Von interaktiven Kaffeemaschinen und einem paranoiden Facebook-Chef – Markus Beckedahl spricht beim Verbrauchertag über Datenschutz

Sascha Schmidt
Datenschutz

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Meine Daten gehören mir – oder etwa nicht?

„Meine Daten gehören mir – oder etwa nicht?“ – Diese Frage stand im Mittelpunkt des Verbrauchertags Baden-Württemberg 2018. Smart Home Geräte sind inzwischen in den meisten deutschen Haushalten zu finden. Neben vernetzten Kaffeemaschinen und Kühlschränken zählt Sprachassistentin Alexa zu den bekanntesten Vertretern der digitalen Alltagshelfer. Laut Prognosen werden bis zum Jahr 2020 weltweit mehr als 20 Milliarden vernetzte Geräte genutzt und jeder vierte deutsche Haushalt ist ein Smart Home, so Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Die hierbei erhobenen Daten sind wie ein Rohstoff anzusehen und die Datenmengen werden nicht weniger – im Gegenteil: Die jährliche Wachstumsrate an digitalen Daten weltweit beträgt mehr als 30 Prozent. Wie diese Daten verarbeitet werden und was mit diesen Daten schlussendlich geschieht, bleibt oft ungewiss. Die hierbei verwendeten Algorithmen bezeichnete die Staatssekretärin als Black Box und plädiert für eine eigentumsähnliche Verwertung von personenbezogenen Daten.

Sprechende Computer als Zukunftsvision

Markus Beckedahl, Netzaktivist und Gründer von netzpolitik.org, berichtete, dass sein größter Wunsch als Jugendlicher stets ein sprechender Computer war. Heute ist die Sprachsteuerung keine Zukunftsvision mehr, sondern in allen erdenklichen Geräten integriert. Jedoch muss man sich inzwischen fragen, ob man jenen Geräten überhaupt noch Vertrauen schenken kann. Für Beckedahl ist die Antwort klar: Er vertraut den Unternehmen hinter den Smart Home Geräten nicht und dennoch macht sich die Gesellschaft abhängig von ihnen. Von wem wir in Sachen Schutz der Privatsphäre noch viel lernen können, sei Mark Zuckerberg. In einem geposteten Foto des Facebook-Chefs aus dem Jahr 2016 kann man erkennen, dass dessen Laptop-Kamera und -Mikrofon mit Klebeband abgedeckt sind. Ein Paradoxon im wahrsten Sinne des Wortes, wenn selbst der Unternehmenschef einiger der größten Datensammeldienste solche Maßnahmen ergreift.

Die Kaffeemaschine als Spion in der Küche

Eine grundsätzliche Herausforderung beim Schutz der eigenen Daten sei der Umgang mit Software-Updates, so Beckedahl. Die smarte Kaffeemaschine mag zwar beim Kauf „sicher“ sein, aber was passiert danach? Inwiefern ändern Software-Updates die Datenverarbeitungsprozesse und was passiert, wenn es keine Sicherheitsupdates mehr gibt? Die Unternehmen haben schließlich in der Regel kein großes Interesse daran, alte Geräte über Jahre mit Updates zu versorgen. Beckedahl fordert deshalb klare Regeln gegen intransparentes Tracking. Nutzerinnen und Nutzer sollen selbst bestimmen, welche Daten sie zu welchem Zweck freigeben möchte. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild: Voreingestellt ist meist der großzügige Zugriff der Geräte auf sämtliche Daten und die Nutzer/-innen können allenfalls nach der Inbetriebnahme Zugriffsrechte einschränken. Auch im Bereich des Offline-Tracking sind klare Regeln gefordert. Wenn beispielsweise ein Supermarkt kostenfreies WLAN anbietet, so wird dies von den Kunden meist als Service-Leistung wahrgenommen. Dass der Supermarkt hierdurch jedoch noch einen anderen Nutzen hat, ist vielen unklar. Denn durch den WLAN-Zugriff kann der Betreiber die Standortdaten der Kunden verfolgen, um so Rückschlüsse darauf zu ziehen, welche Bewegungsrouten die Kunden im Markt wählen und welche Produktgruppen für sie von Interesse sind. Auch Cambridge Analytica sei nur als die Spitze des Eisbergs zu betrachten, so Beckedahl in seinem Vortrag. Das Unternehmen, das in Zusammenhang mit dem Datenskandal auf Facebook und den hierbei eingesetzten Manipulationsmechanismen im Rahmen der US-Präsidentschaftswahl Schlagzeilen machte, sei lediglich ein Beispiel für Firmen, welche die Grauzonen der Datenverarbeitung missbrauchen.

