Transmediale Literatur – die Zukunft des Lesens?

Stephanie Wössner

Das Lesen hat an Bedeutung nicht verloren

Es ist keineswegs so, dass digitale Medien analoge Medien wie Bücher, Zeitungen und Zeitschriften ganz aus dem Leben der heutigen Jugend verdrängt haben – auch wenn diese Sorge unter Buchliebhabern und Verfechtern des kulturellen Erbes der gedruckten Schrift regelmäßig laut wird. Laut der JIM-Studie 2017 lesen zwar 18 Prozent aller Befragten gar nicht, etwa 40 Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren hingegen tun dies mindestens mehrmals pro Woche zum reinen Vergnügen, also nicht für die Schule. Diese Zahl ist seit 2006 fast konstant geblieben, wobei es einen überdurchschnittlichen Anteil an Mädchen und Gymnasiastinnen und Gymnasiasten gibt. Auch Lese-Experten wie Simone Ehmig sind der Meinung, dass das Lesen an Bedeutung nicht verloren hat:

„‚Die digitalen Medien gehen nicht auf Kosten der Nutzung von Büchern‘, sagte Ehmig. Wer früher gelesen habe, lese auch heute. Was sich etwas verändere sei die Lesedauer, die bei den Printmedien ein wenig zurückgehe. Wer digitale Medien nutze, lese sehr viel, sei es bei Facebook oder anderswo im Internet. ‚Das bedeutet, dass wir, wenn wir digitale Medien nutzen, erstens wahrscheinlich so viel lesen wie noch nie in der Geschichte vorher und dass wir auch lesen können müssen, um digitale Medien zu nutzen.‘ Bei den meisten Anwendungen sei Lesekompetenz notwendig.“ (Deutschlandradio Kultur 03.01.2017)

Im Zeitalter von Kindle & Co ist das gedruckte Buch also zwar längst nicht obsolet geworden, jedoch gibt es seit einigen Jahren einen neuen Trend in der Buchwelt: sogenannte transmediale Literatur.

Was ist transmediale Literatur?

Von transmedialer Literatur spricht man, wenn es neben dem Buch ein direkt oder indirekt zugehöriges Zusatzangebot in verschiedenen Medien gibt. Die Nutzung dieser Zusatzangebote ist meist nicht nötig, um der Handlung des Buchs zu folgen, aber es hilft dabei, weiter in das Universum der Hauptfiguren einzutauchen und andere Perspektiven einzunehmen. Sie hängen ab von der Aktivität des Lesers, der so mit dem Buch interagiert. Das heißt, dass diese multimedialen Elemente das Buch multimedial erlebbar – und potenziell attraktiver für die heutigen Leserinnen und Leser – machen. Der Leseprozess wird persönlicher, je nachdem, welche Zusatzangebote die Leserin oder der Leser nutzt – sofern dies überhaupt geschieht. Die besten Beispiele für gewollt transmedial konzipierte Literatur stammen aus dem Thriller-Genre, bei dem das Erlebnis der Interaktion vermutlich am beeindruckendsten ist. Versteht man den Begriff der Transmedialität etwas umfassender, gehören allerdings auch Musical-Adaptierungen und Fanfiction, also Werke, die nicht vom Autor des Urtexts stammen, zu diesem transmedialen Universum.

Night Film: Buch & App

„Night Film“ von Marisha Pessl ist ein Beispiel transmedialer Literatur, welches in digitaler und in gedruckter Form vorliegt. Der Unterschied zwischen der traditionellen, gedruckten Ausgabe und dem digitalen Buch besteht lediglich darin, dass in der digitalen Version am Anfang darauf hingewiesen wird, dass Zusatzinhalte über eine App abrufbar sind, während in der gedruckten Ausgabe offenbar vom traditionellen Leser ausgegangen wird, sodass dieser Hinweis erst am Ende des Buchs erscheint.

In „Night Film“ geht es um die Aufklärung des Todes der Tochter eines bekannten und zum Mythos gewordenen Produzenten von Horrorfilmen. Der Journalist Scott McGrath begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit um den mysteriösen Tod – oder Selbstmord? – des Mädchens. Formal ist das Buch nicht in rein linearer Textform geschrieben, sondern es gibt viele Stellen, die andere Medien abbilden, wie zum Beispiel E-Mails und Webseiten. Mit der dazugehörigen App (welche nur für das amerikanische Original zur Verfügung steht) gelangt man an Zusatzcontent wie zum Beispiel Filme und Audioaufnahmen, die die Handlung ergänzen. Ob und wie umfassend dies geschieht, bleibt der Leserin oder dem Leser überlassen. Die App basiert auf dem Prinzip von Augmented Reality, denn wenn man mit ihr das wiederkehrende Symbol eines Vogels scannt, gelangt man wie durch Magie zum multimedialen Inhalt. Inzwischen sind diese ergänzenden Medien auch auf der Website der Autorin verfügbar. In der deutschen Übersetzung wurden die Inhalte der App lediglich verschriftlicht, was dem Leser weniger Autonomie zugesteht. Daher lohnt es sich, die englische Version zu lesen. 

