„Wir brauchen Mut, Verantwortung, Reflexion, Teamarbeit und Programmieren“

Ingrid Bounin
Innenminister Thomas Strobl

Innenminister Thomas Strobl beim Festival für digitale Bildung in Heidelberg. | Steffen Schmid, Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg

Die Macht künstlicher Intelligenz

Ein bemerkenswerter Appell stand am Ende der Ausführungen von Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky beim Festival für digitale Bildung am 4. Juli 2018 in Heidelberg: „Selbst wenn Sie zu den Skeptikern in Bezug auf die Digitalisierung gehören“, bat er, „bitte halten Sie nicht Kinder und Jugendliche davon ab, digitale Technologien und Angebote in die Hand zu nehmen, sich damit auseinanderzusetzen und sie auch zu gestalten, denn Kenntnisse und Fähigkeiten in diesem Bereich sind für sie künftig entscheidend – völlig unabhängig wie Sie dazu stehen“.

Janszky zeigte einige Entwicklungen auf, die uns in den nächsten 15 Jahren erwarten: Die Menschen werden durchschnittlich länger leben als bisher und zwar länger bei guter Gesundheit. So erlaubt Künstliche Intelligenz, also eine Software, die Daten auswertet, schon heute eine exaktere und vor allem viel frühere Vorhersage z.B. von Lungenkrebs bei einem Patienten als das Ärzte können.  

Die Vorhersagen von menschlichen Handlungen, Problemen und möglichen Lösungen werden ganze Handels- und Fertigungsabläufe fundamental verändern. Neudeutsch etwa „Predicted Entreprise Software“. Sie ist bereits vielfach im Versandhandel im Einsatz und sagt den Händlern voraus, welche Ware demnächst von uns – den Kunden – geordert wird. In Call-Centern ist entsprechende Software in der Lage vorherzusagen, welches Problem der nächste Anrufer gleich am Telefon ansprechen wird. 

Eines erscheint Janszky sicher: Standard-Produkte oder Standard-Services wird es in zehn, 20 oder 30 Jahren nicht mehr geben. „Denn wenn Sie als Lehrer beispielsweise über ein entsprechendes digitales System in Echtzeit Rückmeldung erhalten, dass Schüler A und Schüler K gerade bei einem Punkt im Unterricht nicht mehr mitkommen, dann werden Sie hingehen und eine individuelle Möglichkeit für die Schüler anbieten, den Sachverhalt zu verstehen und nicht mit ihrer Standard-Erklärung weitermachen“. Adaptive, situative, auf den Einzelnen zugeschnittene Lösungen seien die Zukunft. Genauso würden sich Firmen aufgrund solcher Echtzeit-Rückmeldungen, die erst durch Digitalisierung möglich sind, jeweils individuelle Lösungen für einzelne Kunden überlegen, um sie nicht zu verlieren.  

Wir werden Quantencomputer kennenlernen, die derzeit entwickelt werden und einerseits wesentlich kleiner sind und gleichzeitig ein Vielfaches an Rechnerleistung mitbringen als bisherige Rechenzentren. Google ist übrigens eines der fünf Unternehmen, die derzeit weltweit an dieser Entwicklung arbeiten.

Der Mensch in der digitalen Zukunft

Auch eine Devaluation – Entwertung – des Expertentums sagt Janszky voraus, etwa bei Ärzten, Apothekern, Ingenieuren, Beratern, Wissenschaftlern, Lehrern und vielen anderen hochqualifizierten Berufen, die wir heute kennen. Allerdings: „Dass wir alle unsere Jobs verlieren, wie häufig behauptet wird, ist Quatsch. Ich sage, dass die Vollbeschäftigung, die wir heute haben, noch mindestens bis 2040 anhält. Bis dahin werden wir Antworten auf die Veränderungen in der Berufswelt gefunden haben und die Menschen werden sich mit anderen Dingen beschäftigen und andere Berufe haben als heute“.

Und was müssen wir künftig können? „Mut, Verantwortung, Reflexion, Teamführung, Teamarbeit, Programmieren, Regeln hinterfragen und brechen, das können Computer nämlich nicht“, so die Antwort des Zukunftsforschers.

Hier stimmte der Wissenschaftler mit den Ausführungen des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann überein, der bei der Begrüßung der rund 1200 Teilnehmer/-innen des „Festivals für digitale Bildung“ einmal mehr einen Philosophen zitierte: Immanuel Kant. Es gehe noch immer um Aufklärung und um die Befreiung des Menschen aus seiner Unmündigkeit. „Gerade in Zeiten entgrenzter Lebenswelten kommt es auf die Urteilsfähigkeit der Menschen an. Und es muss der Zweck der Bildung sein, Urteilskraft zu entwickeln“, so Kretschmann. „Wir wissen heute noch nicht genau, wie die digitale Welt einmal aussehen wird. Aber wir können darüber nachdenken, welche Leitplanken wir einziehen müssen, damit es in die richtige Richtung geht“. In allen Bereichen komme es daher auf Bildung für eine digitale Welt an. „Die Bildung ist ganz entscheidend für individuelle Lebenschancen. Sie entscheidet über wirtschaftliche Situation, soziale Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Die Digitalisierung verändert auch hier die Welt“, betonte der Digitalisierungsminister Thomas Strobl bei der Veranstaltung. Die Landesregierung packe das Thema digitale Bildung ressortübergreifend an, von der Schule, über die Ausbildung bis zur Weiterbildung, also entlang der gesamten Bildungsbiographie. „Wir investieren rund 70 Millionen Euro in die digitale Bildung. Fünf Ressorts arbeiten dafür Hand in Hand, über Ressortgrenzen hinweg, an ganz konkreten Maßnahmen. Dabei bestimmt die Pädagogik den Einsatz der Instrumente. Nicht andersherum“.  

Das Festival für digitale Bildung war der Auftakt einer Veranstaltungsreihe der Landesregierung Baden-Württemberg zu zentralen Themen der Digitalisierungsstrategie digital@bw. 

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