WhatsApp ist überall

Vom ursprünglichen Gedanke des Internets als dezentralisierter Marktplatz sei inzwischen wenig übriggeblieben. Stattdessen weiten Internetriesen wie Google, Amazon oder Facebook ihre Monopolstellungen weiter aus. Wirft man einen Blick in die Nutzungsbestimmungen bekannter Dienste, so wird einem schnell klar, dass die Nutzer/-innen vor allem Pflichten, jedoch kaum Rechte haben. Alle jene Beispiele zeigen für Markus Beckedahl, wie notwendig es ist, die Landesdatenschutzzentren sowohl personell als auch technisch besser auszustatten. Seiner Meinung nach sollten sie wesentlich mehr Befugnisse erhalten und ähnlich der Tätigkeit von Steuerfahndern Überprüfungen vornehmen können.

Ein anderer Ansatz ist es für Beckedahl, bewusst der Monopolstellung von Facebook und Co. entgegenzuwirken. Hierbei sei vor allem der Messenger-Dienst WhatsApp hervorzuheben. Dieser habe sich innerhalb kürzester Zeit in unseren Alltag „eingefressen“, so Beckedahl. Man kommt einfach nicht an ihm vorbei und es ist als Lehrkraft äußerst unwahrscheinlich, die Eltern beim Elternabend davon zu überzeugen, ihre Elterngruppe zu einem Messenger wie Signal zu verlagern. Deshalb wünscht sich Beckedahl, dass datenschutzkonforme Anbieter von sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten besser gefördert werden.

Wer entscheidet über richtig oder falsch?

Eine weitere Herausforderung der heutigen Gesellschaft ist der Umgang mit Inhalten in den sozialen Netzwerken. Netzaktivist Beckedahl wies in diesem Kontext auf die ARD/Arte-Dokumentation The Cleaners hin, die sich mit sogenannten Content-Moderatoren beschäftigt. Diese arbeiten zu zehntausenden für einen Niedriglohn auf den Philippinen und entscheiden darüber, welche Postings in Social Media bleiben dürfen und welche gelöscht werden. Denn durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wurden laut Beckedahl Rechtsentscheidungen privatisiert, was zu einem großen Problem führt. Schließlich entscheiden so nicht Gerichte, welcher Content rechtskonform ist und welcher nicht, sondern die Unternehmen selbst in Form von Content-Managern oder Algorithmen. Der Arbeitsmarktservice Österreich, der in seinen Tätigkeiten mit dem deutschen Jobcenter zu vergleichen ist, soll ab 2019 eine neue Software zur Vermittlung von Arbeitssuchenden einsetzen. Diese trifft Entscheidungen auf Basis gesammelter Daten zu den jeweiligen Personen und hat angeblich eine Trefferquote von 85 Prozent. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass sie für jeden Siebten eine falsche Entscheidung trifft. Algorithmen sind also keineswegs unfehlbar und müssen deshalb umso mehr transparent gemacht werden.

Medienkompetenz zu vermitteln, ist für Beckedahl heutzutage eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung, die sowohl sehr komplex als auch enorm kostspielig sei. Bürgerinnen und Bürger benötigen mehr Werkzeuge zur digitalen Selbstverteidigung und hierfür sollten Fördermittel bereitgestellt werden. Nur auf diese Weise kann den modernen Datenverarbeitungsprozessen begegnet werden.

Der Verbrauchertag Baden-Württemberg zum Thema „Meine Daten gehören mir – oder etwa nicht?“ fand am 22. Oktober 2018 im Kultur- und Veranstaltungszentrum „Das K“ in Kornwestheim statt. Veranstaltet wurde er vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg.

Sascha Schmidt

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