Enhanced E-Books als Sonderform transmedialer Literatur

Im Gegensatz zu transmedialer Literatur, die verschiedene Medien integriert, die wie bei „Night Film“ über eine App abgerufen werden können, gehen enhanced E-Books noch einen Schritt weiter, indem sie den Sprung ins andere Medium durch Verlinkung weitaus einfacher und damit den Leseprozess flüssiger machen. Dies bedeutet unter Umständen, dass man die Fiktion nicht gedanklich verlässt, weil man zuerst sein Smartphone herausholen und die App starten muss. Auch werden weniger Geräte benötigt, denn wenn man mit einer App Symbole im E-Book scannen muss, braucht man zwangsläufig zwei Geräte zur Hand. 

Deathbook von Andreas Winkelmann – ein enhanced E-Book par excellence

Bei „Deathbook“, im Jahre 2013 von Andreas Winkelmann beim Rowohlt-Verlag veröffentlicht, handelt es sich um ein enhanced E-Book, in dem es zum einen um die Interaktion der Leserin oder des Lesers mit dem Thriller geht, zum anderen jedoch auch um die Illusion, dass der Autor selbst die Hauptfigur des Romans sei und den Mörder seiner Nichte jagt. Bei der Erstveröffentlichung war deshalb eine Publikation im E-Book-Format in insgesamt zehn Episoden gewählt worden. Die erste Episode gab es als Appetizer gratis. Erst nachdem die zehnte Episode erschienen war, wurde eine adaptierte und weniger interaktive Fassung in gedruckter Form veröffentlicht, die die interaktiven Elemente verschriftlichte.

Bei der Erstveröffentlichung ging Winkelmann so weit, dass er auf seinen persönlichen Social-Media-Profilen Informationen veröffentlichte, die seinen Fans Glauben machten, dass das, was im Buch passiert, in Wirklichkeit geschehen sei. Realität und Fiktion verschmolzen und die Sozialen Netzwerke und jegliche multimedialen Elemente waren nicht wie gewöhnlich Teil des Marketings sondern sie trieben die Handlung voran, das heißt man konnte nicht lediglich das Buch lesen und so der Handlung komplett folgen. Winkelmann zog damit eine Menge seiner Fans in den Sog der fiktiven Welt, ohne dass ihnen klar war, dass es sich um ein Experiment handelte. Daher reagierten sie wie dies Facebook-Freunde tun, wenn sie erschreckende Nachrichten auf dem Profil eines Freundes entdecken: Sie brachten ihr Mitgefühl zum Ausdruck und baten um Auskunft, was passiert sei.

Dieses enhanced E-Book ging bei der Interaktion mit der Leserschaft sogar noch einen Schritt weiter: War man bereit, seine persönlichen Daten bei der begleitenden Webseite anzugeben, bestand die Möglichkeit, dass man Briefe, SMS und Anrufe – unter anderem des Mörders höchstpersönlich – erhielt und so direkt in die Handlung des Romans involviert wurde. So berichtete eine Leserin, die sich auf das Experiment einließ, dass sie im Fitnessstudio war und plötzlich eine SMS vom Mörder bekam, die ihr mitteilte, dass er wisse, wo sie sich befinde und sie die nächste auf seiner Liste sei. Selbstverständlich ließ sich das deutsche Publikum nicht ganz so weit in die Geschichte hineinziehen, doch allein die Involviertheit in die Geschichte war und bleibt bis heute ein Novum. Leider wurde das interaktive Angebot 2015 eingestellt.

Literatur

Weigel, Anna: New Narrative Forms in the Digital Age: The Emergence of Enhanced E-Books. In: On_Culture: The Open Journal for the Study of Culture 1/2016.

Weigel, Anna: New reading strategies in the twenty-first century: transmedia storytelling via app in Marisha Pessl’s Night Film. In: Pyrhönen, Heta/Kantola Janna (Hrsg.): Reading Today. London 2018,  S. 73–86.

Andreas Winkelmann im Interview zu Deathbook

Stephanie Wössner

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