem Mädchen für das Wahlplakat noch eine Träne ins Gesicht montiert wurde.

Celik rät außerdem, sich mit rechtsextreme Sprachcodes  und Symbolen  zu beschäftigen, um diese zu erkennen. So verweisen Begriffe wie z.B. Kulturbereicherer, Weltnetz (antiamerikanisch für Internet), T-Hemd (antiamerikanisch für T-Shirt) oder Lügenpresse auf einen rechtsradikalen Hintergrund, auch die nordische Götterwelt (Thor, Odin, Loki etc.) mit Motiven wie Kampf, Sieg oder Walhalla ist recht beliebt. Eine weitere Empfehlung Celiks ist ein Angebot des Stadtjugendrings Stuttgart: Bei Stadterkundungen kann man an bestimmten Stationen MP3-Dateien zur Geschichte Stuttgarts in der NS-Zeit anhören. Man kann auch mit Jugendlichen auf Plattformen wie z.B. memegenerator.net eigene Meme erstellen und so zeigen, wie einfach sich Bilder mit Botschaften generieren lassen. Oder einen Hate Slam organisieren, dort Hassbotschaften vorlesen und eine Inszenierung daraus machen. Auch Argumentationstraining ist eine wichtige Maßnahme gegen rechtsextreme Inhalte. Abschließend rät Celik jedoch vor allem eins: „Wir müssen uns erfreuen und feiern können und nicht in Sack und Asche rumlaufen – Spaß ist ganz, ganz wichtig!“

Unterrichtsideen, Links und weiterführende Informationen zum Rechtsextremismus in den Medien finden Sie in unserem Themenbereich Extremismus.

Anja Lochner

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